Faktencheck - Teil 7: Interview mit dem Gesundheitssenator "Patienten müssen sich beschweren"

Bremen. Im letzten Teil unseres Faktenchecks Gesundheit hat Sabine Doll mit Gesundheitssenator Hermann Schulte-Sasse über die Themen gesprochen, die unsere Leser besonders beschäftigt haben.
08.06.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Im letzten Teil unseres Faktenchecks Gesundheit hat Sabine Doll mit Gesundheitssenator Hermann Schulte-Sasse über die Themen gesprochen, die unsere Leser besonders beschäftigt haben.

Besonders viele Leser haben sich über lange Wartezeiten bei Fachärzten beklagt. In einem Fall wurde einer Patientin sogar erst im Januar 2014 ein Termin bei einem Rheumatologen angeboten. Gibt es zu wenig Ärzte in Bremen?Hermann Schulte-Sasse:

In einigen Bereichen gibt es einen Versorgungsengpass. Dazu zählt ganz besonders die Rheumatologie, das ist aber nicht nur in Bremen ein Problem. Es werden nicht genug Rheumatologen ausgebildet. Wartezeiten werden auch dadurch produziert, dass die Arbeitsteilung zwischen hausärztlichen Internisten als erste Anlaufstelle der Patienten und Fachärzten nicht optimal läuft.

Wie sollte es laufen?

Ideal ist es, wenn der Facharzt nur für die sehr komplizierten Fälle und solche, die das Wissen des Allgemeinmediziners überschreiten, hinzugezogen wird. Umgekehrt sollte der Facharzt den Patienten nach einer ersten Behandlungszeit mit einer entsprechenden Empfehlung zurücküberweisen. Hier gibt es Verbesserungsbedarf. Wartezeiten hängen aber auch von der Popularität einer Praxis ab. Ein weiterer Faktor ist, wie gut und professionell die Praxis organisiert ist.

Wie kann die Gesundheitsbehörde eingreifen, wenn es in einem Bereich zu wenige Fachärzte gibt?

Direkt gar nicht. Für die Organisation der ambulanten ärztlichen Versorgung sind in ganz Deutschland die Kassenärztlichen Vereinigungen als öffentlich-rechtliche Körperschaften zuständig. Das ist auch in Bremen so. Die Gesundheitsbehörde hat die Rechtsaufsicht darüber. Aber nur, wenn ein klarer Rechtsverstoß festgestellt wird, können wir eingreifen. Und das ist hierbei nicht der Fall.

Was darf man Patienten an Wartezeit auf einen Termin zumuten?

Wer eine akute Erkrankung hat, hat Anspruch auf sofortige Behandlung. Anders ist das bei chronischen Erkrankungen, wo es keine unmittelbare Dringlichkeit gibt.

Privatpatienten bekommen schneller einen Termin – diese Erfahrung haben mehrere Leser geschildert. Die Unabhängige Patientenberatung Bremen spricht sogar von einer Zweiklassengesellschaft in den Wartezimmern, ist das ein großes Problem in Bremen?

Tatsache ist, dass Kassenärzte einen nicht unwesentlichen Anteil ihres Umsatzes durch die Versorgung von Privatversicherten generieren. Je mehr Privatpatienten, desto höher die Einnahmen. Viele Spezialärzte finden sich vor allem in Zentren und gut situierten Stadtteilen. Dort ist mit mehr Privatpatienten zu rechnen. Das kann man an der Facharztdichte genau ablesen.

Und das ist auch in Bremen so?

Ja, eindeutig. Wir diskutieren zum Beispiel immer wieder über die massive Unterversorgung mit Kinder- und Jugendpsychiatern in den eher ärmeren Wohnbezirken wie etwa in Walle oder Gröpelingen und eine zum Teil sogar sehr starke Überversorgung mit diesen Ärzten in Bereichen wie Schwachhausen. Diese Ungleichverteilung bildet aber nicht den Bedarf ab.

Was kann die Behörde unternehmen?

Wir können natürlich niemanden zwingen, seine Praxis von Schwachhausen nach Gröpelingen zu verlegen. Zumal die Behörde nur die Rechtsaufsicht hat. Aber wir wollen noch in diesem Jahr ein Landesgremium unter Leitung der Behörde einrichten, in dem solche Unwuchten bei der Versorgung besprochen werden und ein Erwartungsdruck an die Zuständigen formuliert werden sollen. In dem Gremium sitzen Vertreter der Ärztekammer, der Kassenärztlichen Vereinigung, der Krankenkassen, der Krankenhäuser und je nach aktuellem Thema auch andere betroffene Organisationen. Dort sollen unter anderem Empfehlungen ausgesprochen werden.

Was müssen Patienten in einem Krankenhaus selbstverständlich erwarten können?

Egal in welche Klinik ein Patient geht, muss er eine ärztliche Behandlung nach dem aktuellen Stand des Wissens erhalten. Darauf haben Patienten einen Anspruch. Das Landeskrankenhausgesetz gibt außerdem vor: Zu jeder Tageszeit, also auch nachts, müssen Patienten je nach Bedarfsfall von einem Facharzt gesehen werden. Das ist im Stellenplan und bei der Rufbereitschaft zu garantieren. Darüber hinaus gibt es einen Anspruch, so gepflegt zu werden, dass daraus keine Probleme entstehen.

Um welche konkreten Situationen geht es dabei zum Beispiel?

Immer dann, wenn ein Patient Unterstützung braucht, muss er diese so schnell wie möglich bekommen. Zum Beispiel beim Verlassen des Bettes oder dem Gang zur Toilette. Was nicht geht: Wenn ein Patient bettlägerig ist, nach Hilfe klingelt – und dann passiert eine halbe Stunde lang nichts. Das gleiche gilt natürlich für ärztliche Hilfe. Dass ein Patient sechs Stunden lang auf den diensthabenden Arzt wartet, darf nicht sein. Das ist eine Frage der Führung in einer Klinik, aber auch des Selbstverständnisses der Mitarbeiter.

Aber was kann man als Patient in diesen Fällen denn tun – man befindet sich ja in einer sehr abhängigen Situation?

Es ist enorm wichtig, dass sich Patienten über solche Erfahrungen beschweren. Aus diesem Grund gibt es seit Kurzem Patientenfürsprecher in allen Kliniken, das ist per Landeskrankenhausgesetz vorgeschrieben. Davor gab es keine unabhängige Stelle, an die sich Patienten in den Kliniken wenden konnten.

Und die Patientenfürsprecher gehören nicht zur Klinik?

Sie sind keine Angestellten der Klinik und damit völlig unabhängig. Wenn Patienten in ein Krankenhaus kommen, müssen sie darüber informiert werden, dass es einen Patientenfürsprecher gibt. Die gehen solchen Beschwerden nach und werden regelmäßig einen Jahresbericht für die Gesundheitsdeputation erstellen.

Wie gut ist in Bremen die medizinische Versorgung, wo sind Defizite, was muss verbessert werden?

Um das zu wissen, braucht man eine sehr hohe Transparenz. Das heißt: Man muss Daten zur Patientenzufriedenheit aus den Kliniken möglichst differenziert auswerten und veröffentlichen. Und zwar für jede einzelne Fachabteilung. Diese Daten gibt es in Bremen, allerdings scheuen sich die Krankenhäuser noch davor, sie zu veröffentlichen. Damit wird aktuell eine Chance vertan, Patienten besser zu informieren.

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