Serie: 9 Arten, den Freimarkt zu erleben

Pflaster und Helene Fischer: Mit den Johannitern beim Frühschoppen

Sie stehen im Regen, wenn andere feiern: Die Johanniter leisten Sanitätsdienst am zweiten Wochenende des Bremer Freimarkts. Wir haben sie beim Frühschoppen am Sonntag begleitet.
22.10.2017, 13:44
Lesedauer: 5 Min
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Pflaster und Helene Fischer: Mit den Johannitern beim Frühschoppen
Von Alice Echtermann
Pflaster und Helene Fischer: Mit den Johannitern beim Frühschoppen

Chiar Betal, Ricardo Bullan und Max-Jonas Kunz (von links) sind am Sonntag für die Johanniter auf dem Freimarkt unterwegs.

Karsten Maatz

Wenn die Fahrgeschäfte am Sonntagmorgen noch stillstehen, die Buden geschlossen sind und die Gänge auf dem Freimarkt menschenleer - dann schlägt die Stunde der karierten Hemden und Dirndl. In Rock und kurzer Lederhose streben die Besucher durch den Nieselregen auf das Bayernzelt zu. Die Musik ist schon von Weitem zu hören. Ebenfalls weithin sichtbar stehen die drei Einsatzwagen der Johanniter neben dem Festzelt.

Die Sanitäter arbeiten ehrenamtlich, wenn andere feiern. Kleben Pflaster auf aufgeschürfte Knie, stehen im Regen, schlagen die Zeit tot, bis etwas passiert. Vier Dienste teilen sich den Einsatz auf dem Freimarkt - der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), das Deutsche Rote Kreuz, die Malteser und die Johanniter. Für den vierten Teil der Freimarkt-Serie des WESER-KURIER haben wir ein Team der Johanniter begleitet: Ricardo Bullan (37), Max-Jonas Kunz (21) und Chiar Betal (17).

11 Uhr: Einsatzzentrum der Johanniter

Ricardo, Max-Jonas und Chiar stehen im Nieselregen vor dem blauen Container mit der Einsatzleitung. Ricardo hat den Rucksack mit Sanitätsmaterial bereitgestellt und besprüht sich die Hände mit Desinfektionsmittel.

Ricardo: "Einmal desinfizieren? Achso, ihr futtert gerade noch." Max-Jonas isst schnell ein Käsebrötchen, Chiar trinkt ein Päckchen Saft aus. Gleich geht für sie die Streife auf dem Freimarkt los. Um diese Uhrzeit heißt das: Ab ins Bayernzelt. Denn anderswo auf der Bürgerweide ist am Sonntagvormittag noch nichts los.

Vier Container mit zwei Behandlungsräumen und ein Zelt haben die Sanitätsdienste in ihrem Lager neben der Bayernfesthalle aufgebaut. 24 Einsatzkräfte und ein Notarzt sind zuständig für die erste Versorgung. In ernsten Fällen rufen die Johanniter einen anderen Rettungsdienst, damit dieser die Patienten ins Krankenhaus transportiert und sie selbst vor Ort bleiben können.

Einsatzleiter Jan Heitmann (Mitte links) bei der Team-Besprechung am Morgen.

Einsatzleiter Jan Heitmann (Mitte links) bei der Team-Besprechung am Morgen.

Foto: Karsten Maatz

Einsatzleiter Jan Heitmann nimmt Notrufe per Telefon entgegen, sein Kollege leitet sie über Funk an die Streifen weiter. Zwei Tage haben die Johanniter auf dem Freimarkt Dienst, aufgeteilt in vier Schichten.

Jan Heitmann: "Um 18 Uhr wird ein Teil unseres Teams ausgetauscht, aber die Hartgesottenen machen bis morgen durch." Er selbst gehe privat nicht so gern zum Freimarkt, sagt er, und lacht: "Mir sind das zu viele Menschen. Ich bin ganz froh, wenn ich in meinem Container bleiben kann."

Dass die Sanitäter am Sonntag schon so früh anwesend sind, sei relativ neu. "Es ist dieses Jahr das erste Mal, dass wir die ganze Mannschaft hier haben." Ob die Leute härter feiern als früher, kann er nicht sagen, aber das Bayernzelt werde wohl immer beliebter. Gerade beim Frühschoppen fällt für die Sanitäter viel Arbeit an; Kopfverletzungen oder auch Herzinfarkte sind nicht ungewöhnlich.

Jan Heitmann: "Was mich etwas erschreckt, ist, dass der Frühschoppen gar nicht endet, sondern die Leute bis abends bleiben."

Der Hotspot dieses Sonntags: Die Johanniter auf dem Weg zum Bayernzelt.

Der Hotspot dieses Sonntags: Die Johanniter auf dem Weg zum Bayernzelt.

Foto: Karsten Maatz

11.15 Uhr: Bayernzelt

Als Ricardo, Max-Jonas und Chiar das Festzelt betreten, läuft gerade das Lied "An der Nordseeküste".

Ricardo: "Es ist voller, als ich dachte."

Die Luft ist warm, stickig und erfüllt vom Durcheinander der Stimmen und Musik. Dicht an dicht sitzen die Leute auf den Bänken, vor sich große Gläser mit Bier. Die drei Sanitäter entscheiden, erst einmal eine Runde durch das Zelt zu drehen und sich zu orientieren. Einige Leute an den Tischen rufen ihnen lachend hinterher: "Uns geht es gut!" Zwischen Frauen in Dirndl und Männern in Lederhosen fallen ihre orangefarbenen Jacken sofort auf, und als sie die Bühne passieren, erfährt auch der letzte im Zelt von ihrer Anwesenheit.

