Standpunkt zum Ende des IS Assad verliert sein Alibi für Grausamkeiten

Auch wenn das Kalifat des IS jetzt territorial beendet ist, heißt das noch lange nicht, dass für Syrien bessere Zeiten anbrechen. Machthaber Assad wird sich mit den Kurden arrangieren, schreibt Birgit Svensson.
24.03.2019, 19:13
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Assad verliert sein Alibi für Grausamkeiten
Von Birgit Svensson

Es hat nicht ganz geklappt. Ei­gentlich wollten die kurdischen YPG-Milizen zu Beginn ihres wichtigsten Festes des Jahres den Sieg über den IS verkünden. Doch zwei Tage später gilt es auch noch als „Frühlingsgeschenk für die ganze Welt“, wie der Kommandeur der SDF (Syrische Demokratische Kräfte) es bei dem Siegeszug in Baghus am Sonnabend betonte.

Dieser kleine unbedeutende Ort direkt an der Grenze zum Irak stand seit Wochen im Fokus der Weltöffentlichkeit: als die letzte Bastion der Terrormiliz, als der letzte Rest des Kalifats. Newroz, das kurdische Neujahrs- und Frühlingsfest, das mit dem Tag des astronomisch berechneten Eintritts der Sonne in das Tierkreiszeichen des Widders beginnt, erstreckt sich über mehrere Tage. Die Kurden haben also allen Grund zum Feiern.

Auffanglaber gestrandeter Rebellen

Die Offensive zur Eroberung von Baghus hatte am 9. Februar begonnen. Bis zuletzt waren dort noch IS-Anhänger auf engstem Raum in einem Zeltlager eingeschlossen, wo sie sich in Gräben und Tunneln eingegraben hatten und erbittert Widerstand leisteten. In den vergangenen Wochen hatten Tausende IS-Kämpfer aufgegeben und sich den SDF-Truppen gestellt.

Sie wurden in Gefangenenlager gebracht und verhört. Auch Zehntausende Zivilisten, darunter Angehörige der IS-Kämpfer, verließen den Ort. Satellitenbilder zeigten, dass ein nicht geringer Teil der Dschihadisten in den Irak floh, andere wurden mit Bussen nach Idlib transportiert ‒ die Stadt, die zum Auffanglager gestrandeter Rebellen und besiegter Islamisten geworden ist.

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Dort halten sich sowohl Mitglieder der Freien Syrischen Armee auf, die zu Beginn des mittlerweile acht Jahre dauernden Bürgerkriegs die stärkste Fraktion im Kampf gegen den Diktator in Damaskus bildete, wie auch Mitglieder der aus Al Kaida hervorgegangenen syrischen Al-Nusra-Front und anderer extrem islamistischer Bewegungen. Und nun der IS. Das Kalkül ist, dass diese in Form und Anspruch unterschiedlichen Gruppierungen sich selbst zerfleischen und sich gegenseitig umbringen. Wenn nicht, wird es für Assad und Co. früher oder später ein Leichtes, sie in Idlib zu eliminieren.

Auch wenn das Kalifat jetzt territorial beendet ist, heißt das noch lange nicht, dass für Syrien bessere Zeiten anbrechen. Ohnehin war der IS, anders als im Irak, in Syrien keine staatsfeindliche Bedrohung, im Gegenteil. Baschar al-Assad brauchte die Gotteskrieger, um der Welt zu zeigen, dass er Terroristen im Lande habe, die es zu bekämpfen gelte. Somit reduzierte er alle Regimegegner auf das Niveau des Islamischen Staates. Es fiel auf, dass die syrischen Regierungstruppen IS-Stellungen mit ihren Bombardements verschonten, keine Gefangenen des IS in syrischen Gefängnissen zu finden sind und auch sonst direkte Konfrontationen weitgehend vermieden wurden.

Ein pragmatischer Partner

Mit einer Ausnahme: Palmyra. Um die antike Wüstenstadt gab es erbitterte Kämpfe. Letztlich gab Wladimir Putin den Ausschlag und machte dem Ringen um die Kontrolle Palmyras durch Luftangriffe ein Ende. Als Triumph spielte ein russisches Symphonieorchester in den Rudimenten der Ruinen, die der IS stehen ließ.

Mit dem Ende des Kalifats verliert Assad nun sein Alibi für die Grausamkeiten, die er seinem Volk mit der Begründung der Bekämpfung des Terrors angetan hat. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass weder Assad noch seine Helfershelfer Russland, Iran und die libanesische Hisbollah den endgültigen Sieg über den IS für sich beanspruchen können, sondern die Kurden im Nordosten des Landes. Denn wo immer sich das verbrecherische Regime ab dem Sommer 2012 zurückzog, füllte die Kurdenmiliz YPG die Lücke.

Für Assad war und ist sie ein pragmatischer Partner, der es nicht auf einen Machtwechsel in Damaskus abgesehen hat, sondern in erster Linie für kurdische Ziele kämpft. Kobane war dafür ein Symbol. In den zurückliegenden Jahren baute die YPG entlang der Grenze zur Türkei eine autonome Verwaltungsregion auf, die von den Kurden als Rojava oder Westkurdistan bezeichnet wird und für Assad ein gewisses Bollwerk gegen die Türkei darstellt. Deren Machthaber Recep Tayyip Erdogan positionierte sich von Anfang an ge­gen Assad und unterstützte die Opposition massiv. Dass die USA sich mit der YPG gegen den IS verbündeten, konnte dem Diktator in Damaskus nur recht sein.

Assad würde sich deshalb riesig freuen, falls US-Präsident Donald Trump mit seiner Ankündigung des Rückzugs der US-Truppen nach dem Sieg über den IS ernst machen sollte. Denn dann rückten die Kurden wieder näher an Damaskus heran – zwangsläufig. Die Gegnerschaft zu Erdogan würde sie vereinen.

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