Plakataktion Die Minderheit schützt sich mit Helm

Im Rahmen einer Werbeaktion der AOK rufen Fahrradhändler zum Tragen eines Helms auf. Auch Verbände und Polizei befürworten den Schutz. Eine Pflicht ist nicht in Sicht.
24.04.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Minderheit schützt sich mit Helm
Von Maurice Arndt

Zum Tragen von Fahrradhelmen ruft die AOK derzeit in Zusammenarbeit mit der Hochschule Bremen auf – unübersehbar, auf Werbeflächen in der Stadt. Anlass: Nach einer internen Analyse der Krankenkasse sowie Recherchen der Hochschule zu Verkehrsunfällen mit Fahrrädern erleiden mehr als 250 Bremer jährlich schwere Kopfverletzungen bei Radunfällen. Diese wären „meist mit einem Helm zu verhindern“ gewesen, schreibt die AOK auf Anfrage. Für eine Helmpflicht spricht sich die Kampagne nicht aus. Damit steht sie im Einklang mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC).

Derzeit finden zum zweiten Mal sogenannte Helmwochen statt. Auf Plakaten und im Internet wird mit einprägsamen Sprüchen geworben, für die unter anderem Bremer Fahrradhändler Pate stehen. „Fahre niemals ohne Helm, Du Schelm!“ rät etwa der Fahrradladen Bartels in Oberneuland.

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Aus der nicht repräsentativen AOK-Untersuchung geht hervor, dass in Bremen zehn Prozent der 18- bis 22-Jährigen einen Helm tragen; bei den über 34-Jährigen sind es 43 Prozent. Die Bundesanstalt für Straßenwesen hat Zahlen für Deutschland im Rahmen einer Verkehrsbeobachtung erhoben. Demnach trugen 2019 22,8 Prozent aller Radfahrer einen Helm. Im Vorjahr waren es 18 Prozent. Der größte Anteil an Helmträgern war in der Gruppe der Sechs- bis Zehnjährigen mit 71,8 Prozent. Bei den 17- bis 21-Jährigen waren 13,9 Prozent entsprechend ausgestattet – damit stieg die Zahl, wie in anderen Erwachsenengruppen, gegenüber dem Vorjahr leicht.

Laut einer Auswertung der Polizei wurden 2020 im Land Bremen 1400 Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Fahrrädern registriert, im Stadtgebiet 1377. Derzeit gehen die Unfallzahlen aufgrund der Pandemie zurück. Im ersten Quartal 2021 wurden 150 Karambolagen registriert. Ein großer Unfallschwerpunkt ist der Stern, wo im Vorjahr an nahezu jedem zweiten Verkehrsunfall Radfahrer beteiligt waren. Teile der Straßen Ostertorsteinweg, Vor dem Steintor und Buntentorsteinweg sind ebenfalls auffällig. Ursache sind in den meisten Fällen nicht beachtete Vorfahrtsregelungen.

Gründe zum Tragen eines Helms gibt's genug

Dass ein Helm helfen kann, zeigte Ende März ein Unfall zweier Radfahrer auf dem Radweg unter der Oldenburger Straße. „Der Mann trug einen Fahrradhelm, der ihn vermutlich vor schwersten Kopfverletzungen schützte“, hieß es in der Polizeimeldung über einen am Unfall beteiligten 66-jährigen Rennradfahrer. Die Polizei rät deshalb zum Tragen eines Helms.

Als Bundesland hatte Bremen zuletzt die höchste Rad-Unfallquote im bundesweiten Vergleich. Das geht aus einer Übersicht des Statistischen Bundesamtes hervor. Das begründe sich aus dem hohen Radverkehrsanteil, dem Aufkommen von E-Bikes sowie dem engen Verkehrsraum, sagte Pina Pohl, Sprecherin des ADFC in Bremen, bei der Veröffentlichung der Zahlen 2020.

