Die Brinkmänner (5) Ozeanografin auf der Erfolgswelle

Regina Hewer hat bei der Martin Brinkmann AG in Bremen sehr schnell Karriere gemacht. Die studierte Ozeanografin arbeitete dort als Personalleiterin und Chefin der Kartonagenfabrik mit Druckerei.
14.07.2019, 21:04
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Ozeanografin auf der Erfolgswelle
Von Detlev Scheil

Viele Raucher wundern sich da­rüber: Ziehen sie eine Zigarette aus einer vollen Packung, so ist es kaum möglich, diese unbeschädigt wieder in die Schachtel zu schieben. Regina Hewer weiß, woran das liegt: „Während der Produktion werden die Zigaretten nicht in die Schachtel gesteckt, sondern der vorgefaltete Schachtelkarton wird um die Glimmstängel gelegt. Deshalb sitzen sie so fest drin.“ Hewer hatte Millionen Zigarettenschachteln unter ihrer Obhut, denn sie leitete die Kartonagenfabrik der Martin Brinkmann AG.

Seit dem Aufbau des Woltmershauser Werkes in den 1930er-Jahren bestand bei Brinkmann eine Dreiteilung der Produktionsbereiche: Zigarettenfabrik, Tabakfabrik sowie Kartonagenfabrik mit Druckerei. Eine Frau als Fabrikchefin – das hatte es in der langen Geschichte des Unternehmens vor Hewer noch nicht gegeben. So erregte Regina Hewer einiges Aufsehen, als sie 1993 die Leitung der Packungsproduktion in Woltmershausen übernahm. Später gestaltete sie in führender Position die Ausgliederung dieses Betriebsteils und den Neubau einer Druckerei vor den Toren Bremens mit.

Von der Uni die Nase voll

Wer der Studentin Regina Hewer prophezeit hätte, dass sie mal in der Tabakindustrie Karriere macht, wäre wahrscheinlich von ihr ausgelacht worden. Sie war in den Naturwissenschaften zu Hause und machte 1980 ihren Hochschulabschluss in Ozeanografie, Mathematik und Physik. Zunächst arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg. Spannende Meeresforschung hin oder her – nach drei Jahren hatte sie vom akademischen Betrieb mit den immer nur befristeten Stellen und unsicheren Zukunftsaussichten die Nase voll und wechselte zur EDV-Abteilung einer Unternehmensberatung.

Im Sommer 1985 fing sie dann als 30-Jährige bei der Martin Brinkmann AG in Woltmershausen im Bereich Informations-Systeme an. Nach fünf Jahren stieg sie dort zur Leiterin der gesamten Organisationsentwicklung auf. „Das Unternehmen nahm die Nachwuchsförderung ernst“, sagt sie, „es gab immer wieder Trainee-Programme, um geeignete Mitarbeiter für höhere Aufgaben vorzubereiten und zu testen.“ Regina Hewer gab sich allein mit den beruflichen Aufgaben nicht zufrieden, sondern absolvierte nebenher ein Zusatzstudium der Betriebswirtschaft an der Fern-Universität Hagen. Als sie das Studium 1990 erfolgreich abgeschlossen hatte, verlieh das ihrer Karriere einen weiteren Schub: Ein Jahr später wurde sie zur Personalleiterin in Bremen befördert und damit auch für die 440 Mitarbeiter des Außendienstes für den Zigarettenverkauf zuständig.

„Es war eine sehr interessante Zeit, denn die Maueröffnung war ja gerade erst erfolgt, und Brinkmann wollte im Osten kräftig Umsatz machen“, berichtet Regina Hewer. Mit der eigens für die neuen östlichen Bundesländer entwickelten Zigarettenmarke Golden American war Brinkmann extrem erfolgreich.

