Niederschlagung der Bremer Räterepublik

Paris, Bremen, München

In mehreren deutschen Städten und europäischen Staaten werden Räterepubliken proklamiert. Die meisten gehören schon nach wenigen Tagen der Geschichte an. Eine aber bleibt mehr als ein Jahrzehnt bestehen.
02.02.2019, 00:02
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Paris, Bremen, München
Von Helge Hommers
Paris, Bremen, München

Während der Pariser Kommune von 1871 zerstören Revolutionäre alte Denkmäler und rufen zum Barrikadenkampf auf.

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Die Bremer Räterepublik ist nicht die einzige, die in den politischen Wirren nach der Novemberrevolution von 1918 ausgerufen wird. In Fürth, Braunschweig, Würzburg, Baden und Mannheim reißen ebenfalls linke Räteanhänger nach Ende des Ersten Weltkriegs die Regierungsgewalt an sich. So wie in Bremen überleben die Räte zumeist nur wenige Tage. Die Räterepublik Oldenburg/Ostfriesland, in Wilhelmshaven vom Arbeiterrat ins Leben gerufen, existiert etwa ganze fünf Stunden.

Auch in anderen europäischen Staaten proklamieren Kommunisten und linke Gruppierungen Räterepubliken. Der Großteil von ihnen wird aber schon nach wenigen Tagen, Wochen oder Monaten aufgelöst. Eine von ihnen hat hingegen fast anderthalb Jahrzehnte Bestand – mit weitreichenden Folgen.

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Die Pariser Kommune

Das französische Heer kapituliert, Kaiser Napoleon III. gerät in Gefangenschaft und die siegreichen deutschen Truppen marschieren auf Paris zu – einen Tag nach der Schlacht bei Sedan am 2. September 1870 neigt sich der deutsch-französische Krieg von 1870/71 dem Ende zu. Ende März erhebt sich in der französischen Hauptstadt die Unterschicht und ruft die Pariser Kommune aus – die erste sozialistische Räterepublik der Geschichte. Die Revolutionäre setzen sich für die Interessen des einfachen Volkes ein, doch die Regierung antwortet mit Härte: Sie lässt die Kommune innerhalb von zwei Monaten niederschießen. Je nach Quellenlage verlieren zwischen 20 000 und 30 000 Menschen ihr Leben.

Die Ungarische Räterepublik

Der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn zerfällt nach Ende des Ersten Weltkriegs in mehrere Einzelstaaten. Auch Ungarn erklärt seine Unabhängigkeit, verliert aber nach Beschluss der Siegermächte weite Teile des Staatsgebietes an seine Nachbarstaaten. Die ungarische Regierung tritt daher im März 1919 zurück. Daraufhin ruft der Kommunist Béla Kun eine Räterepublik aus, die umgehend Banken und Betriebe verstaatlicht. Die Armee solidarisiert sich mit der neuen Regierung, da Kun verspricht, die alten Staatsgebiete zurückzuerobern.

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In Rumänien aber scheitert ihr Vorstoß, woraufhin rumänische Truppen gen Budapest marschieren. Kun geht ins russische Exil, wo er später hingerichtet wird. Die ungarische Räterepublik besteht keine fünf Monate. Truppen der Kommunisten sowie der ihnen nachfolgenden Regierung ermorden zusammen etwa 5000 Menschen. Mit dem Vertrag von Trianon, der als Trauma in die ungarische Geschichte eingeht, steht die Abtretung von zwei Dritteln des früheren Staatsgebiets endgültig fest.

Freicorpskämpfer in München 1919

So wie in Bremen sind auch in München rechtsgerichtete Freikorpskämpfer an der Niederschlagung der Räterepublik beteiligt.

