Restaurantbesprechung Pier 6 in Bremerhaven: Bei den Hauptspeisen trumpft die Küche auf

Das Pier 6 vereint eine kosmopolitische mit einer bodenständigen, teilweise deftig fränkischen Küche. Die Kombination gelingt wunderbar.
31.01.2019, 11:30
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Pier 6 in Bremerhaven: Bei den Hauptspeisen trumpft die Küche auf
Von Marcel Auermann

No Show – so heißt der neue, leider negative Trend in der Gastronomie. Will heißen, dass Gäste einen Tisch reservieren, aber nie erscheinen, weil sie es sich anders überlegt, die Lust am Auswärtsessen verloren haben oder was auch immer. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn sie denn absagen würden, das Lokal den Tisch anderweitig vergeben könnte und dem Betreiber somit das Geschäft nicht entginge.

Den Ärger über ein „No Show“ kann ich gut verstehen. Deshalb rufe ich im Restaurant schon an, wenn ich mich nur um fünf oder zehn Minuten verspäte, damit das Personal sicher gehen kann, dass da noch jemand kommt. Ähnlich war es an diesem Abend. Wir planten eine Stunde Fahrt nach Bremerhaven ein. Als wir an der Autobahnauffahrt Überseestadt ankamen, hatte die Polizei den kompletten Streckenabschnitt gesperrt. Wir mussten die komplette Strecke zurückzuckeln und die Auffahrt Industriehäfen nehmen.

Wenig eleganter Start

Das kostete uns rund 20 Minuten. Wir riefen also von unterwegs im Pier 6 an, dass wir später kommen würden. Fairer und korrekter kann man einem Restaurant gegenüber kaum agieren. Von daher kam es ziemlich maßregelnd rüber, als die Kellnerin zur Begrüßung meinte, wir seien doch reichlich spät dran. So eine Aussage kann nur jemand tätigen, wenn er sich sicher sein kann, dass die Gäste unentschuldigt zu spät sind. Wer ansonsten so empfangen wird, fragt sich, weshalb er sich zuvor überhaupt die Mühe machte, anzurufen.

Bis auf diesen wenig eleganten Start fühlten wir uns den Abend über mit dem direkten Blick auf die Bremerhavener Marina und den Havenwelten pudelwohl. Eine große Brigade unter der Leitung von Geschäftsführer Steffen Heumann umsorgte die Gäste in dem loftartigen Restaurant, in dem es aufgrund seiner Größe und der offenen Räume trubelig und mit einem gewissen Geräuschpegel zugeht. Wir hatten zum Glück einen Tisch in einer ruhigeren Nische direkt an den Panoramafenstern.

Lesen Sie auch

Mit einer herzhaften Mini-Quiche-Lorraine, präsentiert auf einem Gourmetlöffel, einer Bärlauchcreme und einem Brotkorb grüßte die Küche. Danach folgte für meine Begleitung ein Carpaccio vom Serviettenknödel (14 Euro). An solchen Kombinationen merkt der Gast immer wieder, dass Heumann ein gebürtiger Franke ist und die deftige bayerische Küche einfließen lässt, sie aber edel verfeinert.

So reicht der Koch zu den bodenständigen Knödeln geschmorte Kalbsbäckchen, die ein Gedicht waren. Himbeerdressing, Frisée, Wasabi und Schmand sorgten noch einmal für ganz andere, süßere Geschmacksrichtungen. Eine tolle Kombination. Ich entschied mich für qualitativ hochwertigen und nur Sekunden angebratenen Yellow-Fin-Tunfisch im Sesam-Mantel (15 Euro), zu dem Papaya, Zwiebel, Forellen-Kaviar, Kräutersalat und Rote Bete auf dem Teller lag.

Auf den Punkt gegart

Zu den Gerichten wählten wir einen Wein aus einer sehr gut bestückten Karte aus. Auch hier zeigten sich die fränkischen Wurzeln des Chefs. Es fanden sich einige Gewächse aus und um Würzburg, wo hochwertige Tropfen herkommen. Unsere Gerichte vertrugen gut und gerne einen schwereren Rotwein: den wuchtigen Schwarzriesling-Spätburgunder mit vollmundigem Eichenfassaroma vom Weingut J. Störrlein & Krenig aus Randersacker (0,2 Liter für 6,80 Euro).

Bei den Hauptspeisen trumpfte die Küche dann vollends auf. Meine Begleitung genoss einen mürben Nacken vom andalusischen Eichelschwein (27 Euro) mit einer Cassis-Jus, von der wir nicht genug bekommen konnten. Dazu gab es einen geschmeidigen Kartoffel-Trüffel-Stampf und Gemüse (Pastinaken, Karotten, Romanesco), das mit seinem Geschmack für sich stand. Mein Skrei-Filet (25 Euro) kam – natürlich – auf den Punkt gegart an den Tisch.

Lesen Sie auch

Die Honigkuchenkruste zeigte, wie kreativ im Pier 6 gedacht wird – einfach genial. Der Winterkabeljau lag auf einer ordentlichen Portion Birnen-Risotto, das ich mir noch mit einem Hauch Vanille oder gar Zimt gewünscht hätte. Das hätte das noch Nach-Weihnachtliche der Honigkuchenkruste aufgefangen. Daneben im Noilly-Prat-Schaum fanden sich einige Mini-Rote-Beten und junger Lauch.

Die Nachtischauswahl war reichhaltig und deckte von Desserts über Eis bis zum Käseteller alle Geschmäcker ab. Meine Begleitung probierte das locker-luftige Schmand-Törtchen mit einem knackigen Keksboden (8,50 Euro). Glasig angemachte Aprikosen und ein Himbeer-Coulis verfeinerten den süßen Abschluss. Mich machte die gebackene Feige (8,50 Euro) an, die mich aber geschmacklich eher enttäuschte, weil ich sie mir raffinierter und mit einer Besonderheit vorstellte. Obwohl nur als Beilage gedacht, überzeugten mich das Mango-Blutorangen-Kompott, der Gewürzkuchen-­Crumble, das erfrischende Mandarinen-Sorbet und die krosse Honig-Sesam-Hippe deutlich mehr.


Fazit: Das Pier 6 vereint eine kosmopolitische mit einer bodenständigen, teilweise deftig fränkischen Küche. Die Kombination gelingt wunderbar. So lässt es sich an der Bremerhavener Marina aushalten.


Pier 6, Barkhausenstraße 6, 27568 Bremerhaven, Telefon: 04 71/48 36 40 80, Öffnungszeiten: Montag bis Sonnabend von 10 bis 23 Uhr, barrierefrei, Internet: www.pier6.de

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+