Reinhard Goltz vom Institut für niederdeutsche Sprache "Plattdeutsch passt in unsere Zeit"

Bremen. "Plattdüütsch is cool", sagt Reinhard Goltz, Geschäftsführer des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen. Anke Landwehr hat sich mit ihm unterhalten.
01.02.2014, 00:05
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"Plattdüütsch is cool", sagt Reinhard Goltz, Geschäftsführer des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen. Anke Landwehr hat sich mit ihm unterhalten.

Plattdeutsch in einer Großstadt – passt das in eine Zeit, in der das Hochdeutsche zunehmend mit Anglizismen versetzt wird, der Wortschatz also eher global als regional ausgerichtet ist?

Plattdeutsch passt in die Welt. Und Plattdeutsch passt in unsere Zeit. Wir haben doch schon längst erkannt, das „global“ ein Gegenstück hat – und das heißt „regional“. Natürlich braucht der moderne Mensch Englisch, aber er braucht auch die Sprache der Leute, bei denen er zuhause ist. Und wer sagt uns eigentlich, welche Sprache in 20 oder 40 Jahren am wichtigsten ist. Die einfache Formel gilt gerade für das Erlernen von Sprachen: Zwei ist mehr als eins.

Mal im Ernst: Glauben Sie wirklich, dass Plattdeutsch überleben kann, wenn Kinder im Kindergarten oder in der Schule ein paar Brocken dieser Sprache lernen?

Es geht nicht um ein paar Brocken. Es geht um Mehrsprachigkeit. Es geht darum, Platt als normale Sprache in der Schule zu unterrichten – so wie in Hamburg seit vier Jahren. Und in diesem Jahr fängt man in Schleswig-Holstein damit an.

In meiner Generation haben sich Heranwachsende sehr geschämt, Plattdeutsch zu sprechen. Das hat sie gleich zum Dorftrampel gemacht. Ist das heute anders?

Anders ist, dass viele junge Leute merken: Meine Großmutter hat Platt gesprochen, und ich kann das nicht mehr – da ist was schief gelaufen. Wir sehen das deutlich bei moderner Musik, denken Sie nur an den Plattsounds-Wettbewerb. Oder an die Fofftig Penns. Da muss sich niemand für schämen. Platt ist cool

Sind Sie selber Plattdeutsch aufgewachsen?

Ich komme aus Finkenwerder, da liegt Platt in der Luft. Gelernt habe ich die Sprache aber erst, als ich über zwanzig war. Jeder kann Platt lernen, das ist keine Muttermilchsprache.

Warum ist es so wichtig, Plattdeutsch nicht sterben zu lassen?

Das Wort sterben hört sich sehr dramatisch an. So weit ist es ja zum Glück noch nicht. Meine Kollegen von anderen Regional- und Minderheitensprachen in Europa wundern sich immer wieder, wie die Norddeutschen ihre eigene Sprachkultur missachten. In unserer Gesellschaft gibt es doch schon lange viele Sprachen – und alle mit ihrer eigenen Kultur und Identität. Viele Sprachen sind von außen gekommen; zu den bunten Farben gehören aber auch die Sprachen, die schon hunderte und tausende von Jahren hier zu Hause sind. Europa kann sich nur entwickeln, wenn es als „Europa der Regionen“ begriffen wird.

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