Plastikvisiere in der Kritik In Bremen setzt man auf bestehende Corona-Vorschriften

Schon lange kritisiert das Robert Koch-Institut die Wirksamkeit von Plastikvisieren. Schleswig-Holstein verschärft jetzt die Maskenpflicht, in Bremen geht man nicht ganz so weit.
25.10.2020, 05:00
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In Bremen setzt man auf bestehende Corona-Vorschriften
Von Frank Hethey

Für Hersteller von Plastikvisieren ist es keine gute Nachricht: In Schleswig-Holstein reicht es ab diesen Samstag nicht mehr aus, sich einzig auf den auch als „Face Shield“ bezeichneten Gesichtsschutz zu verlassen. Künftig gilt eine Maskenpflicht in der Gastronomie, im Einzelhandel und auf Wochenmärkten. Plastikvisiere dürfen jetzt nur noch in Kombination mit Gesichtsmasken getragen werden. Eine Regelung, die gleichermaßen für Gäste, Kunden und Beschäftigte gilt. Damit folgt Schleswig-Holstein einer neuen Empfehlung, die das Robert Koch-Institut (RKI) am Dienstag veröffentlicht hat. Und die rät dazu, in bestimmten Situationen im öffentlichen Raum generell eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.

In Bremen hält man dagegen die bestehende Corona-Verordnung und ihre Ergänzungen vorerst für ausreichend. Für Passanten in den kürzlich ausgewiesenen Verbotszonen der Innenstadt gilt ohnehin: Wer sich mit einem Visier begnügt, wo Maskenpflicht besteht, muss mit einem Bußgeld rechnen. Denn: „Plastikvisiere gelten nicht im Sinne unserer Verordnung als Alltagsmaske“, sagt Rose Gerdts- Schiffler, Sprecherin des Innenressorts. Ein Visier allein reicht demzufolge nicht. „Darunter müsste also trotzdem noch eine Stoffmaske getragen werden.“

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Als rechtliche Grundlage dient die aktuelle 18. Corona-Verordnung vom 6. Oktober. Im dritten Paragrafen heißt es, textile Mund-Nasen-Bedeckungen seien im Öffentlichen Personennahverkehr und beim Besuch einer Verkaufsstätte in geschlossenen Räumen zu tragen. Durch eine Ergänzung wurde die Maskenpflicht bereits in der vergangenen Woche auch auf verschiedene Innenstadtbereiche inklusive die Wochenmärkte und stark frequentierte Viertelstraßen ausgedehnt.

Flexibler wird die Maskenpflicht indessen gehandhabt, wenn es um die Menschen geht, die in der Gastronomie und auf dem Wochenmarkt arbeiten oder im Einzelhandel tätig sind: ein gravierender Unterschied zu den verschärften Regelungen in Schleswig-Holstein. Eine Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung bestehe nur beim Besuch von Wochenmärkten, so Sandy Bradtke vom Innenressort. „Marktbeschicker sind daher von der Pflicht ausgenommen.“

Visiere taugen im Vergleich zu den Stoffmasken nichts

Ähnlich verhält es sich in der Gastronomie oder bei Friseuren. In diesen Bereichen gebe es keine konkret festgeschriebene Maskenpflicht für die Mitarbeiter, so Gerdts-Schiffler – außer, sie kommen ihren Kunden sehr nahe. Etwa beim Servieren oder Augenbrauenzupfen. „Dann müssen sie nach der Verordnung ‚geeignete Hygienemaßnahmen‘ treffen.“ Als geeignete Hygienemaßnahme sei eine Stoffmaske zu verstehen. Was die Plastikvisiere angehe, habe sich das Innenressort extra noch einmal beim Gesundheitsressort schlau gemacht. „Die Antwort war eindeutig“, sagt Gerdts-Schiffler. „Die Visiere taugen im Vergleich zu den Stoffmasken nichts.“ Und das bedeutet: Ein Visier reicht nicht aus, wenn man seinen Kunden zu nahe kommt.

Im Umkehrschluss heißt diese Regelung allerdings auch, dass Visiere in bestimmten Situationen weiterhin benutzt werden dürfen. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) verweist auf das geltende Abstandsgebot von anderthalb Metern. Wenn ein Gastronomiemitarbeiter ohnehin diesen Abstand einhalte, dann sei gegen ein Plastikvisier als zusätzlicher Schutz nichts einzuwenden, sagt Dehoga-Geschäftsführer Jörg Jarchow. Gleichwohl macht er keinen Hehl daraus, welcher Variante er den Vorzug gibt. „Es spricht sehr viel für die klassische Textilmaske.“ Zumal die Maske auch als Arbeitsschutzmaßnahme zu verstehen sei. „Dabei geht es nicht so sehr um den Gast, es geht um den Arbeitnehmer.“

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Und wie sieht es in den Schulen aus? Vor anderthalb Wochen geriet die Hamburger Schulbehörde in die Schlagzeilen, weil sie erst vor einigen Monaten rund 30.000 Plastikvisiere für ihre Lehrkräfte beschafft hatte. Davon gibt es auch eine Menge in Bremer Schulen. Eine genaue Zahl kann die Bildungsbehörde zwar nicht angeben, es seien aber sicher Tausende von Visieren verteilt worden, sagt Ressortsprecherin Stephanie Dehne. Allerdings sei das zu Beginn der Pandemie geschehen, seither habe man die Visier-Bestände nicht mehr aufgestockt, eben weil die Bedenken des RKI bekannt gewesen seien.

Inwieweit Lehrkräfte die Kunststoffvisiere nutzen, ist nicht ganz klar. Dehne hat von solchen Fällen „bislang nichts gehört“, an einzelnen Schulen sollen Visiere unter den Lehrkräften aber sehr wohl in Gebrauch sein. Im Unterricht sei es für die Lehrer mit Visier sicherer als ohne, erklärt die Hamburger Schulbehörde. Am besten wären natürlich hochwertige FFP2-Masken, sagt Dehne. „Es ist aber auch eine Mund-Nasen-Bedeckung ausreichend.“

Keine Alternative

Unterdessen kritisiert das RKI, verschiedene Hersteller würden ihre Visiere bewerben ohne Belege dafür zu erbringen, dass sie so wirksam seien wie eng anliegende Masken. Visiere könnten allenfalls direkt auf die Scheibe auftretende Tröpfchen auffangen. „Die Verwendung von Visieren kann daher nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand nicht als Alternative zur Mund-Nasen-Bedeckung angesehen werden.“

In Kombination mit anderen Schutzmaßnahmen bewertet das RKI die Maske weiterhin als ein zentrales Element, um die Infektionsgefahr zu verringern. Wobei die Maske weniger den Träger als vielmehr andere Personen vor einer Ansteckung schütze. „Für diesen Fremdschutz durch Mund-Nasen-Bedeckung gibt es inzwischen erste wissenschaftliche Hinweise“, schreibt das RKI. Dagegen sei der Eigenschutz bisher wissenschaftlich nicht belegt.

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