Forschungsschiff zurück in Bremerhaven

„Polarstern“-Expeditionsleiter: Die Welt ist bedroht

„Die Welt ist bedroht, wir haben das Eis verschwinden gesehen“, sagt Expeditionsleiter Markus Rex nach der Ankunft des Forschungsschiffs „Polarstern“ in Bremerhaven. Der Eisbrecher war ein Jahr unterwegs.
13.10.2020, 05:00
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„Polarstern“-Expeditionsleiter: Die Welt ist bedroht
Von Pascal Faltermann
„Polarstern“-Expeditionsleiter: Die Welt ist bedroht

Zurück im Heimathafen: Das Forschungsschiff "Polarstern" läuft in Bremerhaven ein.

Annika Meyer

Sie haben das Eis verschwinden gesehen. Sie sind vor Eisbären geflüchtet. Sie haben gefroren, geforscht und tagelang in der Dunkelheit gelebt. Die Wissenschaftler und Crewmitglieder an Bord des Forschungsschiffs „Polarstern“ sind nach einem Jahr im Nordpolarmeer nach Bremerhaven zurückgekehrt. Begleitet von einer Flotte entgegenkommender Schiffe lief der 120-Meter-Eisbrecher mit dem Morgenhochwasser gegen 10 Uhr über die Nordschleuse ein. Am Ufer winkten Schaulustige mit Fahnen, im Hafen warteten zahlreiche Besucher und Polit-Prominenz.

Nach 389 Tagen ist damit die nach eigenen Angaben größte Arktisforschungsexpedition namens „Mosaic“ beendet. Am 20. September 2019 hatte die „Polarstern“ den norwegischen Hafen Tromsø Richtung zentrale Arktis, mitten im Epizentrum des Klimawandels, verlassen. Die Polarforscher haben bei ihrer Reise Forschungsdaten mit einem Volumen von 150 Terabyte gesammelt. Die müssen nun untersucht und ausgewertet werden.

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Bei den Minusgraden in der Arktis wäre die Flüssigkeit sofort gefroren. In Bremerhaven verdrückten Wissenschaftler und Angehörige Glückstränen, die an diesem Montag aber die Wangen herunter kullern konnten. „Als ich das Schiff gesehen habe, liefen bei mir die Freudentränen“, sagte Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts (AWI), die in Bremerhaven ihre Kollegen in Empfang nahm.

„Wir haben die Grenzen des Machbaren überschritten, wir haben Großartiges geleistet“, sagte Expeditionsleiter Markus Rex nach der Ankunft. Es sei eine Expedition der Superlative gewesen, die die Klimawissenschaft langfristig verändern werde. Die Unmengen an Daten würden die Wissenschaft über Jahre, ja sogar Jahrzehnte beschäftigen, ist sich Rex sicher. Überglücklich sei er, dass alle Teilnehmer gesund und heile wieder zurück seien.

Insgesamt 442 wissenschaftliche Fahrt-Teilnehmende, Polarstern-Crewmitglieder, Nachwuchsforschende, Lehrkräfte und Medienschaffende waren während der fünf Expeditionsabschnitte dabei. Besonders froh sei er, dass so viele Finger raus- wie reingekommen seien, denn „bei einem Finger stand das auf der Kippe“. Die kühlste Temperatur der Expedition ist am 10. März gemessen worden, wo sie auf minus 42 Grad fiel. Die gefühlte Temperatur soll wegen des starken Windes sogar bei unter minus 65 Grad gelegen haben.

Angedockt an eine große Eisscholle driftete der Eisbrecher fast zehn Monate durch das Nordpolarmeer – nach dem Vorbild der Reise des Norwegers Fridtjof Nansen mit dem Segelschiff „Fram“ vor rund 125 Jahren. Damit war die „Polarstern“ den Kräften der Natur ausgeliefert. Die Geschwindigkeit und Route bestimmte des Eis, getrieben von Wind und Strömung. Sieben Schiffe, mehrere Flugzeuge sowie mehr als 80 Institutionen aus 20 Ländern beteiligten sich. Die wissenschaftlichen Teilnehmenden der Expedition hatten 37 unterschiedliche Nationalitäten. Ihr gemeinsames Ziel: die komplexen Wechselwirkungen im Klimasystem zwischen Atmosphäre, Eis, Ozean und dem Leben zu erforschen und besser in Klimamodellen darzustellen.

