In Bremen leben 180 minderjährige Flüchtlinge

Oumars neue Mutter

Bremen. Offiziell heißen sie unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. 180 von ihnen leben in Bremen. Und es werden mehr. 17 von ihnen leben in Bremer Pflegefamilien.
12.11.2013, 01:00
Lesedauer: 3 Min
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Oumars neue Mutter
Von Frauke Fischer
Oumars neue Mutter

Pflegemutter und Vormund: Iris Melching begleitet ihren Pflegesohn Oumar an den Wochenenden oft zum Fußballtraining und zu Wettkämpfen.

Christina Kuhaupt

Offiziell heißen sie unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. 180 von ihnen leben in Bremen. Und es werden mehr. Wie können sie altersgerecht untergebracht, betreut und begleitet werden? 17 von ihnen leben in Bremer Pflegefamilien.

Die Schule ist für heute beendet. Abends geht es noch ins Fitness-Center zu den Kumpels, am Wochenende steht ein Punktspiel beim Fußball an. Zwischendurch ist immer mal Zeit für einen Plausch mit „Mama“. Oumars Alltag ist der eines Jugendlichen in Bremen. Doch in diesen Alltag wächst der 17-Jährige erst hinein. Oumar stammt aus dem westafrikanischen Mali, seit eineinhalb Jahren ist er in Bremen. Dass er hier gleich zu Beginn seine spätere Pflegemutter Iris Melching kennengelernt hat, empfinden beide als großen Glücksfall.

Die Bremerin gab Deutschunterricht in dem Wohnheim, in dem Oumar nach seinem Auffinden erstmal untergebracht wurde. Zunächst kümmerte sie sich als sogenannte Mentorin um Oumar, dann wurde sie sein ehrenamtlicher Vormund, schließlich übernahm sie die Pflegschaft für ihn. Seitdem lebt er fest bei ihr und ihrem Mann. Die eigenen Kinder der Melchings sind inzwischen erwachsen und haben das Haus verlassen. Oumar hat die großen Geschwister kennengelernt, doch der engste Kontakt besteht verständlicherweise zu den Pflegeeltern. Von ihnen spricht er als Mama und Papa. Ihnen erzählt er vom Schulalltag in der Allgemeinen Berufsschule in Walle, wo er eine Sprachklasse besucht. Dort bekommen junge Flüchtlinge ein Fundament für die weitere Ausbildung: Deutsch.

„Ich habe die besten Zensuren in der Klasse“, sagt der 17-Jährige stolz. Ganz schnell hat er Deutsch gelernt. Die praktische Arbeit in der Schule, der Umgang mit Metall und das Schweißen,sind für Oumar ohnehin nicht schwer. Das hat er schon in Mali gemacht. Über seine Kindheit und die Umstände der Flucht aus dem Bürgerkriegsland mag der Junge nur wenig erzählen, Erinnerungen hängen daran. Vermutlich keine guten. Nur so viel sagt er: „Ich weiß nicht, wo meine Familie ist.“ Für Iris Melching und ihren Mann spielt Oumars Vergangenheit keine Rolle. „Das Wichtigste für mich ist, ihn selbstbewusst und stark zu machen“, sagt die 55-Jährige. Wenn Oumar von Mali erzählen möchte, hört sie zu. Doch das Wissen ist nicht die Voraussetzung für das Zusammenleben. „Oumar ist unser Sohn“, sagt die Pflegemutter. „Er hat uns ausgesucht. Ich sehe das als Geschenk.“

Abgesehen von all den Ämtergängen, die notwendig sind für die Klärung von Oumars Aufenthaltsstatus und seine Betreuung, bringen Vormund- und Pflegschaft für Iris Melching typische Elternaufgaben mit sich. Mehrmals die Woche, vor allem an den Wochenenden, fährt sie ihn zu Fußballspielen und zur Leichtathletik. Oumar ist ein guter Sportler. Ein großes Foto im Wohnzimmer der Melchings zeigt ihn im Wettbewerb beim Hürdenlauf.

Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, erweitern sich die Perspektiven für den jungen Flüchtling. „Ich will hier lernen und ein gutes Leben finden“, sagt er. Um zu erfahren, wie das am besten klappt, informiert er sich bei den Pflegeeltern, bei Lehrern, Freunden. Und auch bei Menschen, die wie er ihre Heimat verlassen mussten und Tipps weitergeben können. Nette Menschen habe er getroffen, vor allem im Sport: „Beim Fußball gibt es viele Nationen, und es ist nicht wichtig, woher du kommst.“

Seine Pflegemutter hat hin und wieder Zurückhaltung gespürt, wenn sie anderen von ihrer Aufgabe erzählte. „Ist Oumar dabei, passiert das aber nie“, sagt sie lächelnd und meint damit seine fröhliche, freundliche Art, der niemand widerstehen kann. Eine Pflegschaft, sagt sie, „ist schon ein großer Schritt“. Wer ihn gehen wolle, müsse gut vorbereitet sein und übernehme viel Verantwortung.

Das bestätigt Eva Rhode von „Pflegekinder in Bremen“ (PiB). Für 17 junge Flüchtlinge konnte PiB inzwischen Familien finden. „Es muss zusammenpassen“, sagt Eva Rhode. Deshalb werden interessierte Bremer ebenso wie die jungen Flüchtlinge in Veranstaltungen auf das Zusammenleben und die Herausforderungen vorbereitet (siehe Artikel unten).

Doch auch ehrenamtliche Vormünder werden gesucht. Iris Melching hat drei weitere Mündel, und sie ermuntert Interessierte, sich für diese Aufgabe schulen zu lassen. Sie selbst hat das bei der Organisation ProCura Kids gemacht und ist überzeugt: „Man muss den Menschen helfen, die einem begegnen.“

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