Verrückt nach Flugzeugen

Plane Spotter versammeln sich an der Landebahn

Dröhnende Motoren, Gummi-Abrieb, Kerosin in der Luft: Im Grünen nahe beim Bremer Airport versammeln sich Flugzeugfans und gehen einem speziellen Hobby nach: Plane Spotting.
13.05.2017, 19:38
Lesedauer: 4 Min
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Plane Spotter versammeln sich an der Landebahn
Von Sara Sundermann
Plane Spotter versammeln sich an der Landebahn

Kamera im Anschlag: Planespotter am Rande des Rollfelds lauern auf die landende Maschine nebenan.

Rafael Heygster

Dröhnende Motoren, Gummi-Abrieb, Kerosin in der Luft: Im Grünen nahe beim Bremer Airport versammeln sich Flugzeugfans und gehen einem speziellen Hobby nach: Plane Spotting.

Wenn eine Maschine sich nähert, verstummen die Gespräche und alle Augen richten sich zum Himmel. Das Flugzeug rollt auf dem Asphalt an, alle Anwesenden greifen zu den Kameras. Wichtig ist es, den richtigen Moment abzupassen, erklärt Andreas Fietz: „Am schönsten ist es, wenn man die Maschine beim Abheben knapp über dem Boden erwischt.“ Nah beim Park links der Weser neben der Start- und Landebahn des Bremer Flughafens ist vor allem bei gutem Wetter etwas los.

Hier versammeln sich Menschen mit Feldstechern und großen Kamera-Objektiven und beobachten die Flieger. Paare sitzen mit Blick auf das Rollfeld und vor sich aufgestelltem Stativ im hohen Gras, Familien mit Kindern auf Fahrrädern machen Halt, um den abhebenden Fliegern nachzusehen. Das Gebiet ist auch ein Treffpunkt für Planespotter, die ihre Begeisterung für Flugzeuge in ein akribisch betriebenes Hobby verwandelt haben.

Jörg und Alexandra Wartinger sind Planespotter. Andere klagen über Fluglärm, die Wartingers wohnen in der Einflugschneise des Bremer Flughafens und finden es großartig. Beide arbeiten als Bus- und Straßenbahnfahrer, doch ihre private Leidenschaft sind Flugzeuge. Um einen besonderen Flieger zu sehen, fährt Jörg Wartinger, der seine Frau mit der Flugzeugeritis angesteckt hat, auch schon mal bis nach Leipzig: Dort landete zuletzt die Antonov 225, eines der größten Transportflugzeuge der Welt. Um das zu sehen, bestiegen acht Planespotter zwei Autos, fuhren um fünf Uhr morgens los und abends wieder zurück. Alles, um ein Flugzeug zu sehen.

Planespotter sind Sammler

An diesem Sonntag haben die Wartingers entspanntere Pläne: Sie rücken aus zu einem beliebten Treffpunkt der Planespotter in Bremen. Dort, wo die Kladdinger Straße die Ochtum kreuzt, führt ein Radweg zu einem Picknickplatz mit Bänken und Tischen. Hier trifft sich an einem namenlosen Weg auf dem Deich die Gemeinde der Flugzeugbeobachter, hier hat der Flughafen auch eine Karte mit Infos zum Bremer Luftverkehr aufgestellt.

Mehrmals pro Woche kommen die Wartingers hierher. „Viele sagen mir, du bist bekloppt, ich sage, das ist schön“, erzählt Alexandra Wartinger vergnügt. Die meisten Planespotter sind Sammler: Manche notieren die Registrierungsnummern der kreuzenden Flieger, die meisten aber sind auf der Jagd nach guten Fotos vom Starten und Landen.

