Huchtinger Bürger äußern Kritik Parlamentarier prüfen Linie 1

Bremen. Auf der einen Seite die Bürger, auf der anderen Seite Planer und die Straßenbahn. Der Konflikt um die Huchtinger Straßenbahnverlängerungen gärt seit zwei Jahrzehnten. Auch nach einer Beratung im Petitionsausschuss der Bürgerschaft ist eine Lösung nicht in Sicht.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Parlamentarier prüfen Linie 1
Von Michael Brandt

Bremen. Auf der einen Seite die Bürger mit ihren Wünschen - auf der anderen Seite Planer, Behörden und die Straßenbahn. Der Konflikt um die Huchtinger Straßenbahnverlängerungen gärt seit zwei Jahrzehnten. Der Streit ist gestern vor dem Petitionsausschuss einer Lösung keinen Schritt nähergekommen. Die Bürger haben ihre Kritik am Verfahren geäußert. Sie erwarten jetzt entweder einen generellen Verzicht auf das 80-Millionen-Projekt oder wenigstens eine neue Prüfung von Alternativen.

Die Stimmungslage im Stadtteil ist eindeutig. Rund 1000 Bürgerinnen und Bürger haben die Petition unterzeichnet, die sich gegen die Verlängerungspläne richtet. Mehr als die Hälfte von ihnen hat die neue Möglichkeit genutzt, im Internet auf der Seite der Bremischen Bürgerschaft die Petition mitzuzeichnen. 264 schriftliche Einwendungen gegen die Planungen haben außerdem die Verkehrsbehörde erreicht. Und dazu kommen - berichtete gestern die stellvertretende Ortsamtsleiterin Annette Yildirim - inzwischen zwei einstimmige Beschlüsse des Beirats gegen die jetzigen Pläne. Klare Verhältnisse in Huchting.

Der Huchtinger Roland Kutzki hatte die Petition, zu der gestern Vormittag die Anhörung stattfand, an die Bürgerschaft gerichtet. Der Text beginnt mit der Aussage: 'Wir Huchtinger Bürger halten den Ausbau der Straßenbahnlinien 1 und 8 für nicht erforderlich.'

Die Begründung ist hinlänglich bekannt, Kutzki listet eine Reihe von Nachteilen auf. Die Strecke sei zu teuer, sie gehe an den Bedürfnissen der Huchtinger vorbei, es müssen Grundstücke der Anlieger verkleinert werden und die Trasse zerstöre obendrein noch Natur. Zwischen 600 und 900 Bäume müssen gefällt werden. Und schließlich müssen die Anlieger in Kauf nehmen, dass breite Streifen ihrer Grundstücke während der mehrjährigen Bauphase in Anspruch genommen werden. Planer Jens Wittrock räumte gestern ein: 'Die Gefahr ist groß, dass dabei auch etwas kaputt geht.'

Strecken sollen bis 2015 verlängert werden

Während der Sitzung des Petitionsausschusses stellten die Planer noch einmal die Grundzüge der Überlegungen vor. Die Pläne, die Huchtinger Strecken bis zum Jahr 2015 zu verlängern, gehören zur Ausbauplanung der Straßenbahn (BSAG). Es geht darum, die Linie 1 von der bisherigen Endstation am Einkaufszentrum Roland-Center erst bis zur Heinrich-Plett-Allee und dann weiter bis zu einer neuen Wendeschleife an der Brüsseler Straße zu führen. Gleichzeitig soll die Linie 8 ab Roland-Center über die Landesgrenze hinaus verlängert werden. Sie soll künftig die Pendler aus Stuhr, Brinkum und Leeste in die Stadt und wieder zurück bringen. Die Kosten für die Verlängerung der Linie 1 sind allerdings von ursprünglich 28,3 Millionen Euro auf rund 80 Millionen Euro explodiert.

