Aktueller Report warnt

Pflegenotstand verschärft sich - auch in Bremen

Ein aktueller Pflege-Report warnt vor einer sich dramatisch verschärfenden Lage, wenn nicht schnell deutlich mehr Pflegepersonal ausgebildet wird. Auch in Bremen zeichnet sich das ab.
10.07.2019, 20:21
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Pflegenotstand verschärft sich - auch in Bremen
Von Sabine Doll
Pflegenotstand verschärft sich - auch in Bremen

Bremen braucht bis zum Jahr 2050 rund 40 Prozent mehr Pflegekräfte, das geht aus einem Report der Krankenkasse AOK hervor.

Schmidt/dpa

Der Personalnotstand in der Langzeitpflege könnte sich noch dramatischer verschärfen, wenn nicht bald deutlich mehr Personal ausgebildet wird. Die Lücke zwischen der Zahl Pflegebedürftiger und benötigter Pflegekräfte werde in den kommenden Jahren immer größer. Das geht aus dem Pflege-Report 2019 hervor, den das Wissenschaftliche Institut der Krankenkasse AOK (Wido) vorgestellt hat. Auch in Bremen zeichnet sich diese Tendenz ab – allerdings fällt sie im Vergleich zu den anderen Bundesländern ein wenig besser aus.

Bundesweit werden nach Angaben des Pflege-Reports bis 2030 allein aufgrund der alternden Bevölkerung zusätzlich rund 130 000 Pflegekräfte in der Langzeitpflege benötigt. Bis zum Jahr 2050 steigt der Bedarf auf fast eine Million Pflegekräfte. Die Sicherstellung von Personal und die Finanzierung der Pflegekosten blieben eine drängende, weiter ungelöste Aufgabe, heißt es in dem Bericht. Gründe seien der Fachkräftemangel – aber auch die große Überlastung vieler Pflegekräfte aufgrund des personellen Notstands.

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Wie sich der Bedarf an Pflegefachpersonal in Zukunft entwickelt, hängt nach Angaben der Leiterin des Forschungsbereichs Pflege in dem wissenschaftlichen Institut, Antje Schwinger, eng mit der Entwicklung der Pflegebedürftigkeit zusammen. In Bremen fällt nach den Zahlen des Reports dieser Anstieg im Zeitraum von 2017 bis 2050 mit 38,8 Prozent am geringsten aus. Danach waren 2017 rund 4,2 Prozent der Bremer pflegebedürftig, 2030 sollen es der Prognose zufolge 4,7 Prozent und 20 Jahre später 5,9 Prozent sein.

Niedersachsen liegt mit einem Anstieg von gut 63,8 Prozent für den gesamten Zeitraum knapp im oberen Drittel des Ländervergleichs. Die größten Steigerungen bei der Anzahl Pflegebedürftiger erwarten bis 2050 Bayern und Rheinland-Pfalz mit je 69,5 und 67,3 Prozent. „Dass die Zahl der Pflegebedürftigen langsamer steigt als in den meisten anderen Bundesländern, ist ein Resultat der relativ jungen Bevölkerung im Stadtstaat Bremen“, sagt der Sprecher der AOK Bremen/Bremerhaven, Jörn Hons. Die Stadtstaaten – vor allem Bremen und Hamburg – verzeichnen mit Werten um die 40 Prozent die geringsten Zuwächse bis 2050.

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Das sei aber kein Grund zur Entwarnung, betont Wido-Pflegeexpertin Schwinger: „Alle Bundesländer müssen sich den absehbaren personellen Herausforderungen stellen.“ Auch für Bremen prognostiziert die Analyse einen erheblichen Bedarf an Pflegekräften für die kommenden Jahre. Demnach werden bis 2030 im kleinsten Bundesland 10,5 und bis 2050 insgesamt 40,9 Prozent mehr Pflegekräfte benötigt, ausgehend von 2017.

Bremen bewegt sich damit im unteren Mittelfeld, Niedersachsen benötigt mit 61,2 Prozent deutlich mehr Personal in stationären Einrichtungen bis 2050. Am geringsten fällt der benötigte Zuwachs in Sachsen-Anhalt mit 28,9 Prozent aus, vor der größten Herausforderung stehen Bayern (82,3 Prozent) und Baden-Württemberg (83,1 Prozent).

„Die Zahlen des Wido überraschen, weil sie das Problem der Versorgung in der Pflege in den kommenden Jahrzehnten sehr prägnant aufzeigen„, kommentiert Bremens AOK-Sprecher Hons. “Im Land Bremen ist die Situation zwar auch herausfordernd, aber sie ist beherrschbar. Wir haben einen hohen Sockel bei der Zahl der Pflegekräfte. Bis 2030 muss es hier einen Zuwachs bei den Pflegekräften von einem Prozent pro Jahr geben – und das ist machbar.“

Mit der Lösung des bundesweiten Pflegenotstands sind unter anderem Wissenschaftler der Universität Bremen beauftragt. Das Team entwickelt ein sogenanntes Instrument zur Personalbemessung für die Langzeitpflege. Konkret: Sie ermitteln, wie viele Pflegekräfte und welcher Mix aus Fach- und Hilfskräften für eine bedarfsgerechte Pflege in stationären Einrichtungen künftig notwendig sind. Bis Ende Juni 2020 soll die Entwicklung und Erprobung des Verfahrens abgeschlossen sein.

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„Danach liegt es an dem Gesetzgeber, was er daraus macht“, sagt Thomas Kalwitzki, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projekts. „In der Studie geht es nicht nur darum, wie viele Köpfe in der Langzeitpflege benötigt werden sondern auch um ihren bedarfsgerechten Einsatz. Erste Ergebnisse zeigen etwa, dass deutlich mehr Assistenzkräfte, aber nur in geringem Umfang zusätzliche Fachkräfte benötigt werden“, betont der Uni-Forscher. „Ein derart veränderter Mix weist darauf hin, dass die Rolle von Fachkräften in Einrichtungen weiterentwickelt werden muss.“

Pflegefachkräfte müssten deutlich stärker als bisher in Planung, Koordination und Anleitung eingesetzt werden – während risikoarme pflegerische Aufgaben stärker an gezielt dafür ausgebildete Assistenzkräfte übertragen werden müssten. Kalwitzki: „Heute ist es sehr oft so, dass es diese klaren Zuschnitte nicht gibt und Pflegefachkräfte in Einrichtungen alles übernehmen. Eine bedarfsgerechte Pflege braucht andere Strukturen, was aber auch bedeutet, dass sich in den Einrichtungen Organisation und Personalentwicklung verändern müssten. All das setzt höhere Personalmengen, sprich, eine Erhöhung der Ausbildungskapazitäten voraus.“

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