Flugzeug-Verrückte sind auch Catrin und Andreas Fietz aus Bremen. Sogar ihre Hochzeitsfotos haben die beiden am Flughafen machen lassen, auf der Besucherterrasse und in der Abflughalle. „Wir verbinden auch unseren Urlaub immer mit spotten“, sagt Andreas Fietz. „Ja, wir suchen unsere Reiseziele danach aus, wo man gut Flugzeuge gucken kann“, ergänzt Catrin Fietz. Die Flitterwochen haben sie in St. Martin in der Karibik verbracht. Spotter-Kollege Lauritz Bickel nickt anerkennend: „Oh ja, das ist ein Traum aller Spotter.“ Dort liegt der Flughafen nah am Meer, die Maschinen donnern nah über den Köpfen der Urlauber direkt über den Strand, erzählt Andreas Fietz. „So nah kommt einem ein Flugzeug sonst nicht.“

Glasscheibe sorgt für Verstimmung bei Planespottern

Gerade zieht weit oben über den mit Kameras bewaffneten Beobachtern eine Maschine vorbei: „Das könnte die Triple 7 sein, die Boing 777 nach Manchester“, vermutet Andreas Fietz. Seine Frau Catrin zückt das Handy: „Nein, es ist die Air China 330, die fliegt von Düsseldorf nach Peking.“ Kein Flieger über ihren Köpfen bleibt unidentifiziert. Wichtiges Werkzeug für Planespotter ist die App „Flightradar24“, erklären die Experten.

Planespotter Reportage

Planespotter sind auf der Jagd nach dem idealen Flugzeug-Foto: Beim Abheben gilt es, das Flugzeug dicht über dem Boden zu erwischen, beim Landen kurz nach dem Aufsetzen auf dem Boden.

Foto: Rafael Heygster

Für Spotter ist Bremen nicht das allerheißeste Pflaster, räumen die Flugzeugfans ein. Dafür ist es hier nicht so stressig wie in Frankfurt, wo echte Planespotter angesichts der Vielzahl von Fliegern in Stress geraten. Flugzeugfans trifft man in Bremen auch auf der Besucherterrasse des Airports. Allerdings: Zuletzt sorgte dort eine neue Glasscheibe für Verstimmung bei manchem Planespotter. Der Flughafenbetreiber hatte sie zum Schutz der Besucher eingebaut. Doch für die Spotter bedeute dies schwierigere Bedingungen beim Fotografieren, weil sie beim Fotografieren die Spiegelungen der Scheibe mit auf dem Bild haben, erzählt der 21-jährige Leon di Nicolas.

Am Picknicktisch sitzen hier an diesem Tag Hardcore-Spotter zusammen: Andreas Fietz hat in zwölf Jahren mehr als 10 000 verschiedene Flugzeuge fotografiert und lagert die Bilder auf mehreren externen Festplatten. Der 16-jährige Lauritz Bickel sucht sich Themen in der Schule so aus, dass sie zu seinem Hobby passen: „Wir sollten mal etwas zum Thema Brücken machen – ich habe dann etwas über Luftbrücken gemacht“, erzählt er und erntet anerkennende Blicke der anderen.

Spotter vernetzen sich online

Die Möglichkeiten, sich online zu vernetzen, haben Plane Spotting befördert. „Früher habe ich das alles alleine gemacht, ich wusste nicht, dass es noch andere gibt, die das auch interessiert“, sagt Andreas Fietz. Heute gibt es zahlreiche Webseiten und Foren für Fans. Plane Spotter haben die besten Orte zum Flieger gucken in Bremen kartografiert und auf einer englisch-sprachigen Webseite beschrieben. Und im Bremer Spotter Club vernetzen sich rund 20 bis 30 Leute über eine WhatsApp-Gruppe und informieren sich gegenseitig über besondere Maschinen, die demnächst in Bremen landen.

„Einer von uns geht dann meistens hin und macht ein Foto“, sagt Fietz. Er arbeitet in der Nähe des Flughafens, als Versicherungskaufmann. „Ich gucke von meinem Büro aus aufs Vorfeld, ich kann mich ausstempeln bei der Arbeit und mal eben rüber gehen zur Besucherterrasse“, erzählt er. Fietz geht auch selbst viel als Passagier in die Luft, privat und beruflich.

Doch nicht alle Planespotter sind Vielflieger: Jörg Wartinger zum Beispiel, der einst davon träumte, selbst Pilot zu werden, steigt selten in eine Maschine. „Pilot werden konnte ich nicht, weil ich eine Rot-Grün-Schwäche habe“, erzählt er. Nun verfolgt er den Weg der Flieger vom Boden aus. Doch für ihn ist klar: Für Flugzeuge schwärmen kann man auch unter den Wolken.

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