Atelier Spezial: Malgruppen des Bürgerhauses Hemelingen gestalten abwechslungsreichen Abend im Kubiko

Parcours durch den Kaufladen des Lebens

Hemelingen. „Wann findet man das, was man schon immer gesucht hat und was genau war das eigentlich noch mal?“ Mit diesen Worten begrüßt der Bremer Künstler Martin Koroscha die Gäste im Kubiko, die sich in den „Kaufladen des Lebens“– einen interaktiven Erlebnisparcours mit mehreren Stationen stürzen wollen. Seine Malgruppen des Ateliers Bürgerhaus Hemelingen haben sich künstlerisch mit dem Konsum-Alltag beschäftigt und zeigen ihre Werke.
28.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von CHRISTIANE MESTER

„Wann findet man das, was man schon immer gesucht hat und was genau war das eigentlich noch mal?“ Mit diesen Worten begrüßt der Bremer Künstler Martin Koroscha die Gäste im Kubiko, die sich in den „Kaufladen des Lebens“ – einen interaktiven Erlebnisparcours mit mehreren Stationen stürzen wollen. Seine Malgruppen des Ateliers Bürgerhaus Hemelingen haben sich künstlerisch mit dem Konsum-Alltag beschäftigt und zeigen ihre Werke.

An der Kasse kommt auch hier niemand vorbei. „Drei Euro bezahlen, aber 2500 zurückbekommen, das ist doch ein gutes Geschäft“, findet eine Dame am Eingang, die gerade ein Heft mit Spielgeld zum Ausschneiden in die Hand gedrückt bekommen hat und lacht. Diese Logik von Ware und Gegenwert soll hier heute hinterfragt werden. Mit viel Humor, wie sich zeigen wird.

„Basteln sie sich eine Geldbörse“

An jeder Station können sich die Gäste entscheiden, wie viel ihnen das jeweilige Erlebnis wert ist und die kleinen Sparschweinchen, die überall auf den Tischen verteilt sind, mit ein paar Scheinen stopfen. Urheberinnen des bunten Chaos sind „Elfie und Yvette“, ein Künstlerinnenduo das Elfi als „Personal-Assistant-Coaches des heutigen Abends“ vorstellt. Sie mischen sich unter die Gäste, fordern den einen oder die andere charmant zum Tanzen auf, sagen die Zukunft vorher und lackieren Fingernägel – all das scheinbar gleichzeitig, so wirkt es zumindest.

Zweieinhalbtausend Euro Startkapital, wer so viel Geld mit sich trägt, der braucht zunächst ein passendes Portemonnaie. Gleich an der ersten Station heißt es daher: „Mäuse sichern! Basteln Sie sich eine Geldbörse.“ Das Ehepaar Wirbel ist in der Anleitung nur bis Schritt sechs gekommen, dann haben sie aufgegeben und machen nun eine kleine Pause am Rande des Trubels, obwohl der Abend noch nicht einmal richtig angefangen hat. „Nach ‚wenden Sie die Form erneut‘, wussten wir nicht weiter“, sagt Inge Wirbel, die hier heute ihre Blütenbilder ausstellt und schmunzelt, „wir arbeiten das dann zu Hause nach.“

Bühne des Lebens

Auf der „Bühne des Lebens“ versucht sich Martin Koroscha Gehör zu verschaffen: „Annika!“, ruft er in Richtung Eingang, „mach doch mal die Schlager leiser, man versteht mich ja kaum.“ Die Stimmung ist ausgelassen. „Das ist ein Atelier total Spezial zwischen Kunstausstellung, Philosophie und Walk-Act“, fasst er die Überschrift des heutigen Abends dann noch einmal sehr treffend zusammen, und schon geht’s weiter.

Marina Tete aus Hastedt, Teilnehmerin im Malkurs, die sich gerade mit Aquarellmalerei beschäftigt und künstlerisch gesehen ein „Faible für Pilze“ hat, probiert an diesem Abend alles aus. „Nein, fast alles“, korrigiert sie sogleich, „meine Vergangenheit möchte ich nicht eintauschen“, sagt sie und deutet auf den Tisch, auf dem alte Schwarz-Weiß-Fotografien zum Mitnehmen liegen. „Das Angebot gefällt mir nicht, da behalte ich lieber meine eigene.“ Hat sie gerade noch ein Bierdeckel-Porträt von sich zeichnen lassen, schaut sie danach hinter jede Tür von „Heimat in mir“, einem hölzernen Kunstobjekt mit einem reichen Innenleben mit allerlei Kuriositäten und dann sitzt sie auch schon bei Elfi, um sich etwas über ihre Zukunft erzählen zu lassen. Die Weissagung vom „Märchenmann“ gefällt ihr gut und der Empfehlung, sich doch mal eine Massage zu gönnen, will sie bald nachkommen. „Ich sehe, dass ihre Schulterpartie verspannt ist“, hat Elfi zu ihr gesagt.

Erinnerung an wilde Zeiten

Am Tisch mit dem Plattenspieler schwenkt Henning aus Hemelingen sein Glas Grau-burgunder und fühlt sich angesichts der Auswahl an Schallplatten an die wilden Zeiten seiner Jugend erinnert. „Glenn Miller haben wir damals immer gehört“, sagt er und fügt mit Blick auf sein Glas hinzu, „dazu gab es immer viel Rotwein. Lambrusco haben wir getrunken – ein scheußliches Zeug.“

Dass es einmal noch wilder gewesen sein könnte, ist angesichts der Szenerie im Raum nur sehr schwer vorstellbar. Henning hat sich gerade eine neue Vergangenheit gekauft, erzählt er. „Ich glaube, mit der Generation hier habe ich abgeschlossen“, wendet er sich wieder der Musikauswahl zu. „Die Beatles könnte ich mir vielleicht noch vorstellen.“

Neben ihm legt Ulla Schmock mit einer Freundin gerade ein Tänzchen aufs Parkett. Längst haben die Gäste die „Bühne des Lebens“ für sich erobert. Die 69-Jährige besucht die Malgruppe schon seit zehn Jahren. Von ihr hängen zwei Bilder im Kubiko. „Atemlos durch die Stadt“ hat sie eines genannt, das eine Gruppe von vier Frauen zeigt, die mit vollen Einkaufstüten eine Straße entlangeilen. „Martin gibt uns immer Themen vor“, sagt sie, zurück am Tisch und selbst noch ganz außer Atem, „und ich male einfach gerne Menschen.“

Die Tür zum Flur des Gebäudes ist offen. Der Ortsamtsleiter kommt zufällig vorbei und wirft einen kurzen Blick auf das Treiben, bevor er sich dann auf den Weg in seinen Feierabend macht. Dass ihm eine Dame noch quer durch den Raum zuruft, „die besten Dinge im Leben sind umsonst, aber niemals vergebens“, hört er wohl schon nicht mehr.

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