Foto: dpa

Die Münchner Räterepublik

Kurt Eisner (USPD), Regierungschef des nach der Novemberrevolution entstandenen Freistaates Bayern, ist auf dem Weg zum Landtag. Er plant, seinen Rücktritt bekannt zu geben. Dazu kommt es nicht: Ein Rechtsradikaler erschießt ihn. In den Reihen der Revolutionäre macht sich Wut und Uneinigkeit breit. Die USPD spricht der wenig später vom Landtag gewählten SPD-Regierung die Legitimation ab und ruft am 7. April 1919 die Münchner Räterepublik aus. Die abgesetzten Machthaber fliehen. Wegen Versorgungsproblemen will die Räteregierung mit der rechtmäßigen Regierung, die sich im Bamberger Exil befindet, verhandeln, was diese aber ablehnt.

Stattdessen schickt sie rechte Freikorps in den Kampf gegen die Rote Armee der Kommunisten. Mehr als 600 Menschen verlieren ihr Leben. In den Wochen danach erschießen die Eroberer weitere 2000 – teils vermeintliche – Anhänger der Räterepublik. München entwickelt sich in den folgenden Jahren zur sogenannten Wiege des Nationalsozialismus, was manche Forscher auf die Erfahrungen während der weniger als einen Monat währenden Räterepublik zurückführen.

Die Slowakische Räterepublik

Nach der Auflösung Österreich-Ungarns erklärt die Tschechoslowakei ihre Unabhängigkeit und die parlamentarische Demokratie zu ihrer Staatsform. Mit Zustimmung der Siegermächte fällt dem neu gegründeten Staat die bis dahin zum Königreich Ungarn gehörende Slowakei zu. Es kommt zum militärischen Konflikt, in dem die Tschechoslowakei versucht, das Gebiet gewaltsam zu erobern. Doch die Rote Armee der ungarischen Räterepublik drängt die tschechoslowakis

chen Truppen zurück. Ein tschechischer Journalist nutzt die Phase der Unruhe und ruft im Juni 1919 in Prešov die Slowakische Räterepublik aus, die aber faktisch ein Marionettenstaat Ungarns ist. Nach nicht einmal einem Monat findet diese ihr Ende, als sich die ungarischen Truppen zurückziehen. Rumänische Einheiten besetzen die Slowakei und lösen die Räterepublik auf.

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Die Sowjetunion

Erst sind es Frauen, die in Sankt Petersburg streiken. Im Januar 1905 marschieren dann etwa 150 000 wütende, aber friedliche Arbeiter zum Winterpalast des Zaren Nikolaus II. und fordern unter anderem die Einrichtung eines Parlaments. Die Armee schießt die Demonstration nieder, was die Radikalisierung von Arbeitern im ganzen Land zur Folge hat. Eisenbahner streiken, auch Matrosen schließen sich den Aufständischen an. Sie organisieren sich in Arbeiterkomitees (auf Russisch: Sowjets). Schließlich willigt der Zar in die Forderung ein – zumindest vorerst. Denn bald darauf lässt er viele Mitglieder der mehr als ein Jahr währenden Räte verhaften und die Reformen rückgängig machen.

Mit der Abdankung des Zaren nach der Februarrevolution von 1917 kommt es in Russland zur Bildung einer Doppelherrschaft, in der das Parlament gemeinsam mit Arbeiter- und Soldatenräten regiert. Kurz vor der Wahl zu einer verfassunggebenden Versammlung reißen die Bolschewiki um Wladimir Iljitsch Lenin mit der Oktoberrevolution die Macht an sich.

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Es folgt ein Bürgerkrieg zwischen den Kommunisten und ihren Kontrahenten, aus dem die Bolschewiki als Sieger hervorgehen. Die Räte aber verlieren an Unabhängigkeit und sind vielmehr Instrumente der kommunistischen Partei. Mit der Gründung der Sowjetunion im Jahr 1922 entsteht eine Räterepublik, deren Räte in den folgenden Jahren zunehmend an Einfluss verlieren.

In den internen Machtkämpfen nach Lenins Tod setzt sich schließlich Josef Stalin durch, der zum Alleinherrscher aufsteigt. Die Räte regieren nur noch formell. Mit der Stalin-Verfassung im Jahr 1936 sind sie endgültig wirkungslos. Stalins Macht ist dadurch noch weiter gefestigt.

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