Eine Nacht auf der Discomeile Party, pöbeln, Polizei

Die schleppende Umgestaltung der Discomeile erhitzt die Gemüter. Doch wie geht es dort am Wochenende wirklich zu? Wir waren eine Nacht auf Bremens Partymeile unterwegs.
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Party, pöbeln, Polizei
Von Kristin Hermann

Eigentlich fängt die Discomeile schon ein bisschen früher an. Nicht am Tower oder am La Viva, sondern am Hauptbahnhof, dem Start-und Endepunkt des Partypublikums. Da, wo Menschen aus dem Umland aus den Zügen steigen oder sich mit ihren Freunden verabredet haben, um zusammen in die Nacht zu starten. Absätze klickern, das Bier und der Hugo fließen. Für manche ist der Abend doch bereits zu diesem Zeitpunkt schon zu Ende. Ein Mädchen sitzt mitten im Gang und übergibt sich, im Wartebereich dösen Obdachlose und all diejenigen, die nach dem Ende des Weihnachtsmarktes nun auf ihren Zug nach Hause warten.

Es ist Sonnabendabend, kurz vor zwölf. Wie sieht es aus auf der Meile, deren schleppender Umbau erst vor ein paar Tagen wieder in der Kritik stand? Von einem Rückgang der Besucherzahlen ist in dieser Nacht nichts zu spüren. Die Ein-Euro- und Shisha-Bars sind voll und auch an den Diskotheken stellen sich die ersten Gäste an. Der Dezember ist dank Weihnachtsmarkt und Firmenfeiern umsatzstark, werden die Betreiber später sagen.

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Problematisch ist eher der Weg zwischen den einzelnen Lokalen. Denn sicher fühlen sich am Breitenweg die wenigsten Gäste. Warum, das wird schnell offensichtlich. Im Innenhof am Tower Musikclub liegen Spritzen und Fäkalien. Noch schlimmer ist der Durchgang von dort hin zu dem Platz vor dem La Viva. Der Tunnel ist stockfinster, durch das Urinal an einer der Ecken stinkt es bestialisch.

Eine Gruppe von Partygästen bringt es auf den Punkt. „Du brauchst dich nur zehn Minuten hier hinzustellen und zu beobachten. Man zuckt alle paar Minuten zusammen, weil wieder irgendjemand ausrastet und man Angst hat, gleich von irgendetwas oder jemandem getroffen zu werden. Wir wollen so schnell wie möglich einfach nur in den Club“, sagt einer von ihnen.

Zunehmende Sorge

Er wird recht behalten. Wenig später gehen zwei jüngere Männer aufeinander los. Einer von ihnen hält eine Glasflasche in der Hand, die er immer wieder drohend in Richtung seines Kontrahenten erhebt. Wie schnell Konflikte auf der Discomeile eskalieren, bekommt auch die Polizei zu spüren. Allein in dieser Nacht muss sie mehrfach eingreifen und trotzdem bleiben am Ende mehrere Körperverletzungsdelikte übrig.

Entlang der Straße stehen mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei, sie sind dort Dauergäste. Peyman Olfat beobachtet diese Entwicklung mit zunehmender Sorge. Seit zwölf Jahren gehört ihm ein Kiosk direkt auf der Meile. Er liebt seinen Job im Nachtleben, doch seit einigen Jahren eskalieren Konflikte schneller als früher, sagt er. Auch das Publikum habe sich verändert.

„Früher waren viel mehr Studentengruppen und ältere Gäste unterwegs“, sagt er. „Ich bin selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen, doch es ist einfach Fakt, dass einige Gruppen von Geflüchteten Probleme machen“, sagt er. Er würde sich wünschen, dass es mehr Sozialarbeiter und Kontaktpolizisten auf der Meile gebe, die ein niedrigschwelliges Angebot für die Besucher schaffen.

