„Bremen hat den Schlüssel zur Welt“

Frankfurts ehemalige Bürgermeisterin erinnert sich an ihre Kindheit in Bremen

Petra Roth war 17 Jahre lang Bürgermeisterin von Frankfurt. Die Ehrenbürgerin von Mainhatten ist jedoch Spross einer Bremer Wollkaufmann-Familie und hat als Hanseatin in Hessen Erfolgsgeschichte geschrieben.
03.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Frankfurts ehemalige Bürgermeisterin erinnert sich an ihre Kindheit in Bremen
Von Jörn Dirk Zweibrock
Frankfurts ehemalige Bürgermeisterin erinnert sich an ihre Kindheit in Bremen

Eine Bremerin in Hessen: Petra Roth war 17 Jahre lang Bürgermeisterin von Frankfurt.

Andreas Arnold /dpa

Bürgermeisterin einer beschaulichen Mittelstadt? „Nein, das hätte nicht gepasst“, ist Petra Roth (75) überzeugt. Als Spross einer Bremer Wollkaufmann-Familie habe sie das Liberale, das Weltoffene quasi schon mit in die Wiege gelegt bekommen. „Ich gehe auf jeden Menschen zu, finde das Neue, das Fremde einfach spannend. Zu Frankfurt hat das einfach irgendwie gepasst“, resümiert die gebürtige Bremerin. Und wie es gepasst hat. Schließlich stand Petra Roth 17 lange Jahre (1995-2012) an der Spitze von Mainhattan, wie die Weltstadt Frankfurt immer wieder gerne genannt wird. Sie ist eine Hanseatin, die in Hessen als Oberbürgermeisterin (OB) Erfolgsgeschichte geschrieben hat, auf die längste Amtszeit als Präsidentin des Deutschen Städtetags zurückblickt und sogar mehrmals für das Amt der Bundespräsidentin im Gespräch war.

„Hamburg hat das Tor zur Welt, wir Bremer haben den Schlüssel dazu“, erzählt die Ehrenbürgerin von Frankfurt am Main (2017) lachend. Weil die ausländischen Staatsgäste immer zuerst auf dem Frankfurter Flughafen landeten und erst danach den hessischen Ministerpräsidenten in der noch nicht einmal halb so großen Landeshauptstadt Wiesbaden einen Besuch abstatteten, mischte Petra Roth eben qua Amt meist an vorderster Front mit.

In den Bremer Ruinen gespielt

Das tat sie übrigens auch schon in der Nachkriegszeit, und zwar als „Banden-Chefin“. „Ich habe damals ausschließlich mit Jungs in den Bremer Ruinen gespielt“, blickt sie auf ihre Kindheit zurück. Kein Wunder, dass ihr der Besuch der diesjährigen Schaffermahlzeit wie eine Zeitreise in die Vergangenheit vorkam. „Da saßen inzwischen über 80-jährige Herren, deren Nachnamen ich noch gut aus meiner Kindheit kannte“, schmunzelt Roth. Ihr Bruder und ihr Vetter leben noch heute an der Weser. Sie ist regelmäßig in Bremen zu Gast, düst entweder mit ihrem Cabrio („Nein, auf der Autobahn fahre ich nicht mit offenem Verdeck“) gen Norden, fliegt, oder steigt eben in Hannover in den Zug in Richtung Norddeich um.

Das Bremer Umland kennt Petra Roth wie ihre Westentasche. „Mein Vater war ein passionierter Reiter und hat uns früher immer mit zur Jagd genommen“, erzählt die frühere CDU-Politikerin. Als Kind habe sie mit Vorliebe auf den zugefrorenen Wasserläufen im Blockland geglitscht. Glitschen – das sei auch so ein typisch norddeutscher Begriff, den im fernen Hessen niemand kenne.

Dafür aber Braunkohl, den die Polit-Pensionärin gerne ihren beiden Söhnen samt deren Familien kredenzt. „Dazu gehört einfach ein richtiger Schnaps, ein ordentlicher Doppelkorn“, verrät die leidenschaftliche Bier-Trinkerin – je herber, desto besser. Auch Spargel möchte sie in ihrer Wahlheimat Frankfurt nicht missen. Braucht sie auch nicht, denn schließlich befindet sich ihr Zuhause Nieder-Erlenbach am Rande der Wetterau: „Wir haben hier einen der besten Böden Deutschlands.“ Im eher ländlich geprägten Frankfurter Norden gibt es sogar Fachwerkhäuser wie in Nordwestdeutschland. Wolkenkratzer? Fehlanzeige – das höchste Gebäude in Nieder-Erlenbach ist und bleibt nun einmal der Kirchturm. „Ich schaue von meinem Wohnzimmerfenster direkt auf einen Acker“, erzählt Roth.

