Kommentar über Politikerinnen-Wahrnehmung

Aufbruch der besonderen Art

Überraschung: Auf einmal vereinen drei konservative deutsche Politikerinnen ganz viel Macht. Deshalb ist es an der Zeit, Frauen an der Macht wirklich ernst zu nehmen, findet Iris Hetscher.
21.07.2019, 18:00
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Aufbruch der besonderen Art
Von Iris Hetscher
Aufbruch der besonderen Art

Frauen an der Macht: Ursula von der Leyen (Mitte), scheidende Verteidigungsministerin und neugewählte EU-Kommissionspräsidentin, sitzt im Schloss Bellevue neben ihrer Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer (links) und Bundeskanzlerin Angela Merkel.

MICHAEL KAPPELER

Zwei Fotos werden die Woche überdauern. Beide werden mit großer Wahrscheinlichkeit in Jahresrückblicken als Sinnbilder für den Zustand politischer Gemengelagen verwendet, und beide Bilder zeigen Frauen. Auf dem einen sind vier Abgeordnete der demokratischen Partei der USA zu sehen, im Hintergrund die US-Flagge und das Weiße Haus. Vier Hoffnungsträgerinnen ihrer Partei: jung, gebildet, streitbar, mit dem Willen zur Macht. Ein Geschenk für jede moderne Demokratie, zudem die vier auf gelungene Integrationsbiografien zurückblicken. Statistisch gesehen gehört Menschen wie ihnen in den USA die Zukunft.

Doch das Foto dokumentiert keine Aufbruchstimmung, sondern Notwehr. Die vier Frauen traten vor die Presse, um eine vor Rassismus triefende Diffamierung ihres Präsidenten zurückzuweisen. Sie sollten doch in die Länder zurückkehren, aus denen sie gekommen seien, beschied Donald Trump den Abgeordneten Ilhan Omar, Alexandria Ocasio-Cortez, Rashida Tlaib, Ayanna Pressley. Selbstredend haben alle einen US-amerikanischen Pass, aber: Alle hatten zuvor gewagt, den Präsidenten zu kritisieren. Einen Präsidenten, der nicht nur die politische Debatte in seinem Land durch selbstherrliches Geifern ersetzt, sondern auch das Wertesystem einfach mal so über den Haufen geworfen hat. Dass seine jüngsten Ausfälle auf junge Frauen zielten, ist kein Zufall. Denn die widersprechen dem Reaktionären seiner Politik ganz besonders – nicht nur verbal, sondern als Symbolfiguren. Erinnert sich noch jemand daran, dass die USA noch vor Kurzem beinahe von einer Frau regiert worden wären, die den liberalen Schwung der Obama-Jahre weiterführen sollte? Derzeit scheint das Land weiter davon entfernt denn je.

In der angeblich so alten Welt indes sorgte ein ganz anderes Bild für Aufsehen. Auch hier sind Frauen zu sehen, es sind drei, und sie sitzen entspannt auf weiß bezogenen Stühlen. Annegret Kramp-Karrenbauer, Ursula von der Leyen und Angela Merkel lächeln. CDU-Politikerinnen, die ganz plötzlich ganz schön viel Macht auf sich vereinen. Von der Leyen hat es geschafft, zur Präsidentin der EU-Kommission gewählt zu werden, Kramp-Karrenbauer ist seit Mittwoch ihre Nachfolgerin als Verteidigungsministerin. Kanzlerin Angela Merkel hat beiden zu diesen Ämtern verholfen. Auch eine Folge: Schon lange wurde das Wort Coup nicht mehr so strapaziert. Und merkwürdig oft hatte es den Beigeschmack von beleidigter Leberwurst.

Dürfen Frauen das? Absprachen treffen, zuvor getroffene Aussagen kaltschnäuzig revidieren, auf Prinzipienreiterei pragmatisch reagieren? Sich einfach Posten greifen anstatt entweder brav zu warten bis sie gefragt werden (konservative Version) oder zunächst Grundsatzdebatten um Gendersternchen zu führen (links-alternative Version)? „So haben wir uns das Ende des Patriarchats aber nicht vorgestellt“ titelte die „taz“ und hat die Verwirrtheit ihrer Leserinnen und Leser damit gewohnt frech auf den Punkt gebracht. Und der beliebte Sponti-T-Shirt-Spruch „The Future is Female“ (die Zukunft ist weiblich) bekommt auf einmal eine ungewohnte Bedeutung.

Nach der links-alternativen Saga hätten es eigentlich diplomierte Feministinnen sein sollen, die als Spitzentrio auf den weiß bezogenen Stühlen fotografiert werden. Irgendwann einmal. Und nicht Politikerinnen aus dem konservativ geprägten Lager. Doch obacht: Die waren jetzt einfach geschickter. Wie und ob das die Geschlechtergerechtigkeit voranbringt, wird man sehen. Fortschritte generell in Abrede zu stellen, zeugt aber von genau der Überheblichkeit, mit der sich Frauen des linken Spektrums gerne selbst ein Bein stellen: Wer nicht für exakt unseren Feminismus ist, ist gegen das große Ganze. Von dem „Coup“ selbst könnten sich die Frauen der SPD, der Grünen und der Linken übrigens einiges abgucken, anstatt sich über Details zu zerstreiten. Der Umgang der SPD-Frauen mit ihrer Ex-Parteivorsitzenden Andrea Nahles war nun wirklich kein Beispiel dafür, wie Frauen sich (unter-)stützen.

Es wäre jetzt auch an der Zeit, Politikerinnen ernst zu nehmen. Dazu gehört, ihnen alberne Spitznamen zu ersparen; denen ist der Verdacht, hier sei jemand überfordert, immer eingeschrieben. Von daher: Angela Merkel ist Kanzlerin und keine „Mutti“. Ursula von der Leyen „Flinten-Uschi“ zu nennen, war immer schon besonders altherren-gönnerhaft. Und Schluss bitte mit den Witzen über Frisuren, Hosenanzüge, Kartoffelsuppen. Frauen haben faire, harte Kritik an ihrer Arbeit genauso verdient wie Männer.

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