Staatsvertrag mit Muslimen Angekommen im Alltag

Bremen. Seit einem Jahr gibt es den Staatsvertrag für Muslime. Zwei Bremerinnen erzählen, was sich dadurch verändert hat.
20.01.2014, 00:00
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Angekommen im Alltag
Von Sara Sundermann

Längst gehört der Islam zum Bremer Alltag: Seit einem Jahr gibt es auch einen Staatsvertrag, der Rechte und Pflichten für Muslime festlegt, zum Beispiel das Recht auf Urlaub an muslimischen Feiertagen. Zwei Bremerinnen erzählen, was sich dadurch verändert hat und wie sie im Alltag mit religiösen Vorschriften umgehen.

Filterkaffee und Kekse, dazu läuft die türkische Version von Traumhochzeit: Die Frauen haben es sich gemütlich gemacht an diesem Sonntag. Songül Bayram und Beyhan Tirampetci sind Schwestern, und wohnen in Huchting. Zu Besuch ist eine deutsch-tunesische Freundin, Sabah Fouzai. Ein guter Moment, um über den muslimischen Alltag zu sprechen.

„Sogar an Aschura kann man jetzt frei nehmen? – Wow, das wusste ich nicht!“, ruft Songül Bayram erfreut. „In den vergangenen Jahren musste ich am Zuckerfest und am Opferfest immer arbeiten: Urlaub geht nicht, wir sind zu knapp besetzt, hieß es immer.“ Während die ganze Familie zusammenkam, war sie im Einsatz: „Ich war schon traurig, ich war an diesen Tagen immer in Gedanken bei meiner Familie“, sagt Songül Bayram, die als Beraterin im Handy-Service arbeitet. Sie freut sich, wenn es nun einfacher ist, frei zu nehmen.

Beyhan Tirampetci hat über ihren siebenjährigen Sohn erfahren, dass er zum Opferfest am 15. Oktober schulfrei bekam. Möglich war das nach Absprache auch vorher schon meistens, jetzt ist es verbrieft.

Seit Mai vergangenen Jahres bekommen Schüler in Bremen an drei islamischen Feiertagen regulär schulfrei, Arbeitnehmer können an diesen Tagen Urlaub nehmen. Das Gesetz ist eine erste handfeste Umsetzung dessen, was im Staatsvertrag steht.

Das Recht auf religiöse Feiertage dürfte viele Muslime interessieren. Daneben stehen im Staatsvertrag weitere Rechte, die zum Teil noch nicht in die Praxis umgesetzt worden sind. Zum Beispiel will das Land Bremen in Kantinen öffentlicher Einrichtungen im Rahmen des Möglichen auch Helal-Essen anbieten, also Essen, das den muslimischen Speisevorschriften entspricht. Ein Schulkantinen-Vertreter fragte bereits bei der Bremer Schura nach, was man für den Einkauf von Helal-Fleisch beachten müsse. Allerdings konnte auch die Schura diese Frage nicht aus dem Stegreif beantworten – jetzt wird recherchiert, welche Anbieter glaubwürdig sind. „Helal-Essen in Kantinen anzubieten, ist schon eine sehr großzügige Geste“, sagt Songül Bayram. „Immerhin ist in Deutschland die Hauptreligion das Christentum und nicht der Islam.“ Sie selbst kauft ohnehin kein Helal-Fleisch. Ihr ist das Schächten zu grausam. „Da geht meine Tierliebe vor.“ Ihre ältere Schwester achtet beim Einkauf schon auf Helal-Fleisch. Doch beide schlachten zum Opferfest keine Lämmer. „Wir feiern, aber wir töten keine Schafe“, sagt Beyhan Tirampetci und lacht. Und beim Essensangebot habe sich in Bremen auch vor dem Staatsvertrag schon viel getan: „Im evangelischen Kindergarten in Huchting gibt es seit Jahren kein Schweinefleisch, die Mehrheit der Kinder ist muslimisch.“ Das finden beide Schwestern gut: Helal-Fleisch in den Kantinen, das ist ihnen fast ein bisschen zu viel des Guten, aber schlicht auf Schweinefleisch zu verzichten, finden sie super.

„Haribo stellt inzwischen sogar Helal-Gummibärchen ohne Gelatine her, ich hab so gelacht als ich das gehört habe!“, sagt Beyhan Tirampetci und lacht gleich noch mal beim Gedanken daran: „Respekt!“ Seit Kurzem bekommt man die religiös korrekten Bärchen auch in einem türkischen Laden nebenan, erzählt sie. Ob sie zuvor keine Gummibären gekauft hat? „Doch“, sagt die 45-Jährige. Bei der Gelatine und den Bären kommt sie an ihre Grenzen.

Bremen will künftig mehr Eigenregie für muslimische Friedhöfe gewähren. Die Schura wünscht sich mehr Raum für Rituale. „Waschräume und Andachtsorte gibt es doch auf dem Friedhof in Walle schon“, sagt Sabah Fouzai. Sie lebt ihre Religion stärker als die beiden anderen. In Deutschland kauft man die Grabstelle für 25 Jahre, nicht für immer, wie in anderen Ländern. „Das ist anders: Hier wird irgendwann der Nächste dazugelegt“, sagt Sabah Fouzai. „Meine Freundin hat immer gesagt: Hoffentlich legen sie mir einen Mann dazu!“ Sie lacht laut. – „Das sagt die religiöseste von uns!“, sagt Beyhan Tirampetci.

Beim öffentlichen Respekt für ihre Religion sehen die Frauen in Bremen schon einiges in Bewegung. Besonders wichtig wäre ihnen dafür etwas anderes: Sie wollen wählen gehen können, ohne ihren türkischen Pass abzugeben. „Über das Thema Wahlrecht können wir ein anderes Mal sprechen“, sagt Beyhan Tirampetci.

Hintergrund: Staatsvertrag mit Muslimen

Vor einem Jahr haben drei islamische Verbände und der Senat in Bremen einen Staatsvertrag unterschrieben, der Rechte und Pflichten für Muslime festlegt. Seitdem hat sich manches getan: Muslimische Feiertage wurden gesetzlich stärker verankert, Muslime sind nun in bestimmten Gremien vertreten. Muslimische Seelsorger können im Gefängnis oder im Krankenhaus arbeiten, und Muslime werden zu den Lehrplänen für das künftige Fach Religion gehört.

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