Ehrenamtliche Unterstützung für Flüchtlinge Plötzlich ohne Eltern

Amin Rezaei wurde auf der Flucht von seinen Eltern getrennt – in Bremen hat er eine Ersatzmutter gefunden. Anni Nottebaum übernahm die Vormundschaft und half ihm, in Bremen anzukommen.
19.02.2018, 17:15
Lesedauer: 4 Min
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Plötzlich ohne Eltern
Von Ina Bullwinkel

Geht man durch die Wüste, muss man die Dornen auf dem Weg zum Dorf ertragen. Amin Rezaei hat das persische Sprichwort als Kind von seinem Vater gelernt. Was es bedeutet, sollte er Jahre später verstehen. Die Familie packte im September 2015 Unterwäsche und warme Kleidung, verteilte Lebensmittel auf ihre Rucksäcke. Amins Eltern, ursprünglich aus Afghanistan geflüchtet, wollten den Iran verlassen. Er wusste davon nichts. Der damals 17-Jährige dachte, sie würden in eine andere Stadt fliehen, aber im Iran bleiben. Erst kurz vor der türkischen Grenze erfährt er: Das Ziel heißt Europa.

Zweieinhalb Jahre später sitzt Amin mit anderen Jugendlichen in einem Raum der Jugendkirche in Gröpelingen. Auf dem Tisch stehen ein Teller mit Keksen und Thermoskannen bereit. „Ich komme gerne ins Jugendcafé. Hier ist es chillig. Die Menschen sind glücklich“, sagt Amin. Das internationale Jugendcafé der Kirche ist nur einige hundert Meter von seiner Schule im Rübekamp entfernt. Bis sein Deutschförderkurs beginnt, gibt er hier einem anderen Schüler Nachhilfe. Gerade saß er selbst noch im Englischunterricht. Amin besucht inzwischen die elfte Klasse – dafür musste er zwei Deutschvorkurse abschließen und eine Fächerprüfung bestehen. In zwei Jahren macht er sein Abitur, er wird wie jeder Mitschüler überlegen, an welcher Uni er sich bewerben soll und was er einmal werden will.

Militär trennte die Familie

Als er in Deutschland ankam, war daran noch nicht zu denken. Der Jugendliche war einer von vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Amin war allein. Als er ein paar Wochen zuvor mit seiner Familie in einem Pulk von Menschen am Grenzübergang vom Iran in die Türkei gestanden hatte, kam es zum Gerangel. Das iranische Militär trennte ihn von seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder. Er schaffte es über die Grenze. Sie blieben zurück. Auf einmal hatte er keine Eltern mehr. Niemanden, der sich kümmert, ihm sagen konnte, was zu tun ist. Was Amin nicht wusste: Die Schleuser waren bezahlt. Seine Eltern hatten die Flucht über die Türkei nach Griechenland lange geplant. Über die Balkanroute gelangte er nach Österreich und schließlich nach Deutschland.

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Dass er Bremen heute seine Heimat nennt, gute Noten, eine eigene Wohnung und ein Fahrrad hat, verdankt Amin aus seiner Sicht vor allem einer Person: Anni Nottebaum. Die 54-Jährige übernahm damals seine Vormundschaft.

„Die erste Info, die ich hatte, war, dass Amin Englisch spricht. So konnten wir uns dann auch unterhalten“, erzählt Nottebaum in einem Café. Ende November 2015 lernten sie sich durch Pro Cura Kids, ein Angebot des Deutschen Roten Kreuz für ehrenamtliche Vormünder, kennen. Sie mochten sich. Schnell war klar: Nottebaum soll Amins Vormund werden. Sie schrieben eine persönliche Erklärung, stellten einen Antrag beim Familiengericht. Bis der Antrag genehmigt war, bekam Amin einen Vormund von der Jugendhilfe gestellt. Amtsvormünder sind zeitgleich für bis zu 50 Jugendliche zuständig.

