Bewohner und Angehörige frustriert

Pflege in Bremer Heimen wird immer teurer

Viele Pflegeheimbewohner haben in diesen Tagen Post von ihrer Einrichtung bekommen: Darin werden steigende Kosten für das kommende Jahr angekündigt - teilweise geht es um mehrere Hundert Euro.
26.11.2019, 20:23
Lesedauer: 3 Min
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Pflege in Bremer Heimen wird immer teurer
Von Sabine Doll
Pflege in Bremer Heimen wird immer teurer

Der steigende Eigenanteil bei den Pflegekosten wird für viele zum Problem.

Christoph Schmidt/dpa

Der Brief des Pflegeheimbetreibers kam vor gut zwei Wochen. Jonny Lücke ahnte bereits, bevor er den Umschlag öffnete, worum es geht. „Ich erledige die Post für meine Mutter, die seit mehreren Jahren in einer Pflegeeinrichtung betreut wird“, erzählt der 72-Jährige. „Gegen Jahresende verhandeln die Einrichtungen mit den Pflegekassen und den Sozialträgern über die Pflegekosten für das kommende Jahr – und dabei geht es eben auch um die Erhöhung des Eigenanteils, der von den Bewohnern beziehungsweise den Angehörigen gezahlt wird.“

Der Inhalt des Briefes bestätigte Lückes Ahnung. Dass die Kosten immer wieder ein wenig erhöht werden, ist für den früheren Buchhalter nichts Neues mehr. Aber: Als er in diesem Jahr den Brief öffnete und die einzelnen Forderungen überflog, mit denen der Pflegeheimbetreiber in die anstehenden Verhandlungen gehen will, „da wurde mir schon ein wenig anders“, sagt Lücke.

Der 72-Jährige hat die monatlichen Rechnungen der Einrichtung inklusive der jährlichen Bescheide über die Erhöhung ordentlich abgeheftet. Bereits von 2018 auf 2019 ist der Eigenanteil, den seine 92-jährige Mutter für die Versorgung in der stationären Einrichtung zahlen muss, um etwa 200 Euro monatlich gestiegen. „Insgesamt zahlt sie im Monat rund 2200 Euro dazu, so hoch ist der aktuelle Eigenanteil“, rechnet Lücke vor. „Und jetzt könnten noch einmal 390 Euro oben drauf kommen, wenn der Pflegeheimträger mit seinen Forderungen bei den Verhandlungen komplett durchkommt. Das ist zwar nicht wahrscheinlich, aber selbst wenn es erneut 200 Euro sind, wo soll das enden?“

Gang zum Sozialamt

Diese Frage beschäftigt Tausende Betroffene und ihre Angehörigen bundesweit – akut in diesen Tagen, nachdem sie Post von den Einrichtungen bekommen haben. Die Frage ist aber auch in die Zukunft gerichtet, denn: Was, wenn die persönlichen finanziellen Reserven aufgebraucht sind? Reicht das Geld für die Eigenanteile der Pflegekosten nicht, springt das Sozialamt ein. Der 72-jährige Buchhalter ist überzeugt: „Wenn die Erhöhungen munter so weiter gehen, wird dieser Anteil zwangsläufig steigen.“

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Die gesamten Pflegekosten für eine stationäre Versorgung setzen sich aus mehreren Posten zusammen: Kosten für Unterkunft, Verpflegung, Investitionen, einer Ausbildungsumlage – sowie dem Pflegesatz, der von Heimbetreibern, Pflegekassen und Kommunen verhandelt wird. Diesen Satz trägt die Pflegeversicherung allerdings nicht komplett, sodass Pflegebedürftige in Bremen allein dafür nach Zahlen des Verbands der Ersatzkassen (VDEK) durchschnittlich 556 Euro im Monat zuzahlen müssen. Dazu kommen die Kosten für Unterkunft und Verpflegung, sie schlagen der Statistik zufolge mit durchschnittlich 761 Euro zu Buche. Für Investitionen zahlen Pflegeheimbewohner im kleinsten Bundesland 528 Euro. Unterm Strich macht das 1845 Euro; eine Ausbildungsumlage, die in vielen Einrichtungen dazu kommt, ist nicht eingerechnet. Bremen liegt mit diesen Gesamtkosten, die Pflegeheimbewohner selbst zahlen müssen, über Niedersachsen (1562 Euro) und knapp unter dem Bundesschnitt (1891 Euro). Spitzenreiter ist Nordrhein-Westfalen mit 2337 Euro, am wenigsten zahlen Bewohner in Sachsen-Anhalt dazu (1331 Euro).

Pflegefinanzierung nicht mehr zeitgemäß

Lücke ärgert besonders, dass nur der Anteil der Pflegeversicherung gedeckelt ist. „Das hat zur Folge, dass jede Erhöhung an die Pflegebedürftigen weitergereicht wird. Und während die Bewohner immer mehr zahlen müssen, bleibt der Anteil der Pflegeversicherung gleich. Der Eigenanteil muss gedeckelt werden“, fordert der 72-Jährige. Seine Kritik richte sich nicht gegen die bessere Bezahlung von Pflegekräften und zusätzliches Personal, die ebenfalls in den höheren Kosten abgebildet seien. „Das ist zwingend notwendig. Aber das bisherige System zur Pflegefinanzierung passt angesichts dieser Herausforderungen einfach nicht mehr. Und es ist auch keine Lösung, dass der Anteil der Sozialhilfeempfänger deswegen steigt.“

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Verbraucherzentralen, Pflegekassen und Patientenberatungen erhalten in diesen Tagen viele Anfragen von Betroffenen und Angehörigen, die Post von den Einrichtungen bekommen haben. „Die Betreiber müssen mit dem Brief, in dem sie die avisierte Erhöhung mitteilen, auch eine Begründung für den Anstieg der Pflegekosten mitliefern“, sagt Birgit Tillmann, Sprecherin der VDEK-Landesvertretung in Bremen. Diese Begründung haben die Lückes erhalten, genannt werden etwa Steigerungen der Personalkosten für das kommende Jahr, Aufwendungen für die betriebliche Altersvorsorge, eine Erhöhung des Einstandspreises für Strom, ein Anstieg der Sachkosten. „Wer Beratungsbedarf hat, kann mit seinen Unterlagen etwa zu seiner Pflegekasse oder anderen Beratungsstellen gehen“, sagt Tillmann. „Da die Kosten grundsätzlich zwischen den einzelnen Einrichtungen schwanken, lohnt sich aber auch immer ein konkreter Heimvergleich, etwa unter der Internetadresse www.pflegelotse.de.“ In dem Online-Portal können nach Auskunft der Sprecherin die Einrichtungen und die angegebenen Kosten etwa für Investitionen miteinander verglichen werden.

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