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„Damit die Geflüchteten auch besser integriert werden und sich die Gruppen durchmischen“, sagt er. Oft habe er jedoch das Gefühl, dass er kaum an die Polizeibeamten rankomme. Auch optisch wünscht sich der Kioskbesitzer eine Aufwertung seines Arbeitsumfeldes. Mehr Licht und vor allem eine Verbreiterung des Gehweges seien eine Option. „Es knallt einfach zu oft, weil sich Leute auf dem schmalen Bürgersteig nicht aus dem Weg gehen können“, sagt er.

Das bestätigt auch eine Barkeeperin, die schon länger in einer der Diskotheken arbeitet. In den Läden selbst sei die Situation eigentlich entspannt. „Dafür sorgen auch die Security-Leute“, sagt sie. Draußen am Breitenweg versucht es die junge Frau jedoch zu vermeiden, alleine zu ihrem Auto zu laufen oder etwas essen zu gehen – sie sei dann immer auf der Hut vor der nächsten unangenehmen Situation, weshalb sie sich ein Pfefferspray zugelegt habe.

Ein Laufsteg zwischen Tower und Stubu

Aus gutem Grund: „Sprüche, Belästigungen, ja sogar, dass man verfolgt wird, gehört hier zur Tagesordnung“, sagt sie. Auch ihre Kolleginnen berichten von solchen Erfahrungen. Gerade als Frau werde man auf der Meile oft respektlos behandelt. Die Eindrücke des Abends bestätigen ihre Aussagen.

Der gesamte Weg zwischen Tower und Stubu ist für einige der Besucher ein Laufsteg, auf dem sie ihre Pöbeleien zum Besten geben können. „Einige haben einfach keinen Anstand. Die wissen nicht, wie man sich benimmt“, sagt Annika, die mit ihren Freunden auf dem Weg zum Stubu ist.

Dort steht in diesem Moment Frank Grotheer, der sich einen Überblick über die Gäste der Großraumdiskothek verschafft. Es ist seine erste Woche. Grotheer hat das Stubu gerade erst übernommen. Mit der Anzahl der Besucher ist er zufrieden, die Tanzfläche im Musikkeller ist bereits gut gefüllt. Doch auch er wünscht sich Veränderung.

Stadt kümmert sich nicht

Ab Januar will Grotheer einige der Bereiche umbauen und sich auch in der Interessengemeinschaft der Diskobetreiber einbringen, die sich für die Aufwertung der Meile einsetzt. „Ich muss mir jetzt aber erst einmal einen Überblick verschaffen“, sagt er.

Ein paar Clubs weiter sitzt im Büro des La Viva jemand, der sich schon länger ein Bild von der Situation vor Ort machen konnte. Andre Scheulenburg, Chef in der Diskothek, koordiniert von dort aus alles, was anfällt. Auf einem großen Monitor werden ihm alle Ecken des Clubs angezeigt, von hier aus kann er entscheiden, wenn jemand an der Tür abgewiesen werden soll oder seine Hilfe braucht.

Mit seinen Mitarbeitern ist er über Funk verbunden. Scheulenburg ärgert seit Jahren, dass die Stadt sich um gewisse Dinge nicht kümmert. Schon zu Beginn der Nacht quellen die Mülleimer vor dem Laden über, Dreck sammelt sich in den Eingängen der leer stehenden Läden und unmittelbar vor dem La Viva haben Obdachlose ihr Lager aufgeschlagen.

Mobile Polizeiwache

Er appelliert an die Politik, mehr für das Sicherheitsgefühl rund um den Bahnhof zu tun. „Wir haben Auf der Brake einen leer stehenden Raum. Ich könnte mir gut vorstellen, dass man dort eine mobile Polizeiwache einrichten könnte, ähnlich wie man es jetzt am Berliner Alexanderplatz gemacht hat“, so Scheulenburg.

Doch ob die Umgestaltung der Meile im Endeffekt so viel Verbesserung bringen würde, wie sich alle erhoffen, daran zweifelt Scheulenburg. „Selbst wenn man diese Straße vergolden würde: Im Endeffekt kommt es immer noch darauf an, wie sich die Leute benehmen“, sagt er.

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