Sorgen um Kapazitäten der Geburtshilfe

Plätze im Kreißsaal werden knapp

Immer mehr Entbindungsstationen in Bremen und Umgebung schließen, in den hiesigen Kreißsälen wird es manchmal eng. Eine Risikoschwangere hat das jüngst erlebt. Gerät die Geburtshilfe an ihre Grenzen?
03.02.2015, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Plätze im Kreißsaal werden knapp
Von Frauke Fischer

Mehr als 6500 Geburten gab es in den vier Bremer Geburtshilfekliniken 2013. Tendenz steigend, denn nach der Schließung der Fachabteilung im Klinikum Bremen-Mitte machten auch im Umland Entbindungsstationen zu. In den hiesigen Kreißsälen wird es manchmal eng. Eine Risikoschwangere hat das jüngst auf ihrer nächtlichen Odyssee durch die Kliniken erlebt. Gerät die Geburtshilfe an ihre Grenzen?

Es war gegen vier Uhr morgens, als die schwangere Frau durch Wehen aufwachte. Seit November musste die zweifache Mutter, die Zwillinge erwartete (und nun bekommen hat), auf jegliche Belastung verzichten. Ihre Ärzte befürchteten andernfalls eine vorzeitige Geburt. Die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, weil sie fürchtet, dann schlechter versorgt zu werden, galt als Risikoschwangere. In jener Nacht ließ sie sich zuerst ins Klinikum Links der Weser fahren. Sie wurde freundlich aufgenommen, untersucht, dann aber ins St.-Joseph-Stift weitergeschickt, weil es kein freies Bett gab. Auch dort wurde sie untersucht, wegen Platzmangels allerdings im Krankenwagen ins Klinikum Bremen-Nord gefahren, schildert sie. Dort wurde sie aufgenommen und betreut. Die Erinnerungen an jene Nacht in der 31. Schwangerschaftswoche mit der Angst, vorzeitig ihre Kinder zu bekommen, wird die Frau nicht los. Und damit die Frage: Reichen die Kapazitäten der Geburtshilfe in Bremen wirklich aus?

Aus Sicht vieler Mediziner und Hebammen in Bremer Kliniken und Praxen ist die Geschichte der nun vierfachen Mutter symptomatisch für die Defizite in der Geburtshilfe. Nach der Schließung der Abteilung im Klinikum Mitte im Februar 2012, die durchschnittlich 1100 Geburten jährlich zählte, mussten die verbliebenen Fachabteilungen Links der Weser (LdW), St.-Joseph-Stift, Diako und Bremen-Nord die Engpässe kompensieren. Zudem steigt die Zahl von Schwangeren aus Niedersachsen, die in Bremer Kliniken gebären. Das LdW hat inzwischen fünf Kreißsäle und die Station vergrößert, auch das St. Joseph Stift weitete Kapazitäten aus. Im Diako gibt es vier Kreißsäle und 14 Hebammen im Drei-Schicht-System rund um die Uhr. Bremen-Nord hat das Hebammen-Team in vier Kreißsälen verstärkt, so Karen Matiszik, Sprecherin des kommunalen Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno).

„Das Volumen hat uns vor große Herausforderungen gestellt“, sagt Torsten Jarchow, Geschäftsführer des St.-Joseph-Stifts. Nach der Schließung von Mitte sei vielleicht „über die Konsequenzen an manchen Stellen zu wenig nachgedacht worden“. Damit spricht er eine oft gestellte Forderung nach einem Gesamtkonzept für die Geburtshilfe in Bremen an. Dieses müsse in die Landeskrankenhausplanung einbezogen werden. „Die Bettenzahl ist nicht die Frage. Wenn wir uns in Bremen als Gesundheitsmetropole begreifen, müssen wir die Versorgungsstrukturen dafür vorhalten“, sagt Jarchow. Die Kliniken könnten Investitionen nicht allein aus ihren Etats ermöglichen, appelliert er an den Senator.

