Öffnung für alle Kinder ab dem 15.Juni Wie der Kita-Betrieb in Bremen ablaufen soll

Demnächst sollen nach den Plänen der Bildungsbehörde wieder alle Kinder in die Kita gehen können - allerdings nicht mit voller Stundenzahl. Aus Sicht von Eltern und Kita-Trägern gibt es noch Unklarheiten.
07.06.2020, 06:00
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Wie der Kita-Betrieb in Bremen ablaufen soll
Von Sara Sundermann

Ab 15. Juni sollen wieder alle Kinder in die Kita gehen, vorgesehen ist ein sogenannter „eingeschränkter Regelbetrieb“. Das heißt, mehr Kinder sollen betreut werden, aber nicht mit der vollen Stundenzahl. Über diese Pläne der Bildungsbehörde will der Senat am Dienstag entscheiden. Die Pläne sorgen zum Teil aber auch für Verunsicherung.

Weil auch Kita-Beschäftigte Risikogruppen angehören, steht den Einrichtungen nicht das komplette Personal zur Verfügung. Deshalb und aufgrund der Hygieneauflagen könne den Eltern derzeit nicht die vertraglich vereinbarte Betreuungszeit garantiert werden, kündigt das Bildungsressort an. Geplant ist laut dem Konzept der Behörde, dass jedem Kind mindestens 20 Stunden Betreuung pro Woche zustehen sollen.

Härtefälle nicht konkret definiert

Davon ausgenommen sein sollen Kinder, für die der Kita-Besuch zur Abwehr einer Gefährdung gesetzlich angeordnet ist und in besonderen Härtefällen. Was als Härtefall gilt, ist im Konzept der Behörde nicht formuliert. Auf Nachfrage erläutert Behördensprecherin Annette Kemp, dass beispielsweise Kinder in Armutslagen und prekären Verhältnissen als Härtefall gelten. „Aus Erfahrung wissen wir, dass Kita-Leitungen die Härtefälle kennen“, so Kemp. Bei Fragen zur Bewertung, was als Härtefall zähle, helfe die Fachabteilung der Behörde den Kita-Leitungen.

Falls Kita-Träger mehr als die 20 Wochenstunden Betreuung anbieten können, sollen sie zudem Eltern prioritär berücksichtigen, die wegen ihrer Berufstätigkeit Betreuung brauchen. Zwischen systemrelevanten und nicht systemrelevanten Berufen soll laut Behörde nicht mehr unterschieden werden.

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Vorgesehen ist zudem, dass Eltern einen Mund-Nasen-Schutz tragen, wenn sie eine Kita betreten. Als Richtwert sollen bis zu zehn Kinder unter drei Jahren in einer Gruppe betreut werden und bis zu 15 Kinder pro Gruppe bei den Drei- bis Sechsjährigen. Die Behörde behält sich vor, den Umfang der Betreuung und die Zielgruppen wieder einzuschränken, falls sich das Infektionsgeschehen verändert.

Die 20-Stunden-Regel bereitet Eltern Sorgen, die zuletzt schon ein Recht auf mehr Betreuung hatten. Mutter Nadine Scharsich schildert: „Wir haben drei Kinder und wir brauchen für sie acht Stunden Notbetreuung.“ Derzeit bekommen sie und ihr Mann diese Notbetreuung auch, weil Nadine Scharsich in einem systemrelevanten Beruf arbeitet und beide Eltern berufstätig sind. Die 45-Jährige arbeitet 30 Stunden als Krankenpflegerin, ihr Mann 40 Stunden in der IT-Branche. „Ich finde es absolut wichtig, dass alle Kinder wieder in die Kita gehen“, sagt sie. „Aber wenn wir nur noch 20 Stunden bekommen, kann ich nicht mehr arbeiten gehen, dann ist unsere Existenz bedroht.“ Die Betreuungsprobleme seien nicht erst seit Auftreten des Coronavirus da, betont sie: „Wir haben auch ohne Pandemie ein Jahr voller Kita-Notdienste hinter uns, weil einfach zu wenig Personal da ist.“

Gemischte Gefühle

„Ab 15. Juni werden die Karten neu gemischt“, sagt auch Anett Ganswindt, die Mutter eines dreijährigen und eines siebenjährigen Kindes ist. Sie sieht der weiteren Öffnung mit gemischten Gefühlen entgegen. „Die Eltern, die derzeit eine Notbetreuung haben, bangen jetzt natürlich um ihren Platz.“ Auch sie und ihr Mann haben, da beide voll arbeiten, derzeit einen Vollzeitplatz für das jüngere Kind. „Meine Sorge ist, dass wir nicht mehr die Betreuung bekommen, die wir brauchen, dann muss ich wieder Homeoffice machen und nachts arbeiten, wenn die Kinder schlafen.“ Anett Ganswindt kritisiert zudem eine kurzfristige Planung der Landesregierung: An diesem Dienstag will der Senat entscheiden, am darauffolgenden Montag sollen die Änderungen in Kraft treten.

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„Wir nehmen eine große Unruhe und Unsicherheit unter den Eltern wahr“, sagt Petra Katzorke von der Zentralelternvertretung (ZEV). Durch viele kurzfristige Änderungen in den vergangenen Wochen und das Fehlen eines mittelfristigen Fahrplans sei die Stimmung bei vielen Eltern derzeit „ziemlich im Keller“ – vor allem bei denjenigen, die mehr als 20 Stunden Betreuung benötigten. „Wir wünschen uns, dass die Kitas konkrete Rahmenbedingungen von der Behörde bekommen, damit die Öffnung umsetzbar wird.“ Die ZEV appelliert zudem an alle Eltern, gut zu prüfen, wie viele Stunden Betreuung sie tatsächlich benötigten, damit die verfügbare Zeit gut auf alle verteilt werden könne.

Die Bremer Wohlfahrtsverbände, die viele Kitas betreiben, begrüßen die geplante Öffnung für alle Kinder, sagt Arnold Knigge von der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Weiteren Gesprächsbedarf sieht er noch bei der Frage, welche Eltern mehr Betreuung bekommen könnten. Es müsse definiert werden, was als Härtefall gelte. „Das kann man nicht allein den Kitas überlassen, wir müssen gemeinsam erarbeiten, was die Kriterien dafür sind.“

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