Krankenhäuser sind überlastet

Patienten sollen für Bremer Notaufnahme zahlen

Immer mehr Patienten gehen in die Notaufnahmen der Krankenhäuser - auch wenn sie kein Notfall sind. Die Kassenärztlichen Vereinigungen Bremen und Niedersachsen fordern deshalb eine Gebühr.
24.06.2018, 22:06
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Patienten sollen für Bremer Notaufnahme zahlen
Von Sabine Doll
Patienten sollen für Bremer Notaufnahme zahlen

Zu viele Patienten würden den Notdienst als eine "erweiterte Sprechstunde" nutzen kritisieren Kassenärztliche Vereinigungen.

dpa

Schluss mit dem Flatrate-Zugang per Versichertenkarte – wer die Notaufnahme eines Krankenhauses aufsucht, soll künftig dafür eine Gebühr zahlen. Das fordern die Kassenärztlichen Vereinigungen in Bremen und Niedersachsen. Anlass ist die seit Jahren steigende Zahl von Patienten, die sich in den Notaufnahmen von Kliniken behandeln lassen, auch wenn bei ihnen kein Notfall vorliegt. „Eine grundlegende Reform muss zwingend eine Kostenbeteiligung der Patienten beinhalten, um eine echte Steuerungswirkung zu entfalten“, sagt der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB), Jörg Hermann.

Der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), Detlef Haffke, bestätigt auf Nachfrage: „Wir haben seit Jahren einen deutlichen Anstieg bei den Patientenzahlen, die den ärztlichen Bereitschaftsdienst aufsuchen oder in die Notaufnahmen der Krankenhäuser gehen.“ Viele Patienten würden den Notdienst als eine erweiterte Sprechstunde nutzen. Haffke: „Deshalb könnte man über eine Gebühr nachdenken, die beim Eintritt gezahlt wird. Wer dann wirklich ein Notfall ist, bekommt sein Geld zurück.“

Lesen Sie auch

Der Bremer KVHB-Chef fordert die Gebühr aber nicht nur für die Notaufnahme, sie müsse bei jedem Arztbesuch gezahlt werden. „Die Politik gaukelt den Menschen seit Jahren vor, dass jeder jederzeit und überall zum Flatrate-Tarif der gesetzlichen Krankenversicherung eine exzellente medizinische Versorgung bekommt.“ Dieses Konsumverhalten drohe das System zu sprengen. Eine Selbstbeteiligung auf alle Gesundheitsleistungen würde Transparenz über die ausgelösten Kosten schaffen.

Um finanziell schlechter gestellte und chronisch kranke Menschen, die häufiger zum Arzt müssten, nicht zu benachteiligen, könne die Höhe der Zuzahlung durch eine individuelle Belastungsgrenze gedeckelt werden, schlägt Hermann vor. Niemand müsse sich Sorgen machen, dass er sich eine Krankheit nicht leisten könne. „Wer aber meint, mit einem eingewachsenen Zehennagel in der Notaufnahme aufzuschlagen, wird es sich zweimal überlegen.“

Lesen Sie auch

Davon hält Bremens Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) gar nichts: „Eine Selbstbeteiligung ist aus meiner Sicht nicht der richtige Weg. Auch die Praxisgebühr hat damals nicht dazu geführt, die Zahl der Arztbesuche zu verringern“, sagt sie dem WESER-KURIER. Die Situation der Notaufnahmen sei ein Thema, das bundesweit dringend angegangen werden müsse.

Auch auf der Gesundheitsministerkonferenz in der vergangenen Woche habe es auf der Tagesordnung gestanden. „Die Länder haben den Bund nachdrücklich dazu aufgefordert, eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe einzurichten, die Lösungsvorschläge erarbeitet. Eine Lösung können Portalpraxen sein, in denen Patienten gezielt verteilt werden“, betont die Senatorin.

Lesen Sie auch

KVHB-Chef Hermann reagiert mit seiner Forderung auf einen Vorstoß von SPD und Grünen in Bremen. Wie berichtet, haben die Fraktionen in einem Antrag den Senat aufgefordert, sich im Bund für die flächendeckende Einrichtung von Portalpraxen oder integrierten Notfallzentren mit einem Rund-um-die-Uhr-Betrieb an Kliniken einzusetzen. „Der Vorschlag geht am Kern des Problems vorbei“, betont Hermann.

„Durch ein Rund-um-die-Uhr-Angebot an sieben Tagen in der Woche würde sich die Zahl der Komfortpatienten mit medizinischen Lappalien in der Notversorgung nur noch weiter erhöhen, und genau das Gegenteil wollen wir erreichen.“ Mit mehr als 18 Arztkontakten pro Jahr führten die Deutschen das Ranking der Arztbesuche an, niedergelassene Ärzte und Krankenhausmediziner würden dazu ein massiv steigendes Anspruchsdenken der Patienten beobachten.

Lesen Sie auch

Diese Entwicklung beklagt auch KVN-Sprecher Haffke in Niedersachsen: Die Versichertenkarte werde von vielen Patienten wie eine Flatrate für medizinische Einrichtungen betrachtet. „Diesen Trend müssen wir brechen. Der freie Zugang zur ärztlichen Versorgung ist ein hohes Gut, es muss aber eine Steuerung geben.“ Integrierte Notfallzentren oder Portalpraxen gibt es laut Haffke bereits an mehreren Standorten.

Die Rund-um-die-Uhr-Praxen flächen­deckend einzuführen, wie es die niedersächsische Gesundheitsministerin vorhabe, sei jedoch nicht realisierbar, sagt Haffke. Und: „Neben den ­zusätzlichen Kosten stellt sich die Frage, ­woher die Ärzte dafür kommen sollen. Wir haben Ärztemangel. Wenn man Mediziner aus ihren Praxen herauslöst, entstehen dort Lücken.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+