Neues Projekt in Gröpelingen Pilzzucht in altem Bunker

Ohlenhof. Auf dem alten "Werftvilla"-Gelände will die Gesellschaft für integrative Beschäftigung ab dem nächsten Jahr eigenes Obst und Gemüse für ihr Café Brand anbauen. Im Bunker soll eine Pilzzucht aufgebaut werden.
02.06.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anne Gerling

Ohlenhof. Das Gelände drumherum wirkt zunehmend aufgeräumt, und bald soll auch der Bunker auf dem alten "Werftvilla"-Gelände an der Basdahler Straße hergerichtet werden: Unter dem Titel "Gemüsewerft" will die Gesellschaft für integrative Beschäftigung (GiB) hier ab dem nächsten Jahr eigenes Obst und Gemüse für ihr Café Brand anbauen. Der Bunker spielt dabei die Hauptrolle: Darin soll eine Pilzzucht aufgebaut werden.

Fluchtwege, Strom- und Wasserversorgung, Umkleideräume – wie macht man einen Erdbunker aus dem Zweiten Weltkrieg zu einer offiziellen Arbeitsstätte? Mit dieser Frage beschäftigt sich schon seit einiger Zeit Michael Scheer, Geschäftsführer der Gesellschaft für integrative Beschäftigung (GiB). Nun wurde ein Architekt mit einer ersten Bestandsaufnahme beauftragt. Das Bauwerk, um das es dabei konkret geht, liegt im sozial-urbanen Gemeinschaftsgarten "Gemüsewerft" an der Basdahler Straße – und Scheer hat einiges damit vor: Neben dem Anbau von Gemüse und Kräutern, der Bewirtschaftung von Obstbäumen und der Honigproduktion durch Bienenstöcke im Garten will er in dem 240 Quadratmeter großen unterirdischen Bunker nämlich eine Pilzzucht aufbauen.

Dass die GiB das seit Jahren ungenutzte 2000 Quadratmeter große Gelände nun nutzen darf, auf dem früher einmal die Villa des AG-Weser-Direktors stand, dafür hatte sich Scheer in vielen Gesprächen mit der senatorischen Behörde für Umwelt, Bau und Verkehr starkgemacht. "Umwelt-Staatsrätin Gabriele Friderich mag das Projekt. Sie war auch schon selbst hier und ist mit uns durch den Bunker gegangen", erzählt er.

Jetzt ist er mit seinem Team auf dem stark verwilderten Gelände erst einmal schwer am Ackern, um aufzuräumen und die Flächen für die mobilen Beete vorzubereiten. "Wir wollen nächstes Jahr ernten – und zwar auch in entsprechenden Mengen", betont der GiB-Geschäftsführer. Währenddessen schließt er die frisch eingebaute neue Bunkertür auf und steigt hinab in die Tiefe, wo unmittelbar der Atem kondensiert.

Lust auf dieses Lebensgefühl

Insgesamt 16 Räume schlängeln sich hintereinander, und dort unten sollen also in Zukunft Austernseitlinge gedeihen, die dann im von der GiB betriebenen Café Brand täglich frisch serviert werden. Wenn es gut läuft, möchte Scheer später außerdem die gehobene Gastronomie mit den Speisepilzen aus Gröpelingen beliefern – und dabei die Ware ökologisch korrekt mit dem Fahrrad zum Kunden bringen.

"Austernseitlinge wachsen in Substraten, die unter der Decke hängen. Die brauchen eine konstante Temperatur und ein bisschen Licht. Da könnte das Tageslicht schon ausreichen, das durch die Luftschächte kommt", erklärt er, schränkt aber sofort ein: So "richtig" Ahnung von Pilzzucht habe er eigentlich noch gar nicht.

Das schreckt den studierten Zoologen allerdings keinesfalls von seinem ambitionierten Vorhaben ab – schließlich wächst er seit geraumer Zeit immer mehr in das Thema Urban Gardening hinein, hat inzwischen viele Kontakte in der Republik geknüpft und dabei beobachtet: "Keiner der Leute, die Urban Gardening machen, war im Vorfeld dafür qualifiziert, sondern die hatten alle erst einmal Lust auf dieses Lebensgefühl und darauf, den öffentlichen Raum zu nutzen. Und dann kommen immer mehr Leute dazu, die ein bisschen was wissen: Einer ist Bienenzüchter, einer versteht was von Kompostierung, und ein anderer hat eben Ahnung von Pilzzucht." Genau diesen Experten hat Scheer auch schon gefunden: "Ich kenne jemanden, der 20 Jahre lang in Mexiko-Stadt Arznei- und Speisepilze gezüchtet hat. Und der kommt im Juni zu uns und guckt sich das mal an."

Ein politischer Garten soll die Gemüsewerft erklärtermaßen sein, in dem es um Gemeinschaft, Partizipationsstrukturen, Biodiversität oder Bienenzucht gehen wird. Denn für Scheer steht fest: "Die aktuelle Form der Lebensmittelherstellung geht so nicht mehr auf, weil wir zu viel wegschmeißen und zu wenig anbauen." Auch seien die gezüchteten Produkte – von der Gurke mit leichter Biegung für eine bestmögliche Verpackung bis zum Salatblatt ohne Loch – im Grunde völlig unnormal: "Ein Salatblatt, das unter freiem Himmel heranwächst, hat immer ein Loch, weil da zum Beispiel mal ein Käfer drauf saß." Die große Vision, die Scheer schon im Hinterkopf hat, ist der Aufbau eines lokalen Erzeuger- und Vertriebssystems im Schulterschluss mit Parzellisten und anderen Gartenprojekten auf brachliegenden Bahn- und Grünflächen.

Das Schönste an Urban Gardening beziehungsweise Stadtgärtnern ist für Scheer dabei die "Veränderung des städtischen Verhaltensrepertoires", wie er es nennt: "Die Leute machen was gemeinsam, holen sich eine Lebensweise zurück – und da sind Bildung, Sozialisation und kultureller Hintergrund egal. Es wird das Leben in der Stadt verändern: Die Leute gehen wieder vor die Tür, verabreden sich, sind draußen und ziehen sich die Jahreszeiten rein!"

Geschätzte 60000 Euro werden die für die Bewirtschaftung notwendigen Baumaßnahmen am Bunker kosten, falls nichts Unvorhergesehenes dazwischen kommt. Das Geld soll im Juni über das Bund-Länder-Programm "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – Soziale Stadt" beantragt werden. Bis Ende des Jahres könnten damit dann alle baulichen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass es im Januar oder Februar tatsächlich mit der Pilzzucht losgehen kann. Im März soll parallel die Pflanzen-Anzucht bei den "Knastgewächsen" starten. Was die Gemüsewerft dem Stadtteil über ein leckeres Mittagessen im Café Brand hinaus noch bringen könnte, das hat Scheer neulich am Beispiel des Berliner Prinzessinnengartens erklärt, zu dem er guten Kontakt pflegt: "Da kommen pro Jahr 50000 Besucher hin – sogar Japaner mit Kameras!"

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