Einer der Vorschläge der Gegner ist bereits seit Längerem, die Linie durch den Stadtteil nicht über die Trasse der Bremen-Thedinghauser-Eisenbahn (BTE) zu führen, sondern auf der Kirchhuchtinger Landstraße. Die beiden Alternativen sind früher schon geprüft und gegeneinander abgewogen worden. Aus Warte der Kritiker haben sich aber im Laufe der vergangenen Jahre so viele Faktoren geändert, sodass sie eine grundsätzliche Neubewertung für notwendig erachten. Sie bezweifeln außerdem, dass die Wirtschaftlichkeitsberechnungen heute noch den tatsächlichen Gegebenheiten entsprechen. So sei zwischenzeitlich von den Überlegungen Abstand genommen worden, die Trasse eingleisig zu bauen. Anwohner Rolf Berger ist deshalb sicher: Bei erneuter Berechnung würde der Wert unter die Wirtschaftlichkeitsgrenze fallen.

Heiko Wenke vom Amt für Straßen und Verkehr (ASV) widersprach diesen Darstellungen. Die alternative Trassenführung auf der Kirchhuchtinger Landstraße sei noch einmal untersucht worden. Und sie würde aus seiner Sicht auch unter den heutigen Rahmenbedingungen die teurere Variante bleiben. Der Petent Roland Kutzki bezweifelte auch dies: 'Eine präzise Untersuchung der Trasse auf der Kirchhuchtinger Landstraße hat es nicht gegeben.'

Ortsamtsleiterin: Busse zu ersetzen macht keinen Sinn

Die stellvertretende Ortsamtsleiterin Annette Yildirim unterstützte hingegen die Petition. 'Ich habe sehr viele Ängste und Befürchtungen in der Bevölkerung wahrgenommen', schilderte sie ihre bisherigen Erfahrungen. Es mache aus ihrer Sicht überhaupt keinen Sinn, den funktionierenden Ringverkehr der Buslinien 57 und 58 durch die Linie 1 zu ersetzen, die nur ein Wurmfortsatz sei. Nach Einschätzung der stellvertretenden Ortsamtsleiterin verschlechtert sich die Situation im Stadtteil sogar: Die Linie 1 schließe einen Teil der Bevölkerung vom ÖPNV aus, weil der Weg bis zur nächsten Haltestelle zu weit sei. Der Wendepunkt an der Brüsseler Straße erschien ihr willkürlich gewählt. Fazit: 'Mir erschließt sich der Sinn nicht. Und ich denke, da stimme ich mit 98 Prozent der Bevölkerung in Huchting überein.'

Der Petitionsausschuss hat sich die Argumente gestern lediglich angehört. Es sei untypisch für das Gremium, betonte der Vorsitzende Manfred Oppermann (SPD) eingangs, sich zu einem so frühen Planungsstand einzuschalten. In diesem Fall sei dies aber wegen der Bedeutung des Projektes angemessen. Einzig der FDP-Abgeordnete Magnus Buhlert machte in einer Stellungnahme bereits klar, dass er gegen die Straßenbahnverlängerung ist.

Der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Claas Rohmeyer, der vom Ausschuss zum Berichterstatter zu diesem Thema ernannt worden ist, stellte fest, dass es in erster Linie Aufgabe des Petitionsausschusses sei festzustellen, ob das Verfahren ordnungsgemäß laufe. Und: 'Wir können bisher keine groben Fehler erkennen.' Jetzt sollen weitere Fragen der Abgeordneten schriftlich erörtert und im November im Ausschuss erneut beraten werden. Danach wird der Petitionsausschuss eine Empfehlung an die Bürgerschaft abgeben. Buhlert: 'Eine Möglichkeit ist es, der Bürgerschaft die Null-Variante zu empfehlen.'

Anwohner Rolf Berger äußerte sich nach der Anhörung sehr unzufrieden über den Verlauf, vor allem über die Position des Amtes für Straßen und Verkehr: 'Es wird einfach an den Planungen festgehalten, die bisher bearbeitet wurden. Mit unseren Einwendungen ist nicht offen umgegangen worden.'

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+