Vorwurf soll ausgeräumt werden Antisemitismus in Bremen: Grüne befragen Senat

Ist Bremen eine "Hochburg des Antisemitismus"? Der Vorwurf hat seinen Ursprung in der Behauptung eines Pastoren - einer ironischen, wie er beteuert. Die Grünen wollen die Strömungen genauer untersuchen.
30.04.2016, 00:00
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Antisemitismus in Bremen: Grüne befragen Senat
Von Frauke Fischer

Ist Bremen eine "Hochburg des Antisemitismus"? Der Vorwurf hat seinen Ursprung in der Behauptung eines Pastoren - einer ironischen, wie er beteuert. Die Grünen wollen die Strömungen genauer untersuchen.

Als weltoffen und liberal gilt Bremen. Nun muss sich die Stadt mit dem Vorwurf auseinandersetzen, „Hochburg des Antisemitismus“ zu sein. Und weil dieser nicht von irgendwoher kommt, sondern über einen Korrespondenten der „Jerusalem Post“ bis in die USA bekannt geworden ist, beschäftigen sich viele Menschen mit den Hintergründen. Und die lassen sich auf eine zentrale Frage reduzieren: Wer hat wann was gesagt, und warum?

Der Fall selbst geht so: Ein Bremer Pastor der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK), Volker Keller aus Vegesack, hat sich in einer Mail an den Korrespondenten der israelischen Tageszeitung „Jerusalem Post“, Benjamin Weinthal, selbst als „Antisemiten“ bezeichnet. „Karikierend“ war das gemeint, erklärt der Pastor später schriftlich.

Israel-Kritiker las in Vegesacker Gemeinde

Vorausgegangen war eine komplizierte Abfolge von Ereignissen, Vorwürfen und Verdächtigungen. Volker Keller wollte Bezug auf eine Veranstaltung der Vegesacker Gemeinde nehmen, in der der israel-kritische Bremer Publizist Arn Strohmeyer aus seinem neuen Buch gelesen hatte. Der wiederum gilt Weinthal seit Längerem als Antisemit.

Er bedauere seine ironische Entgegnung, so Keller schriftlich. „Das Gegenteil des Gesagten war gemeint.“ Der Pastor betont: „Ich widerspreche entschieden dem gegen mich erhobenen Vorwurf, ein Antisemit zu sein. Für mich gilt uneingeschränkt das Existenzrecht Israels, und ich distanziere mich grundsätzlich von jeder Form des Rechtspopulismus und Antisemitismus.“

"Wir sehen den Siedlungsbau kritisch"

Der vehemente Einwand bezog sich auf eine Lesung Strohmeyers, den Keller im Nachgang zu einer gemeinsamen Israel- und Palästinareise mit Kirchenvorstehern eingeladen hatte.

Keller schreibt: „Wir sehen den Siedlungsbau und die Besatzung kritisch – genau wie Arn Strohmeyer.“ Aber er betont: „Hätte ich in Reden oder Texten von Arn Strohmeyer Antisemitismus erkannt, hätte ich ihn nicht eingeladen – das war aber nicht der Fall.“

Auch die BEK hat sich mit den Vorkommnissen beschäftigt und Kellers Mail als „vollkommen unangemessen“ kritisiert, sagt Renke Brahms, Schriftführer der BEK. Fachlich mache der Gemeindepastor jedoch eine sehr gute Arbeit, deshalb stelle sich die Kirche hinter Keller. Brahms betont in dem Zusammenhang die guten Kontakte zur hiesigen Jüdischen Gemeinde. Der Schriftführer: „Ich bedauere es ausgesprochen, dass diese Geschichte zu Zweifeln an unserer Haltung geführt hat.“

Grüne stellen Anfrage an den Senat

So weit, so gut? Offenbar nicht. Als ob man einen kleinen Stein ins Wasser wirft, zieht der Fall weiter Kreise. Die Bremer Grünen bereiten derzeit eine Kleine Anfrage an den Senat vor. Sie möchten wissen, inwieweit in Bremen antisemitische Strömungen wahrgenommen werden und was die Stadt dagegen tun kann, wenn es so sein sollte.

Aus gutem Grund, meint die grüne Abgeordnete Kirsten Kappert-Gonther. „Dieser Eindruck, Bremen sei antisemitisch, ist nicht nur schädlich, sondern einfach ganz falsch“, sagt die religionspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. Bremen habe „eine aktive jüdische Gemeinde und eine aktive Deutsch-Israelische Gesellschaft“. Es gebe die gut funktionierende Städtepartnerschaft mit der israelischen Stadt Haifa, in die jährlich Bürgerreisen unternommen werden.

„Das ist so etwas Lebendiges und schafft tolle Kontakte“, sagt Kappert-Gonther. Sie selbst hat an mehreren Reisen teilgenommen und ist zudem im Vorstand der Deutsch-Israelischen Gesellschaft aktiv.

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