Im St.-Joseph-Stift kamen im Jahr 2014 2196 Kinder zur Welt, sagt Torsten Frambach, Chefarzt der Frauenklinik. „Es gibt punktuelle Spitzen, eine natürliche Geburt ist ja nicht planbar“, sagt der Mediziner. „Aber die Sicherheit ist immer gewährleistet.“ Man habe einen hohen Qualitätsanspruch an die Geburtshilfe. „Da kommen wir manchmal an unsere Grenzen.“

Von diesen Grenzen ist auch im „Netzwerk Geburtshilfe und Neonatologie“ häufig die Rede. Es wurde 2012 eingerichtet, um die Probleme nach der Schließung der Geburtshilfe in Mitte mit Medizinern und Hebammen aus Kliniken und Praxen, aber auch Vertretern aus der Gesundheitsbehörde zu besprechen. „Die Schließung ist bis heute nicht kompensiert“, sagt Elisabeth Holthaus-Hesse. Die Frauenärztin gehört zu jenen Gynäkologen und Hebammen, die in einer Arbeitsgruppe eine Kampagne zur Aufklärung von Öffentlichkeit, Krankenkassen und Politik vorbereiten. Ziel ist unter anderem eine bessere Ausstattung der Geburtshilfe.

Entbindungen aber sind für Kliniken nicht lukrativ. Das bestätigt Torsten Jarchow. Die Fallpauschale, die ein Krankenhaus bekommt, entspricht der für eine Hämorrhoiden-Operation. Dabei kann sich eine Entbindung auch mal über Tage hinziehen, wegen Komplikationen viel medizinische Versorgung erfordern. Kleinere Krankenhäuser unter anderem im niedersächsischen Umland haben deshalb bereits Entbindungsstationen geschlossen. Der Trend zur Konzentration in wenigen großen Kliniken bringt für viele Schwangere indes weitere Anfahrten mit sich.

„Wenn man einen Kreißsaal einrichtet, muss man die gesamte Versorgung vorhalten und das rund um die Uhr“, bestätigt Karen Matiszik. Mit Blick auf das LdW sagt sie, es komme vor, dass Schwangere weitergeschickt würden.

„Aber Notfälle werden immer versorgt.“ Zudem kooperierten die Kliniken miteinander, um eine bestmögliche Versorgung zu gewährleisten. Die Zunahmen von Entbindungen, auch durch Schließungen von Kliniken im Umland, „muss man sich natürlich genau anschauen und überlegen, ob weitere Veränderungen notwendig werden“, sagt sie.

Gesundheitssenator Hermann Schulte-Sasse (parteilos) setzt in der Sache auch auf eine länderübergreifende Krankenhausplanung. In Kürze stehe das Thema bei einer Sitzung der Kabinette aus Niedersachsen und Bremen auf der Tagesordnung. „Die Schließung der Geburtshilfen in Niedersachsen hat in der Spitze zu Kapazitätsengpässen in Bremen geführt, die für die Patientinnen nicht zufriedenstellend sind“, räumt er ein. Deshalb habe er im Herbst mit den Geschäftsführern der Krankenhäuser und den Chefärzten der Geburtskliniken Lösungswege diskutiert. Eine Überprüfung der Entbindungszahlen der vergangenen Jahre habe aber auch gezeigt, „dass alle Gebärenden, so sie denn wollten, in Bremen entbinden können“. Insbesondere das Diako habe ausreichend Kapazitäten. Es müsse erörtert werden, „wie eine geeignete und die Patientinnen einbindende Steuerung hierzu aussehen kann“.

Man müsse „zu einer aufeinander abgestimmten Landeskrankenhausplanung“ kommen. Der Senator betont: „Allein aus bremischen Landesmitteln können wir keine zusätzlichen Kreißsäle für Patientinnen aus Niedersachsen finanzieren.“

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