Gehölzpathologe und Mykologe Rolf Kehr spricht über zusätzlichen Stress für Straßenbäume durch Klimawandel

Plädoyer für mehr Vielfalt beim Stadtgrün

Altstadt. Klimawandel und Globalisierung machen den Bäumen in vielen Ländern Mitteleuropas zu schaffen, sagt der Baumexperte Rolf Kehr bei seinem Vortrag in der Arbeitnehmerkammer. Perspektivisch besonders gefährdet seien die ohnehin stressanfälligen Stadtbäume.
05.11.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von CHRISTIANE MESTER
Plädoyer für mehr Vielfalt beim Stadtgrün

Gefragter Experte: Rolf Kehr, Gehölzpathologe und Mykologe an der Fachhochschule Göttingen.

Christiane Mester

Klimawandel und Globalisierung machen den Bäumen in vielen Ländern Mitteleuropas zu schaffen, sagt der Baumexperte Rolf Kehr bei seinem Vortrag in der Arbeitnehmerkammer. Perspektivisch besonders gefährdet seien die ohnehin stressanfälligen Stadtbäume.

Die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL) hatte den Gehölzpathologen und Mykologen aus Göttingen eingeladen. Der Experte sprach hauptsächlich vor Fachpublikum und trat dafür ein, sich vom monotonen Konzept der Alleen zu verabschieden und mit mehr Arten- und Sortenvielfalt auf die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft zu reagieren.

Anders als auf dem Land, steht der Stadtbaum wärmer und trockener als sein Pendant im Wald. Der Platzmangel im verdichteten Boden führt zusätzlich zu Konkurrenz um Luft und Wasser und das lässt bereits die jungen Bäume ein einseitiges Wurzelsystem ausbilden. Das Wachstum, das in der Stadt zu Beginn noch schneller verläuft als im Wald, verlangsamt sich mit den Jahren und die Lebenserwartung sinkt rapide auf nur noch 40 bis 50 Jahre.

Der Stadtbaum steht unter Stress und wird anfällig für Infektionskrankheiten, die von Schwächeparasiten verursacht werden. Anders als im Wald, wo es naturgemäß kreucht und fleucht, gibt es im urbanen Umfeld weniger biologische Gegenspieler, die die Parasiten in Schach halten würden. Aber nicht nur der Schädlingsdruck ist für einen Straßenbaum besonders hoch, hinzu kommen äußere Verletzungen, hervorgerufen oftmals durch Baumaßnahmen. In solchen Wunden breiten sich Fäulepilzinfektionen aus.

Geschwächte Bäume werden von Käfern bevorzugt angeflogen, die dort ihre Eier ablegen. Schließt sich ein warmer und trockener Sommer an, steht eine Massenvermehrung bevor und dann, betont Rolf Kehr, „müssen die Bäume sofort weg. Das tut dem Bürger weh, aber wenn die Käfer schlüpfen, gehen sie auch an alle anderen Bäume im Umfeld.“ Von seinen Kollegen erhält der Forscher einigen Zuspruch, als er hinzufügt: „Wenn schon die Baumfreunde sagen, dass gefällt werden muss, dann kann man sich sicher sein, dass das unvermeidbar ist.“

Bevor sich Rolf Kehr bei seinem Vortrag den Auswirkungen des Klimawandels widmet, stellt er klar: „Das Stadtklima entspricht schon lange den Bedingungen der Klima-Erwärmung“ und sei daher in diesem Zusammenhang eher als eine „nochmalige Verschärfung“ zu begreifen. Hinsichtlich der zu erwartenden Wetteränderungen existierten in der Forschung die folgenden Annahmen: Etwa alle fünf Jahre werden die feucht-milden durch einen „harten“ Winter unterbrochen, es gibt mehr heiße und trockene Sommer, in denen sich wärmeliebende Schadorganismen sprunghaft vermehren können. Hinzu kommen tendenziell mehr Überflutungsereignisse und häufiger auftretende Unwetter mit Starkregen, Hagelschauern als auch hohen Windgeschwindigkeiten. „Das Blattwerk verhält sich bei Sturm dann wie ein Segel“, sagt Rolf Kehr und berichtet von den Schäden, die Tief Ela im vergangenen Jahr angerichtet hat: „Düsseldorf hat 60 Prozent seiner Bäume verloren“, als das Tiefdruckgebiet im Juni des vergangenen Jahres Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen mit Gewittern überzogen hat. Sechs Menschen kamen ums Leben.

Es seien aber nicht ausschließlich die veränderten Umweltbedingungen durch den Klimawandel, die ein Problem für die Bäume darstellten sagt Kehr, der am Institut für Ressourcenmanagement an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Göttingen lehrt und forscht. Sich darauf zu beschränken, sei ein Fehler. Der internationale Warenhandel sei eine weitere Herausforderung für alle, die sich mit der Baumpflege beschäftigten, werden auf diese Weise doch neue Schädlingsarten eingeschleppt. Inzwischen gebe es zwar Sicherheitsmaßnahmen, wie das Einleiten von Gas in die Container, eine Hitzebehandlung und etwa ein Prozent der Warensendungen würden auch einzeln überprüft, aber ganz lösen ließe sich das Problem mit solchen Verfahren nicht.

Grundsätzlich wichtig sei, dass die Auswirkungen, die Klimawandel und Globalisierung auf die Bäume haben, bereits in die Stadtplanung einbezogen würden. Das betreffe die Wahl der Arten und Sorten, die möglichst vielfältig sein sollte, rät Kehr, um das Risiko für einen drohenden Kahlschlag mindern zu können, genauso, wie die Suche nach einem geeigneten Platz. Die Wasser- und Nährstoffversorgung spiele künftig eine noch größere Rolle: „Es muss mehr in die Standorte investiert werden, damit hohe Vitalität auch bei größer werdender Krone möglich ist.“ Weiterhin dürfe der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, der unwidersprochen einen erheblichen Eingriff bedeute, dennoch kein Tabu bleiben, sondern müsse eine Frage der Abwägung sein. „Auch wenn es schwierig ist, dem Bürger das zu kommunizieren.“

Kontakt zur DGGL: Info-Pavillon, Bürgermeister-Smidt-Straße 88 und über die Adresse info.dggl-bremen@arcor.de.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+