Abstimmung am Mittwoch

Abgeordnete wollen gegen Lockdown in Großbritannien rebellieren

Großbritanniens Premier Johnson lehnte lange Zeit einen Lockdown ab, hat am Wochenende jedoch den Kurs gewechselt. Ab Donnerstag soll es einen Teil-Lockdown geben - der Widerstand in den eigenen Reihen wächst.
03.11.2020, 05:02
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Abgeordnete wollen gegen Lockdown in Großbritannien rebellieren
Von Katrin Pribyl
Abgeordnete wollen gegen Lockdown in Großbritannien rebellieren

King/DPA

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Es ist exakt sechs Wochen her, dass die Chef-Wissenschaftler des Königreichs dem britischen Premierminister Boris Johnson erschreckende Prognosen vorlegten. Die zweite Welle, so ihre Vorhersage, würde deutlicher schlimmer ausfallen als die erste. Bis zu 4000 Menschen könnten täglich sterben, wie eine Modellrechnung ergab. Dabei hat das Königreich in absoluten Zahlen mit knapp 47 000 ohnehin bereits mehr Corona-Tote zu beklagen als jedes andere Land in Europa.

Das Beratergremium der Regierung SAGE empfahl dem Konservativen deshalb, mit einem zweiwöchigen, harten Lockdown auf die Pausentaste zu drücken, um den Anstieg der Infektionen zu bremsen. Doch Boris Johnson lehnte das ab, setzte stattdessen auf regionale Einschränkungen und schimpfte wochenlang auf die Opposition, die striktere Maßnahmen für ganz England forderte und angeblich „die Lichter im Land ausschalten wollen.“ Labour-Chef Keir Starmer hatte dafür plädiert, das Land während der gerade zu Ende gegangenen Herbstferien herunterzufahren.

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Am Wochenende dann folgte die Kehrtwende des Premiers. Die bisherigen Restriktionen genügten nicht, Boris Johnson macht nun selbst die Lichter aus. Ab Donnerstag gilt für zunächst vier Wochen ein harter Lockdown. Restaurants, Pubs und Cafés müssen schließen, Friseure und Geschäfte ebenfalls, sofern sie nicht Lebensnotwendiges verkaufen. Nur Schulen und Kindergärten dürfen geöffnet bleiben, das immerhin ist anders als im Frühjahr. Ansonsten heißt abermals die Devise: Bleibt zuhause. Haushalte dürfen bis auf wenige Ausnahmen keinen Kontakt zu anderen haben, Auslandsreisen sind untersagt.

Wiederholt sich die Geschichte? Johnson wird vorgeworfen, nach dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr zu lange gezögert zu haben. Jetzt steht er wieder unter Druck, es hagelt erneut Kritik. Die Beschränkungen kämen zu spät angesichts der alarmierenden Infektionszahlen und einiger schon jetzt überforderter Krankenhäuser, heißt es von Medizinern. „Wir können die Uhr nicht zurückdrehen, aber hätten wir zu jener Zeit einen zweiwöchigen Wellenbrecher gewählt, hätten wir definitiv Tausende von Menschenleben gerettet und unserer Wirtschaft erheblich weniger Schaden zugefügt als der vorgeschlagene vierwöchige Lockdown das tun wird“, sagte am Montag der Epidemiologe Andrew Hayward.

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Das Problem für Johnson: Innerhalb der Regierung herrscht Uneinigkeit über den Corona-Kurs. Und der Widerstand in den eigenen Reihen gegen den Tory-Chef wächst. Angeblich wollen bei der Parlamentsabstimmung am Mittwoch mehr als 80 Abgeordnete gegen die Durchsetzung der strikten Maßnahmen rebellieren. Während hinter den Kulissen selbst Minister dem Premier „Inkompetenz“ unterstellen und ihm „Kommunikationsversagen“ vorwerfen, wüten einflussreiche Tory-Hardliner zunehmend gegen den „desaströsen“ England-Lockdown, der „mehr Schaden anrichtet als Covid“, so die Parlamentarierin Esther McVey. Der ehemalige Parteichef Sir Iain Duncan Smith beschuldigte Johnson, „den wissenschaftlichen Beratern nachzugeben“. Der Lockdown sei „ein schwerer Schlag“ für das britische Volk.

Tatsächlich ist der wirtschaftliche Schaden wohl in keinem westlichen Industrieland so hoch wie im Königreich. Im zweiten Quartal 2020 brach das Bruttoinlandsprodukt um 19,8 Prozent ein und liegt nun – nach einer kurzen Erholung im dritten Quartal – noch immer um 9,2 Prozent unter dem Februarwert. Die Arbeitslosenquote ist auf 4,5 Prozent gestiegen, doch Experten befürchten, dass sie bis Ende des Jahres 12 Prozent erreichen könnte. Der Epidemiologe Jeremy Farrar, ebenfalls Mitglied von SAGE, twitterte: „Die beste Zeit zum Handeln war vor einem Monat. Die zweitbeste Zeit ist jetzt.“ Dem Königreich stehen abermals harte Zeiten bevor.

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