Tägliche Bekämpfung von Unfällen Pläne für jeden Notfall

Bremen. Wir haben nachgefragt: Wie ist Bremen auf Katastrophen vorbereitet?
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Pläne für jeden Notfall
Von Ralf Michel

Anfang des Jahres hinterlässt ein entgleister Waggon eine Schneise der Verwüstung und legt den Hauptbahnhof lahm. Im September verunglückt unmittelbar vor den Bahnsteigen ein Zug. Bei einem Unfall im Postamt an der Domsheide entwickeln sich giftige Dämpfe und dringen in eine benachbarte Schule... Bei allen drei Vorfällen wurde niemand ernsthaft verletzt. Aber was wäre gewesen, wenn das passiert wäre? Wir haben nachgefragt: Wie ist Bremen auf Katastrophen vorbereitet?

Die Zuständigkeit bei einer Katastrophe im Land Bremen ist klar geregelt: Oberster Katastrophenschützer ist der Innensenator, derzeit also Ulrich Mäurer. Er würde im Katastrophenfall einen Krisenstab im Gebäude der Feuer- und Rettungswache 1 in Bremen-Mitte zusammenziehen und von dort aus die Rettungsmaßnahmen koordinieren, erklärt Joachim Marks, Sachbearbeiter für den Bereich Katastrophenschutz in der Innenbehörde.

Weniger klar ist dagegen, was eigentlich eine Katastrophe ist. Ein Ereignis, das Leben, Gesundheit, die Umwelt, erhebliche Sachwerte oder die lebenswichtige Versorgung der Bevölkerung so sehr gefährdet, dass alle zuständigen Behörden und Rettungsdienste unter zentraler Leitung zusammengezogen werden müssten, heißt es hierzu wortreich, aber schwammig seitens der Innenbehörde.

Joachim Marks hält ohnehin wenig von diesem Begriff. Der werde viel zu inflationär verwendet. „Wenn jemandem mal der Keller vollläuft, ist das gleich eine Katastrophe.“ Aus der Sicht der Betroffenen sei das vielleicht nachvollziehbar. Doch für die Verwaltung handele es sich lediglich um Schadenslagen oder, wenn es ganz dicke kommt, um Großschadenslagen.

Ähnlich nüchtern umschreibt es Michael Richartz, Chef der Feuerwehr- und Rettungsleitstelle, in der bei Unglücken aller Art die Fäden zusammenlaufen. „Es mag komisch klingen, aber für uns ist eine Katastrophe per se erstmal ein Verwaltungsakt.“

Wozu nicht zuletzt die Frage der Zuständigkeit gehört: In Bremen gilt das Ressortprinzip – verantwortlich ist zunächst jeweils die Behörde, in deren Bereich das Unglück fällt. Dafür hat jedes Ressort einen eigenem Krisenstab und eigene Notfallpläne, erläutert Marks. Bei Hochwasser sei zum Beispiel das Umweltressort zuständig, bei Viruserkrankungen wie der Vogelgrippe das Gesundheitsressort. „Jeder arbeitet das zunächst in seinem Haus ab.“ Deshalb gebe es auch nicht den einen Notfallplan in der Schublade, sondern viele Pläne in verschiedenen Schubladen. „Katastrophenschutz besteht nicht separat, sondern ist eingebunden in die Bekämpfung der üblichen Schadensfälle.“

Das Gleiche gelte für Fahrzeuge und Ausrüstung. „Auch das ist alles in den normalen Rettungsdienst integriert“, erläutert Marks. Der Bund statte Feuerwehren und Sanitätsorganisationen zwar mit Fahrzeugen und Gerät eigens zum Katastrophenschutz aus. „Aber die werden natürlich nicht weggeschlossen, sondern kommen im Alltag zum Einsatz.“

Zentrale Lager mit Lebensmitteln, Medikamenten oder Hilfsgütern wie Zelten, Betten oder Decken gebe es nicht. Bei Lebensmitteln habe man Discounter als Ansprechpartner vor Ort. Deren Großlager reichten aus. Für Medikamente gebe es die Großapotheke im Klinikum Mitte, und mit Zelten, Decken und Betten seien die Fahrzeuge des Katastrophenschutzes oder die Hilfsorganisationen wie Technisches Hilfswerk oder Rotes Kreuz ausgestattet.

Mit spektakulären Katastrophenszenarios à la Hollywood habe all dies nichts zu tun, wird Marks nicht müde zu betonen. Das Ganze folge vielmehr einem simplen Prinzip. „Genau schauen, was passiert ist, dann die zuständigen Hilfskräfte nach vorgegebenen Plänen in Gang setzen.“

Das gilt auch für den Bereich der Bahn, die wie der Flughafen in die Zuständigkeit der Bundespolizei fällt. „Wir räumen, evakuieren, halten Wege frei, leisten erste Hilfe und unterstützen die Rettungskräfte“, sagt Holger Jurezko, Sprecher der Bundespolizei. „Für all dies gibt es Rollenpläne, die bei uns von Anfang an zur Ausbildung gehören.“ Im Katastrophenfall habe die Stadt, also der Innensenator, den Hut auf. „Wir wären dann Teil eines Sicherheitsverbandes.“

Wann in Bremen das letzte Mal von einer Katastrophe gesprochen wurde, können weder Marks noch Richartz sagen. „Vielleicht bei der Sturmflut 1962.“ Auch die Beispiele für Großschadensereignisse liegen lange zurück: Die Mehlstaubexplosion in der Rolandmühle 1979 oder die Gasexplosion im Geschwornenweg im November 2000. Das Wort Katastrophe kommt den Fachleuten aber auch hier nicht über die Lippen. Richartz: „Auch das waren lokal sehr eingegrenzte Schadenslagen.“

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