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Die erste Bilanz von Expeditionsleiter Rex: „Die Welt ist bedroht, wir haben das Eis verschwinden gesehen.“ Dafür habe man keine Messinstrumente gebraucht, sogar am Nordpol selbst habe man gesehen, wie das Eis aufgebrochen und marode ist, wo sonst alles zugefroren sei. Das Eis sei nur noch halb so dick wie vor 40 Jahren, die Temperaturen um zehn Grad höher als vor 125 Jahren. Eindrücklich appelliert er: „Die kleine Chance, die wir noch haben, müssen wir nutzen, um diesen Ort von faszinierender Schönheit zu erhalten.“ Wenn diese Entwicklung so weiter gehe, werde die Arktis aber irgendwann eisfrei sein.

„Das Projekt hat die Klimaforschung um Meilensteine vorangebracht“, sagte Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) bei der Begrüßung. Mit 140 Millionen Euro Budget war es die bisher teuerste und logistisch aufwendigste Expedition in die zentrale Arktis. Karliczek kündigte an, zusätzliche zehn Millionen Euro für die Auswertung der Daten zur Verfügung zu stellen, um möglichst schnell erste Ergebnisse vorliegen zu haben. „Nur wenn wir wissen, wie sich das Klima in der Arktis entwickelt, sind wir in der Lage, auch bei uns in Deutschland Vorsorge gegen Klimaveränderung zu treffen und effektiv dem Klimawandel entgegenzuwirken“, sagte die Ministerin. Die Arktis sei das Epizentrum des Klimawandels.

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Corona hatte die Expedition übrigens „an den Rand des Abbruchs gebracht“, betonte Rex. Weltweit mussten Forschungsschiffe ihre Fahrten wegen der Pandemie beenden. Die „Mosaic“-Expedition aber konnte fortgesetzt werden: Die „Polarstern“ unterbrach nur für kurze Zeit ihre Drift, um die neue Mannschaft in Spitzbergen an Bord zu nehmen. Diese war per Schiff von Bremerhaven aus aufgebrochen. Die „Polarstern“ kehrte zurück an ihre Scholle und setzte die Drift fort. In den folgenden beiden Expeditionsetappen setzte im sommerlichen Nordpolarmeer eine nie gekannte Meereisschmelze ein.

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Neben Karliczek nahmen auch Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) und Wissenschaftssenatorin Claudia Schilling (SPD) die Polarstern in Empfang. Bovenschulte sagte: „Für künftige Expeditionen ist es unabdingbar, dass für das derzeitige Schiff, das über Jahrzehnte treue Dienste geleistet hat, nun zügig ein adäquater Ersatz geschaffen wird, der den Erfordernissen der modernen Wissenschaft und den Herausforderungen in den Extremregionen der Erde in allen Situationen gewachsen ist.“

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Zahlen der Mammut-Expedition

Die „Mosaic“- Reise wird als Expedition der Extreme und der Superlative bezeichnet. Das deutsche Forschungsschiff „Polarstern“ war 389 Tage unterwegs, die Vorbereitungszeit dafür dauerte ein Jahrzehnt. Das gesamte Budget betrug 140 Millionen Euro, pro Fahrtabschnitt waren rund 100 Wissenschaftler und Crewmitglieder an Bord, insgesamt gab es fünf Etappen. 3400 Kilometer driftete die „Polarstern“ im Zickzackkurs. Mehr als 60 Eisbären wurden auf der Scholle gesichtet. Und Rekorde gibt es auch: Im Februar erreichte die „Polarstern“ während der Drift eine Position von 88°36‘ Nord – 156 Kilometer entfernt vom Nordpol. Nie zuvor war ein Schiff im Winter so weit nördlich. 70 Tonnen Ausrüstung wurden auf der Scholle ausgebracht, 5000 Meter Stromkabel verlegt.

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