Viele neue Möglichkeiten

Podiumsdiskussion über Glaubwürdigkeit und Medienkompetenz

Vorurteile über die absichtlich Unwahrheiten verbreitende "Lügenpresse", die in jedem Fall glaubwürdigeren sozialen Medien und der "Staatsrundfunk" standen am Mittwoch im Haus der Wissenschaft zur Debatte.
07.07.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Thomas Walbröhl
Podiumsdiskussion über Glaubwürdigkeit und Medienkompetenz

Der Medienlinguist Jannis Androutsopoulos war einer der Teilnehmer bei der Diskussion im Haus der Wissenschaft.

Christina Kuhaupt

Die Medien verbreiten als "Lügenpresse" absichtlich Unwahrheiten, die sozialen Medien sind in jedem Fall glaubwürdiger, die Zeitung ist tot und dem "Staatsrundfunk" nicht zu glauben. Solche und ähnliche Vorurteile, die in diesen Tagen besonders laut geäußert werden, standen am Mittwoch im Haus der Wissenschaft zur Debatte.

Mehr als 70 Interessierte waren bei der Podiumsdiskussion zum Thema "Fakten, Glaubwürdigkeit, Inszenierung - Kommunikation und Medienkompetenz im digitalen Zeitalter" dabei, Studierende der Universität Bremen hatten eingeladen.

Neben Jannis Androutsopoulos, Medienlinguist an der Universität Hamburg, diskutierten der Chefredakteur des WESER-KURIER, Moritz Döbler, Annabel Oelmann, Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen, der Unternehmer und Berater der "Audio Branding Academy", Cornelius Ringe, und Andrea Schafarczyk, Chefredakteurin von Radio Bremen.

Digitalisierung macht den Leser zum Produzenten

Jannis Androutsopoulos konnte gleich zu Beginn Entwarnung geben: Auch wenn sich das Unwort "Lügenpresse" hartnäckig hält, sei daraus noch kein Glaubwürdigkeitsverlust der klassischen Medien oder eine Vertrauenskrise bei jüngeren Menschen abzuleiten. Vielmehr sei zu unterscheiden zwischen jenen, die generell das Mediensystem ablehnten und solchen, die gezielte Einzelkritik an Artikeln oder Beiträgen übten und so die Meinungsvielfalt ergänzten.

Mit der Digitalisierung seien Leser, Hörer und Zuschauer längst selbst zum Produzenten geworden, sagte er. Mit Kommentaren unter Onlinebeiträgen könne jeder, der ehemals auf die Leser- oder Zuschauerrolle beschränkt war, aktiv in die Medienproduktion eingreifen. Auch gebe es die Möglichkeit, Berichterstattung verschiedener Medien zu vergleichen.

Bei Radio Bremen und dem WESER-KURIER sind Kommentare und Leserzuschriften Tagesgeschäft. "Wir diskutieren, wie wir mit Online-Kommentaren künftig umgehen sollen", sagte Radio-Bremen-Chefredakteurin Schafarczyk. "Einerseits wollen wir die Interaktion, andererseits sind nicht alle Kommentare für eine Debatte zielführend. Da muss man überlegen, ob wir Plattform sein wollen, wenn sich Kommentatoren gegeneinander aufschaukeln und nicht sachliche Argumente zum Thema austauschen."

Schulen sollten Medienkompetenz vermitteln

Die Umstellung im digitalen Zeitalter sei auch Thema für den Alltag jedes Verbrauchers, sagte Annabel Oelmann. "Jeder hat digitale Kompetenzen, für manche Finanzgeschäfte zum Beispiel müsste man aber eigentlich drei Fachleute mitnehmen." Vergleichsrechner machten es leicht, zum Beispiel Reisen zu buchen, schränkten das Angebot zulasten des Verbrauchers aber manchmal ein.

"Es gibt etwa elf Reiseportale in Deutschland, dahinter stecken allerdings nur zwei Anbieter. Medienkompetenz ist nicht gleich Mediennutzungskompetenz", sagte Oelmann. "Das muss auch in der Schule vermittelt werden. Lehrer müssen auch die Zeit finden, sich damit zu beschäftigen."

Voraussetzung für Glaubwürdigkeit ist Transparenz

Nach Meinung von Unternehmer Ringe dominiert die Onlinekommunikation längst den Alltag: "Die Produktion von Popstars wird demokratisiert, und wir alle werden attraktiver, weil in den sozialen Netzwerken jeder sein Profilfoto digital einfach nachbearbeiten kann." Die digitalen Möglichkeiten würden allerdings auch Terrororganisationen wie dem Daesch eine Bühne bieten oder von Geschäftemachern eingesetzt, die mit betrügerischen E-Mails Bankdaten abgreifen.

"Glaubwürdigkeit wird im digitalen Zeitalter auf die Probe gestellt", sagt Androutsopoulos. Das gilt nach Meinung der Diskutanten auch für das journalistische Arbeiten. Die Arbeit müsste transparenter werden, sagte Andrea Schafarczyk. "Medien müssen erklären, wie sie zu bestimmten Informationen oder Schlüssen gekommen sind und Fehler eingestehen."

Mit den neuen Verbreitungswegen seien zwar neue Herausforderungen für die etablierten Medienhäuser entstanden, sie böten allerdings auch Chancen, war man sich am Ende einig. "Wir machen nicht nur Papier, wir bringen Menschen und Themen zusammen, ob das in der Zeitung ist, online oder durch Veranstaltungen. Und am Ende müssen wir als Unternehmen auch Geld verdienen. Das geht nur mit unabhängiger Berichterstattung und Glaubwürdigkeit", sagte Moritz Döbler.

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