Personalanwerbung im Osten

„Das Problem war, dass wir im Osten erst einen Außendienst aufbauen mussten, und das erwies sich als überaus schwierig“, so Hewer. Wenn sie in den rund 200 Personalgesprächen nachgebohrt habe, ob eine Verbindung zur Stasi bestand, hätten viele herumgedruckst und schließlich eine inoffizielle Mitarbeit beim „VEB Horch und Guck“ eingeräumt. „Damit war eine Anstellung vom Tisch“, erklärt Hewer. Am Ende habe das ostdeutsche Außendienstler-Team zu einem Drittel aus Frauen bestanden – ein wesentlich höherer Anteil als im Westen.

Das Internet steckte noch ganz in den Anfängen. Um die von den Außendienstlern hereingeholten Bestellungen schnell bearbeiten zu können, fädelte Regina Hewer eine spezielle Lösung ein: Es wurde das Bildschirmtext-System der österreichischen Post als interaktiver Onlinedienst genutzt.

Verhandlungen über Sozialplan

Als Personalleiterin musste Regina Hewer allerdings auch die Teilbetriebsschließung in Bremen mit umsetzen und Sozialplan-Verhandlungen mit der Gewerkschaft führen, die wiederum einen Hamburger Rechtsanwalt mit heranzog. „Der Anwalt war ein Schulfreund meines Vaters und hat meinem Vater dann berichtet: ‚Der einzige Mann in dieser Männergesellschaft der Sozialplan-Verhandlungen war deine Tochter.“ Ein großes Kompliment für die stringente Verhandlungsführung und Kompetenz von Regina Hewer.

Neue Herausforderung

In Woltmershausen wartete eine neue Herausforderung auf die gelernte Ozeanografin, als Hermann Bädecker 1993 in den Vorruhestand ging und den Chefposten bei der Packungsproduktion mit Druckerei räumte. Regina Hewer griff zu. Damit wurde sie mit 37 Jahren die Chefin von rund 130 hochqualifizierten Mitarbeitern, vor allem Drucker und Stanzer. Hergestellt wurden bedruckte Klappdeckel-Schachteln zum Beispiel für die führenden Marken Lux Filter und Lord Extra. Der Ausstoß betrug laut Hewer 360 bis 720 Packungen pro Minute, je nach Aufwand für die Packungsdetails. Der Jahresumsatz dieser Sparte lag bei 45 Millionen D-Mark (umgerechnet rund 23 Millionen Euro). „Die Packungsproduktion musste zu der Zeit als Profitcenter geführt werden, also gewinnbringend arbeiten“, so Hewer.

Firma verkauft

Die Sparte wurde aus dem Unternehmen ausgegliedert und in eine GmbH überführt. Aufgrund der Zigaretten- und Tabakproduktions-Verlagerungen nach Berlin und Holland schrumpften das Auftragsvolumen und die Rentabilität. Das führte zum Verkauf an die Firma Field Packaging – Regina Hewer ging als Geschäftsführerin, somit Chefin von rund 100 Mitarbeitern, mit. Auf dem Brinkmann-Areal konnte die Firma nicht bleiben, deshalb wurde 2002 ein Neubau in Delmenhorst erstellt. Und noch einmal ergab sich ein Wandel, denn 2008 übernahm die Mayr-Meinhof Karton AG aus Wien das Werk in Delmenhorst. Hewer wollte nicht mehr weitermachen, sondern schied mit 52 Jahren aus. Im Ruhestand engagiert sie sich ehrenamtlich für das Kinderhilfswerk terre des hommes, dessen stellvertretende Bundesvorsitzende sie ist.

Info

Zur Sache

Die Artikelreihe

In der ehemaligen Zigaretten- und Tabakfabrik Martin Brinkmann AG in Woltmershausen waren früher einige Tausend Mitarbeiter beschäftigt. Das große Firmengelände ist jetzt im Umbruch: Rund 1200 Wohnungen sollen dort entstehen und die alten Gebäude für moderne Bürolofts genutzt werden. In dieser Artikelreihe, deren Beiträge unregelmäßig erscheinen, wird an die Arbeit in den verschiedenen Brinkmann-Abteilungen erinnert. Im nächsten Teil geht es um das Verhalten des Firmenchefs Hermann Ritter während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft.

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