Der ADFC spricht sich gegen eine Pflicht zum Tragen eines Helms aus – empfiehlt den Schutz jedoch insbesondere für Kinder, ältere Menschen und sportliche Radfahrer. Eine allgemeine Helmpflicht sei wenig sinnvoll, denn sie „führt allenfalls dazu, dass Menschen weniger gern aufs Rad steigen und Verunfallte ohne Helm für ihr Unglück mitverantwortlich gemacht werden“, so der Verband auf Nachfrage.

Stattdessen fordert der ADFC andere Lösungen, um das Radeln sicherer zu machen: eine bessere Infrastruktur, ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde und Abbiegeassistenten für Lkw. Vorbild seien die Niederlande, wo trotz weniger Helmträger die Zahl der gefährlichen oder tödlichen Verletzungen geringer sei.

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Zudem müssten Autofahrer dazu angehalten werden, mehr Rücksicht auf Radfahrer zu nehmen. In diesem Zusammenhang lobte Sven Eckert, Landesgeschäftsführer des ADFC, die Novellierung des Bußgeldkatalogs (wir berichteten) als wichtigen Schritt. Diese wurde kürzlich von der Verkehrsministerkonferenz und sieht unter anderem eine höhere Geldbuße für Raser vor.

Eine Helmpflicht steht nicht auf der politischen Agenda des bremischen Mobilitätsressorts. „Das ist Sache der Straßenverkehrsordnung und somit des Bundesverkehrsministeriums“, sagt Sprecher Jens Tittmann. In den vergangenen Jahren wurde immer wieder über eine Helmpflicht diskutiert, in jüngster Zeit oft konzentriert auf Pedelec-Fahrer.

In Niedersachsen bilanzierte die Polizei im vergangenen Jahr 184.844 Verkehrsunfälle, 9683 mit Beteiligung von Radfahrern, in 2719 waren E-Bike-Fahrer verwickelt. 1010 Rad- und 382 Pedelec-Fahrer wurden schwer verletzt, 29 respektive 22 starben. 29 der 51 tödlich Verunglückten waren ohne Helm unterwegs. 87 Prozent der Fahrrad- und Pedelecunfälle registrierte die zentrale Polizeidirektion innerhalb geschlossener Ortschaften. Zu den Hauptunfallursachen zählen wie in Bremen nicht beachtete Vorfahrtsregeln, außerdem überhöhte Geschwindigkeit sowie Fahren unter Alkoholeinfluss.

Info

Zur Sache

Ein guter Fahrradhelm muss nicht unbedingt teuer sein erklärt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club. Frauke Maack, Referentin des Verbandes, erklärt dem WESER-KURIER...

... die Kriterien für einen guten Fahrradhelm:

Wichtig ist, dass der Helm richtig sitzt. „Er darf nicht wackeln, über die Stirn oder in den Nacken rutschen“, erklärt Maack. Ob ein Helm diese Kriterien erfüllt, kann man leicht überprüfen: Gerade aufgesetzt und mit dem Feststellrad am Hinterkopf festgezurrt, darf er nicht herunterfallen, auch wenn der Kinnriemen offen ist.

... die Lebensdauer:

Etwa drei bis fünf Jahre dürfe ein Helm ab dem vermerkten Herstellungsdatum alt werden. Danach muss er aufgrund des alternden Kunststoffes ausgetauscht werden. Die Expertin sagt: „Von Sonderangeboten ohne Herstellerdatum sollte man lieber die Finger lassen.“ Zudem sollte man auf das GS-Zeichen für geprüfte Sicherheit achten.

... den Unterschied zwischen einem teuren und einem günstigen Kopfschutz:

Erfülle der Helm die genannten Kriterien, böten günstige Modelle den gleichen Schutz wie teure, sagt Maack. Grund für höhere Preis seien oft ein besserer Tragekomfort oder eine bessere Belüftung. Zudem gebe es Hybridhelme, die sich auch für andere Sportarten eignen, die ebenfalls mehr kosten.

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