In 20 Minuten zum Römer

Nein, sie sei einfach kein Typ für eine kleine Etagen-Wohnung in der neuen Frankfurter Altstadt, möchte solange wie möglich in ihrem Haus bleiben. „In gut 20 Minuten bin ich mit Bus und U-Bahn am Römer“, rechnet Petra Roth vor. Römer – so nennt sich das altehrwürdige Rathaus der Main-Metropole. Dort koalierte die Christdemokratin einst mit der Öko-Partei. Gewiss, Petra Roth zählt zu den Pionieren schwarz-grüner Zusammenarbeit, kann sich selbige deswegen natürlich auch gut auf Bundesebene vorstellen: Die Grünen würden schließlich mittlerweile alle Lebensbereiche politisch bearbeiteten. Natürlich komme es bei einer Regierungsbildung auch immer auf die jeweils handelnden Personen an.

Stichwort Corona-Krise: Als jahrzehntelange Repräsentantin eines kommunalen Spitzenverbandes fordert Roth die bessere Bezahlung der sogenannten systemrelevanten Berufe, allen voran der Erzieher, sowie den Ausbau der digitalen Bildung.

In ihrer Freizeit fährt die Ex-OB gerne Ski, Ski Alpin versteht sich. Mit wem sie gerne auf den Brettern steht? Was für eine Frage – natürlich mit den Mitgliedern des Bremer Ski-Clubs, „die Fahrten gefallen mir richtig gut“. Oder sie arbeitet im Garten. „Ich brauche einfach Erde um mich herum, in die ich hineinfassen kann.“ Rasenmähen, Hoffegen, Schneeschippen – was für andere Eigenheimbesitzer die reinste Qual darstellt, ist für Petra Roth eine wahre Wonne, „man sieht sofort das Ergebnis seiner Arbeit, hat ein Erfolgserlebnis“. Körperlich und auch digital gefordert wird die Absolventin des Bremer Kippenberg-Gymnasiums (Mittlere Reife) hingegen von ihren Enkeln.

Gutes Verhältnis zum Nachfolger

Zu ihrem Nachfolger, dem Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), pflegt Roth ein gutes Verhältnis. „Ich mische mich heute nicht mehr aktiv in die Politik ein. Das sollte man im Übrigen auch nie tun, wenn man den Schreibtisch verlassen hat.“ Dennoch freue es sie, dass sie trotz ihrer 75 Jahre immer noch so gefragt sei. Als Mitglied in verschiedenen Beiräten versteht sie sich als „Türöffnerin“, beispielsweise für ein Start-up-Unternehmen aus der Desinfektionsmittel-Branche.

Besonders angetan hat es der berühmten Tochter Bremens die Überseestadt. Sofort zieht sie Parallelen zu dem von ihr entwickelten Wohn-Projekt am Frankfurter Westhafen. „Bremen steht für mich heute für die Schönheit vergangener Jahrhunderte, gepaart mit norddeutscher Urbanität“, macht Petra Roth (geborene Martin) ihrer Heimatstadt eine kleine Liebeserklärung.

Die Schönheiten Frankfurts hat der gelernten Arzthelferin damals hingegen ihr verstorbener Mann Erwin Roth gezeigt. „Mein Haus hängt noch heute voll mit seinen Ölbildern. Jedes Werk spiegelt seine Gefühlswelt wider“, erzählt seine Witwe. Mit ihrem Lebensgefährten, dem früheren Nestlé-Manager Robert Reber, pendelt die Weltenbürgerin nun zwischen Hessen, der Schweiz und Südfrankreich. Klar kann die Frau, die mit ihrer aparten Erscheinung und präsidialen Amtsführung stets auf dem Parkett geglänzt hat, auch Rock'n'Roll tanzen.

Neidisch auf Bovenschulte

„Habe ich alles in Bremen in der Tanzstunde gelernt.“ Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD), den sie bei der Schaffermahlzeit kennengelernt hat, beneidet sie ein bisschen: „Im Gegensatz zum Frankfurter OB befindet sich der Bremer im Rang eines Ministerpräsidenten.“ Diesen Gestaltungsspielraum hätte sich Petra Roth während ihrer Amtszeit auch gewünscht.

Am 9. Mai begeht sie ihren 76. Geburtstag. „Ich bin ein Friedenskind. 1945 hatten wir gleich doppelten Grund zum Feiern. Der Krieg war aus und ich wurde ein Jahr alt. Meine Mutter hat damals Buttercreme-Torte mit Margarine gebacken, die esse ich heute noch gerne“, verrät die weltoffene Bremerin, die einst auszog, um Mainhattan ihren ganz persönlichen Stempel aufzudrücken.

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