Rhododendronpark in Bremen Park-Mitarbeiter setzen Pflanzengift ein

Im Bremer Rhododendronpark zerstören asiatische Insekten die Pflanzen - ein Gift-Einsatz soll Abhilfe schaffen.
01.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Park-Mitarbeiter setzen Pflanzengift ein
Von Jan Oppel

Hartwig Schepker ist entsetzt. „Wenn wir jetzt nichts tun, ist das der Anfang vom Ende“, sagt der Park-Chef, als er das braune Blatt eines Rhododendron-Busches umdreht. Auf der Rückseite kriechen drei kleine schwarze Insekten. „Netzwanzen – eingeschleppt aus Japan“, erklärt Schepker.

Der 51-Jährige ist wissenschaftlicher Leiter des Botanischen Gartens. Einen Schädlingsbefall dieses Ausmaßes habe er hier noch nicht erlebt: Drei Viertel der Rhododendron-Pflanzen sind von der Andromeda-Netzwanze befallen. Seit Anfang Mai saugt das Insekt den Blättern den Saft aus. Jetzt rücken die Park-Mitarbeiter den kleinen Tierchen mit Pflanzengift zuleibe. Bis zum Freitagmorgen bleibt der Rhododendronpark für Besucher gesperrt. „Wir können einfach nicht weiter zuschauen“, sagt Schepker.

Sönke Hofmann hat kein Verständnis für den Gift-Einsatz: „Wer mitten in der Stadt auf tausenden Quadratmetern hochgiftige Chemikalien versprühen will, sollte seinen Geisteszustand untersuchen lassen“, wettert der Geschäftsführer des Naturschutzbunds (Nabu) in Bremen. Kein Schädlingsbefall rechtfertige den Einsatz von Insektiziden in derart großen Mengen. Der Park habe es dazu versäumt, die Öffentlichkeit über das eingesetzte Mittel aufzuklären. Diese Informationspolitik sei „unter aller Sau.“ Mittlerweile gebe es biologische Präparate mit geringeren Nebenwirkungen, meint der studierte Förster.

Hartwig Schepker ist von der Kritik genervt: „Wenn Herr Hofmann diese Mittel kennt, sollte er sich mit dem Pflanzenschutzdienst in Verbindung setzen.“ Der Park-Chef betont, dass alles seinen geregelten Gang geht. Er und seine Mitarbeiter folgten exakt den geltenden Vorschriften des Amtes. Hier habe man dem Park für den Gift-Einsatz eine Sondergenehmigung ausgestellt. „Wir sind ja keine Bäcker, die hier einen Kleingarten betreiben“, ärgert sich Schepker. „Hier arbeiten Fachleute, die ein einzigartiges Kulturobjekt bewahren wollen.“

Das eingesetzte Mittel, Mospilan, sei ein systemisches Insektizid, erklärt Schepker. Mit Spritzpistolen werden seine Mitarbeiter das Gift auf die Blätter sprühen. Bei gutem Wetter werde das Mittel binnen einer Stunde von der Pflanze aufgenommen. Bei Regen oder Sturm könne nicht gespritzt werden. Das Gift treffe in erster Linie den Schädling, sagt Schepker. Für Bienen und andere Insekten sei die Chemikalie weitgehend unbedenklich. In welcher Form sich das Gift auf den Menschen auswirkt, ist unklar. Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit kann sich der in Mospilan enthaltene Wirkstoff Acetamiprid „unter Umständen auf das in Entwicklung begriffene menschliche Nervensystem auswirken“.

23 Gärtner werden – mit Schutzanzügen und Gasmasken ausgerüstet – die Pflanzen behandeln. Bei den warmen Temperaturen keine leichte Arbeit. In der hautengen Arbeitskleidung gerät man schnell ins Schwitzen. Bis Freitag wird in zwei Schichten gearbeitet. Von fünf Uhr morgens bis 21 Uhr werden die Mitarbeiter des Rhododendronparks im Einsatz sein. „Für unsere Leute ist das eine echte Kampfleistung“, sagt Schepker. Da das Gift über einen längeren Zeitraum im Blatt verbleibe, hofft der er, die Wanzen mit einem einzigen Gifteinsatz nachhaltig zurückzudrängen.

Vor 13 Jahren eingeschleppt

Die Andromeda-Netzwanzen messen gerade einmal drei bis vier Millimeter. Als eingeschleppte Art haben sie in Deutschland in der Insektenwelt keine natürlichen Feinde. Entsprechend schnell breiten sich die Tiere aus. Warum das gerade in diesem Jahr geradezu explosionsartig geschieht, weiß Schepker nicht. Rund 1250 Pflanzen hat er in den vergangenen Wochen auf Schädlingsbefall geprüft. Die asiatischen Insekten sind bereits seit 2002 im Park anzutreffen. Ursprünglich wurden sie über japanische Lavendelheide eingeschleppt, die vor 13 Jahren in die Anlage gepflanzt wurde. Warum sie sich jetzt in erster Linie auf den immergrünen Rhododendron- und Azaleenbüschen niederlassen, ist unklar.

Schon kurz nach dem Befall weisen die Blätter der Büsche braune und gelbe Flecken auf. Wird nichts unternommen, stirbt die Pflanze, sagt Schepker.

Mehr als 30.000 Rhododendron-Züchtungen sind weltweit bekannt. Mehr als zehn Prozent aller registrierten Sorten sind im Rhododendronpark zu finden. Für Schepker „ein lebendes Museum mit 200-jähriger Geschichte.“ Er will alles dafür tun, die lästigen Insekten loszuwerden. „Wir sind für diese Pflanzen bekannt“, sagt er. „Ein Rhododendronpark ohne Rhododendren – das geht einfach nicht.“

Rhododendronpark gesperrt

Bis Freitagmorgen ist der Rhododendronpark gesperrt. Die Eingänge an der Horner Heerstraße, Bandelstraße, Ronzelenstraße, Berckstraße und der Marcusallee bleiben geschlossen. Über den Zugang am Deliusweg können Besucher auch während der Aktion das Gewächshaus Botanika und das Parkrestaurant Bloom weiterhin besuchen.

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