Personalrat kritisiert Verfahren

Experiment Schulöffnung

Die Schulen füllen sich allmählich wieder mit mehr Leben. Und auch mehr Corona-Fälle an Schulen werden bekannt. Nachdem zuvor eine Öffnung von vielen eingefordert wurde, mehren sich nun auch kritische Stimmen.
20.05.2020, 07:00
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Experiment Schulöffnung
Von Sara Sundermann
Experiment Schulöffnung

Die Schule hat wieder begonnen, und der Personalrat fürchtet, dass es zu wenig Schutz für Lehrer und Schüler gibt.

Arne Dedert

Es gehen wieder mehr Kinder in die Schule, wenn auch meist nur stundenweise. Und zeitgleich steigt auch die Zahl der Corona-Fälle in Schulen. Am Dienstagabend gab es nach Angaben der Gesundheitsbehörde acht bestätigte Infektionen und elf betroffene Schulen, an denen entweder Corona-Fälle oder Kontaktpersonen gemeldet wurden. Damit verdoppelte sich die Zahl der Infektionen und der betroffenen Schulen gegenüber dem Vortag. In Bremen werden verstärkt Zweifel laut, ob die Schulen gut gerüstet sind, den Betrieb mit genügend Schutz vor Ansteckung wieder aufzunehmen.

Der Personalrat Schulen geht davon aus, dass das Personal bei weitem nicht ausreichen wird, um die weiteren Öffnungsschritte und die Umsetzung der Corona-Auflagen umzusetzen. Ein großes Thema ist, dass nicht alle Lehrkräfte auch für Unterricht eingesetzt werden können: Etwa jede dritte bis vierte Lehrkraft fällt dafür laut Bildungsbehörde aus, zum Beispiel weil sie zu einer Risikogruppe gehört. Und vielen Bremer Schulen fehlte schon in Zeiten vor Corona Personal.

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Die Behörde rechnete vergangene Woche damit, dass nur etwa 65 bis 70 Prozent der Lehrkräfte für Unterricht eingesetzt werden können. Behördensprecherin Annette Kemp bestätigt dies und korrigiert die Zahl leicht nach oben: „Es zeichnet sich ab, dass etwas mehr im Präsenzunterricht im Einsatz sein können, das ist aber von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Wir rechnen derzeit mit 75 Prozent.“ Lehrkräfte, die zur Risikogruppe gehören und nicht unterrichten, seien trotzdem im Einsatz und würden sich zum Beispiel um das Lernen zu Hause kümmern. Für die Frage, wer zur Risikogruppe gehört, zählt das individuelle Attest vom Arzt, das Beschäftigte einholen sollen.

Hinzu kommen laut Behörde normale Personalausfälle durch Krankheit oder Schwangerschaft. Und: „Natürlich muss auch damit gerechnet werden, dass Lehrkräfte in Quarantäne gehen müssen“, sagt Kemp. Wie sehr ist also der Personalmangel ein Problem, wenn man auf einen neuartigen Schulbetrieb umstellt? „Die Präsenzangebote werden ja für weniger Stunden angeboten“, sagt Kemp. „Das bindet enorm viel Einsatzkraft, aber nicht so viel wie im Regelbetrieb.“ Die Behörde arbeite „sehr eng mit den Schulen zusammen, um eventuelle Probleme schnell angehen zu können“.

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Der Personalrat Schulen sieht die Lage kritisch. „Das Problem ist, dass die Behörde schlicht nicht weiß, wie viel Personal sie zur Verfügung hat, die Behörde schätzt nur“, sagt Personalrats-Vorsitzende Angelika Hanauer. Die Behörde habe nur kurz nach der Schulschließung abgefragt, wie viel Personal einsetzbar sei, habe darauf aber zu wenige Rückmeldungen bekommen.

Hanauer geht davon aus, dass es vielerorts sowohl an Personal als auch an Räumen fehlt: „Wir glauben, dass das Personal hinten und vorne nicht reichen wird.“ Dies werde sich vermutlich ab der kommenden Woche bemerkbar machen: „Mehrere Schulleitungen haben sich an die Behörde gewandt, um darauf aufmerksam zu machen.“ Wenn nur halbe Klassen unterrichtet werden können, müsse ein Lehrer im Grunde jede seiner Stunden doppelt geben, sagt Hanauer.

Zudem würden Toiletten-Aufsichten gebraucht, damit nicht zu viele Schüler gleichzeitig ins Bad gehen. Auch beim Mittagessen, das es nun wieder an Schulen geben solle, würden Aufsichtspersonen benötigt, damit der Abstand eingehalten werde. Und in den Pausen sollten Lehrkräfte schnell die Tische in den Klassen abwischen, bevor die nächste Gruppe komme. Dafür reiche laut Behörde statt Desinfektionsmittel auch Spülmittel aus, so Hanauer – ihr ist das zu wenig.

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Als das größte Problem betrachtet sie das gesundheitliche Risiko für Beschäftigte und Kinder. Falls Hygiene- und Abstandsregeln gar nicht eingehalten werden können, empfiehlt der Personalrat Beschäftigten eine Gefährdungsanzeige. „Den Abstand von 1,50 Meter kann man nicht halten, in den Pausen laufen die Kinder natürlich kreuz und quer.“ Besonders gefährlich sei es für alle, die zum Beispiel mit Kindern mit Behinderung arbeiten, denn diese müssten den Mädchen und Jungen oft körperlich besonders nah kommen – etwa als Begleitung zur Toilette. Für diese Beschäftigten brauche man im Grunde FFP3-Masken, fordert Hanauer.

Die Personalvertretung hatte bereits zuvor kritisiert, dass in sehr kurzer Zeit sehr viele Kinder in die Schulen kämen und keine Zeit bleibe, neue Verhaltensweisen einzuüben. Ursprünglich habe das Bildungsressort Signale gegeben, die Schulen langsamer und mit mehr Planungsvorlauf öffnen zu wollen, so Hanauer. Der öffentliche Druck sei dann gestiegen, und der Senat habe anders entschieden.

Auch der Virologe Andreas Dotzauer von der Uni Bremen äußerte sich zuletzt bei Radio Bremen zur Schulöffnung: Besonders wichtig sei, dass in den Pausen Aufsichtspersonal darauf achte, dass Schüler Abstand halten. Er sagte, es wäre sinnvoll gewesen, den Unterricht für das ganze Jahr auszusetzen.

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