Integrationswoche

Perspektivwechsel soll Verständnis fördern

Im Rahmen der Integrationswoche sind Bremer Bundestagsabgeordnete am Dienstag für eine Beratung in die Rolle von geflüchteten Frauen geschlüpft.
04.09.2018, 20:18
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Perspektivwechsel soll Verständnis fördern
Von Kristin Hermann
Perspektivwechsel soll Verständnis fördern

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Sarah Ryglewski (links) nimmt bei der Awo die Rolle einer geflüchteten Frau ein. Cevahir Cansever berät sie.

Frank Thomas Koch

Zahra Khoda Dadi ist 21 Jahre alt und vor drei Jahren von Afghanistan nach Bremen geflüchtet. Weil ihre Eltern sie unter Druck gesetzt haben, ist sie die Ehe mit Mahdi eingegangen – es war eine religiöse Hochzeit, keine staatliche. Glücklich ist die junge Frau darüber nicht, ihr Mann schlägt sie, wird schnell aggressiv.

Sogar ihr ungeborenes Kind hat sie durch die Belastung verloren. Seitdem sie aus der gemeinsamen Wohnung zu einer Freundin geflüchtet ist, wird sie von der Familie ihres Mannes unter Druck gesetzt. Eine Scheidung kommt für die Angehörigen nicht in Frage. Nun sitzt die 21-Jährige bei Cevahir Cansever in der Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt (Awo) am Wall und sucht einen Ausweg aus ihrer Situation.

In Wahrheit gibt es Zahra Khoda Dadi gar nicht. Geschichten wie ihre hören die Migrationsberaterinnen trotzdem nahezu täglich. Der fiktive Charakter wird an diesem Tag von der SPD-Bundestagsabgeordneten Sarah ­Ryglewski übernommen. Sie soll sich so besser in die Lage von geflüchteten Frauen versetzen, die bei der Stelle Hilfe suchen.

Lesen Sie auch

Die Aktion fand am Dienstag als ein Programmpunkt der Integrationswoche statt und wurde von der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege organisiert. Neben Ryglewski, nahm auch Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) auf dem Beratungsstuhl Platz, Doris Achelwilm (Linke) wird am Donnerstag die Caritas aufsuchen.

Was nach einem lustigen Rollenspiel aussieht, hat tatsächlich einen ernsten Hintergrund. Auch wenn mittlerweile weniger Geflüchtete in Bremen ankommen, sei der Bedarf an Beratung enorm. Und nicht nur für sie, auch andere Migranten, etwa Menschen aus Osteuropa, suchen Hilfe bei Behördengängen oder leben in clanähnlichen Familienstrukturen, die sie unterdrücken. Etwa 170 Beratungen finden allein in der Awo-Stelle am Wall in der Woche statt.

Normalerweise macht Lucyna Bogacki die Bremer Abgeordneten im Bundestag in verschiedenen Gesprächsrunden auf die Wichtigkeit der Integrationsberatung aufmerksam. „In diesem Jahr wollte ich mit dem Experiment etwas ausprobieren, das möglichst eindrücklich ist und lange in den Köpfen der Politiker hängen bleibt“, sagt sie.

Lesen Sie auch

Sie erhofft sich von der Aktion, dass sich die drei Frauen für finanzielle Mittel des Bundes einsetzen. Ganz so wie bei einer herkömmlichen Beratung läuft es bei den Abgeordneten am Dienstag dann aber doch nicht ab. Sie müssen nicht erst im vollen Wartebereich Platz nehmen, sondern werden direkt in das Büro einer Mitarbeiterin geführt, schließlich drängt die Zeit.

Vorab haben sie ein Paket mit verschiedenen Schreiben von Bremer Ämtern erhalten – allesamt auf Arabisch, damit sie nachvollziehen können, wie es ist, Hilfe bei Behördengängen zu benötigen. Sowohl Ryglewski, als auch Kappert-Gonther merken schnell: Der Frust ist groß, wenn man nicht versteht, was die Ämter von einem wollen. „Vor allem, wenn man zusätzlich noch mit einer derart belastenden Familiensituation zu kämpfen hat, die einen in ständiger Angst leben lässt“, sagt ­Ryglewski.

Beraterin Cevahir Cansever nimmt sich Zeit für die einzelnen Hilfesuchenden. Ist der Fall kompliziert, kann es vorkommen, dass die Migranten viele Male in die Beratung kommen, gelegentlich begleiten die Mitarbeiter die Menschen auch zu Behördengängen. Fast alle der Kräfte sprechen Fremdsprachen, um bei Bedarf in die Muttersprache der Migranten zu übersetzen. Was aus dem Perspektivwechsel der drei Abgeordneten folgen soll, wird am 20. September besprochen. Dann kommen die Beteiligten noch einmal zusammen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+