"Habt ihr alle ein Bier, braucht ihr schon Sanitäter? Die sind gerade da!", ruft der Ansager auf der Bühne in sein Mikrofon.

Die Johanniter bahnen sich ihren Weg durch das Festzelt.

Die Johanniter bahnen sich ihren Weg durch das Festzelt.

Foto: Karsten Maatz

11.30 Uhr

Es läuft ein Lied von Helene Fischer - und das Bayernzelt ist absolut textsicher: "Ich will immer wieder dieses Fieber spür'n, immer wieder mich an dich verlier'n, will das Leben leben, wie ein Tanz auf dem Vulkan." Die ersten Leute tanzen schon auf den Tischen und Bänken.

Am Rand des Zeltes müssen sich die Johanniter um eine junge Frau kümmern. Sie ist gestürzt und hat sich das Knie angeschlagen. Am Handgelenk sind Abschürfungen, die aber nicht bluten. Die Sanitäter kümmern sich um die Prellung am Bein und legen eine dünne Binde an. Die junge Frau lacht, scherzt mit ihren Freundinnen, das Getränk noch in der Hand. Mit einem Kühlpaket ausgestattet, mischt sie sich wieder unter die Menge.

Eine Prellung unter dem Knie, der erste Einsatz des Tages für das Team.

Eine Prellung unter dem Knie, der erste Einsatz des Tages für das Team.

Foto: Karsten Maatz

Ricardo: "Die Prellung unter dem Knie war schon von gestern. Es war nicht so schlimm, nur leicht geschwollen, rot und blau."

Die drei Johanniter sind sich einig: Privat ist das Bayernzelt eher nichts für sie. Sie haben nicht das Gefühl, heute etwas zu verpassen. Sie arbeiten alle ehrenamtlich. Ricardo arbeitet eigentlich im IT-Bereich, Max-Jonas studiert Ingenieurstechnik, und Chiar möchte nächstes Jahr die Ausbildung zum Rettungssanitäter beginnen. Die Fortbildungen bei den Johannitern machen sie nebenher, und an den Wochenenden sind sie oft im Einsatz.

Ricardo: "Es gibt einem auch viel zurück. Man lernt bei jedem Einsatz, und die Praxis ist einfach wichtig."

Ricardo und Max-Jonas erinnern sich an einen Fall eines Mädchen, die beim Autoscooter zusammengebrochen war. Es war unklar, was sie getrunken hatte, und ob sie ein bestimmtes Medikament benötigte. Die Aussagen der Angehörigen oder Freunde seien da oft nicht so hilfreich, sagt Ricardo. Gaffer können auch zum Problem werden, auf dem Freimarkt halte sich das jedoch in Grenzen. "Letztes Mal sind wir richtig gut wieder vom Platz runtergekommen. Da waren gleich mehrere Security-Leute, die uns den Weg freigemacht haben", sagt Max-Jonas.

12 Uhr: Zurück im Einsatzzentrum

Einer der Ordner im Bayernzelt hat es gesagt: "Ihr seid zu früh. Kommt in einer Stunde wieder, dann gibt es die ersten Schnapsleichen." Tatsächlich verläuft der Vormittag sehr ruhig. Max-Jonas, Chiar und Ricardo sitzen im Zelt, draußen prasselt der Regen auf die Plane. Oft sind Einsätze auch ziemlich langweilig, sagen sie.

Ricardo: "Man ist immer etwas hin- und hergerissen. Wenn es ruhig ist, ist das für die Betroffenen natürlich besser. Aber für uns vergeht die Zeit langsam."

13 Uhr

Der Freimarkt füllt sich langsam mit Besuchern, die nicht zum Feiern gekommen sind. Bald ist es für die Streife Zeit, ihre Runden über die Bürgerweide zu drehen, und nicht nur am Bayernzelt präsent zu sein. Dort ist zwar früh viel los, aber die meisten Einsätze kommen nach Einbruch der Dunkelheit, wissen die Johanniter. Es ist wie Einsatzleiter Jan Heitmann gesagt hat: Der Frühschoppen hat kein Ende - er geht nahtlos in das Abendprogramm über. Und dann wird es für die Sanitäter noch genug zu tun geben.

9 Arten, den Freimarkt zu erleben

Für diese Serie begleitet der WESER-KURIER ganz unterschiedliche Menschen bei ihrem Besuch des Bremer Freimarkts. Wie erlebt ihn ein Sanitäter, wie eine Mutter mit ihrem Kind, ein Mitarbeiter eines Fahrgeschäfts oder jemand mit Handicap? In diesen zwei Wochen sehen wir den Freimarkt durch ihre Augen.

Teil 1: Frösche und saure Gurken: Mit dem TuS Huchting beim Eröffnungstag

Teil 2: Autoscooter - Nebel, Sprüche und ganz viel Coolness

Teil 3: Auf Freimarkt-Streife mit der Polizei: "Immer wissen, wo Stress ist"

Teil 5: Mutter-Tochter-Besuch: Nichts geht über Schmalzkuchen

Teil 6: Lichter, Musik, Gerüche: So erlebt eine blinde Frau den Freimarkt

Teil 7: Mit dem Rollstuhl im Riesenrad

Teil 8: Höher, schneller, weiter: Drei Flüchtlinge erkunden den Freimarkt

Teil 9: Seniorenheim: "Wir machen unseren eigenen Freimarkt"

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