Eine enge Betreuung wie Ehrenamtliche, die sich um ein einziges Mündel kümmern, können sie nicht leisten. Dabei sind die ersten Monate häufig entscheidend. „Für Amin lief die Zeit. Es ging um gutes Wohnen, gute Schule, Geld, Asyl und dass sich alles schnell findet – bevor er volljährig ist und ich nicht mehr helfen darf.“ Die Vormundschaft begann im April 2016. „Das hieß: Wir hatten vier Monate Zeit, uns kennenzulernen, aber ich hatte keine Rechtsposition. Das war eine Zeit, in der Amin selber gucken musste, und alles über die Jugendhilfe lief. Aber es gab keine stabile Fürsprecherperson“, sagt Nottebaum. Als sie zum Vormund ernannt wurde, waren es noch drei Monate bis zu Amins 18. Geburtstag. „Alles mussten wir in dieser Zeit erledigen.“

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Was folgt, ist eine Odyssee von Amt zu Amt, von Unterkunft zu Unterkunft. Nottebaum ist zu diesem Zeitpunkt erziehungsberechtigt, sie kann im Namen ihres Mündels Anträge stellen und Dokumente beantragen. Amin wird krankenversichert, eröffnet ein Bankkonto, findet eine Wohnung. „Ein Mündel ist wie ein angenommenes Kind. Man tritt an die Stelle der Eltern, und übernimmt für die Zeit die Rolle des Erziehungsberechtigten“, sagt Nottebaum.

Schnell Deutsch gelernt

Auf ihre Initiative bewirbt sich Amin für ein Stipendium. „Als ersten Satz in dem Auswahlgespräch hast du gesagt: ‚Wir können das auf Deutsch führen‘“, erinnert sie ihr ehemaliges Mündel. Amin hat die fremde Sprache schnell gelernt. Er wählt seine Worte genau, korrigiert sich, wenn er einen Fehler macht. Aber das passiert selten.

„Als ich nach Deutschland gekommen bin, war nur ich es. In jedem Heim hatte ich ein Bett und vielleicht einen Schrank. Das war‘s.“ Die ersten sechs Monate habe er sich gefragt, was er hier mache. „Ich war nicht hier, um dreimal am Tag zu essen und Kicker zu spielen. Ich wollte zur Schule gehen“, sagt Amin.

Nottebaum erinnert sich gut an diese Zeit. Einmal im Lokal sei er sehr laut geworden und habe geschimpft. „Amin war sehr emotional. Er war wütend und aggressiv.“ Als er mit anderen afghanischen Jugendlichen spricht, die schon zur Schule gehen, ist er enttäuscht. Als das Amt zweimal nicht zahlt, verzweifelt er.

Im Jugendcafé geht Amin zu dem Tisch mit den Thermoskannen und schenkt sich einen Kaffee ein. „Die ersten Monate in einem fremden Land sind immer schwierig. Auch für die, die alles haben“, sagt er. Er habe sich Sorgen um seine Zukunft gemacht. „Die Probleme waren manchmal mehr, als ich ertragen konnte und Anni hat das miterlebt.“ Er atmet tief ein. „Ich war empfindlich und zerbrechlich. Doch je mehr ich geschafft hatte, desto ruhiger wurde ich.“

Amin ist in Deutschland erwachsen geworden. Aus der Vormundschaft wurde eine Freundschaft. „Amin ist mir jeden Tag dankbar und drückt das auch aus“, sagt Nottebaum. „Anni ist nicht meine Mutter, aber wir sind so gut befreundet – sie ist die Beste für mich in Deutschland“, sagt er. Doch eigentlich könne er keine Worte dafür finden, was sie ihm bedeute. Von Anni habe er gelernt, ein Mensch zu sein, der anderen hilft und dafür nichts erwartet.

Von seiner Familie hat Amin bis heute nichts gehört. Er erträgt die Dornen auf seinem Weg. Und Anni begleitet ihn.

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