Bremer Finanzmarktwächter-Studie

Bausparkassen vergeben immer häufiger Sofortkredite

Das Geschäftsmodell der Bausparkassen hat sich stark gewandelt. Waren es früher vor allem klassische Bausparverträge, die die Institute mit ihren Kunden abgeschlossen haben, so sind es heute meist Vor- und Zwischenfinanzierungen.
05.07.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Bausparkassen vergeben immer häufiger Sofortkredite
Von Maren Beneke

Das Geschäftsmodell der Bausparkassen hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Waren es früher vor allem klassische Bausparverträge, die die Institute mit ihren Kunden abgeschlossen haben, so sind es heute meist Vor- und Zwischenfinanzierungen.

Konkret bedeutet das: Früher sammelten die Bausparkassen über monatliche Sparbeiträge zunächst Geld ein; heute geben sie oftmals Darlehen aus, ohne dass Kunden zuvor Geld angespart haben. Nach einer Untersuchung des Finanzmarktwächter-Projekts, das bei den Verbraucherzentralen angesiedelt ist, entfernen sich die Institute damit immer weiter von ihrem eigentlichen kollektiven Kerngeschäft. In den vergangenen Monaten haben die Bremer Mitarbeiter des Projekts das Bausparkassen-System genauer untersucht. Die Analyse lag dem WESER-KURIER exklusiv vorab vor.

„Bausparkassen betreiben ein Geschäft, von dem man aktuell nicht genau weiß, ob es am Ende auch noch funktioniert“, sagt Philipp Rehberg, Teamleiter Finanzmarktwächter in Bremen. Seit Mitte der 1990er-Jahre bauen die Institute laut der Finanzmarktwächter-Analyse ihr außerkollektives Geschäft aus und vertreiben vermehrt Vor- und Zwischenfinanzierungen. 1998 überholten diese Geschäfte erstmals das übliche Bauspargeschäft, heißt es in der Studie. Heute machen die Bauspardarlehen demnach nur noch zwölf Prozent am Gesamtkreditvolumen der Bausparkassen aus.

Auch, weil die Institute die niedrigen Zinsen an ihre Kunden weitergeben: Bei einer Verzinsung des Sparguthabens von derzeit 0,05 bis 0,25 Prozent überlegen sich immer weniger Verbraucher, einen Bausparvertrag abzuschließen.

Dabei leben die insgesamt 21 Landesbausparkassen und private Bausparkassen eigentlich vom Kollektivgedanken: Das Geld, das die Kunden ansparen, wird in einen Topf eingezahlt. Die Gesamtbausparsumme beträgt nach Angaben der Finanzmarktwächter-Studie derzeit 868 Milliarden Euro.

Über diesen Topf werden dann nicht nur die abgerufenen Bauspardarlehen finanziert, sondern auch die mit den Kunden vereinbarten Zinsen, die für die Sparguthaben gezahlt werden müssen, sowie die laufenden Kosten. Vermehren können die Institute das Geld über vergleichsweise sichere Anlagen – was in der aktuellen Niedrigzinsphase allerdings zu einem großen Problem geworden ist.

Und aus diesen Minizinsen ergibt sich ein weiteres Hemmnis für die Bausparkassen: Viele Kunden nehmen ihre zuteilungsreifen Bauspardarlehen derzeit gar nicht erst in Anspruch, weil sie es nicht brauchen, aber auch, weil es gerade im Bereich Bauen günstigere Darlehen auf dem Markt gibt. Stattdessen parken sie ihr Geld weiterhin bei den Bausparkassen. Weil die Institute die zu Beginn der Vertragslaufzeit mit dem Kunden vereinbarten Zinsen – in den 1990er-Jahren versprachen die Kassen bis 4,25 Prozent – zahlen, ist das unterm Strich oftmals ein Minusgeschäft für sie.

Bausparkassen fusionieren und bauen Stellen ab

Die Bausparkassen handeln: Sie fusionieren und bauen Stellen ab. Vor allem aber reagieren sie, indem sie viele solcher Alt-Verträge – auch bevor sie voll angespart wurden – kündigen. Bundesweit soll es nach Schätzungen von Experten etwa 200.000 Verträge betreffen, in Norddeutschland etwa 15.000. Tendenz steigend.

Ob das rechtens ist, darüber gibt es – je nach Vertragslänge – verschiedene Rechtsauffassungen. Oftmals haben die Bausparkassen Recht bekommen, doch erstmals entschied im März mit dem Oberlandesgericht Stuttgart eine höhere Instanz zugunsten eines Kunden. Viele Verbraucher haben sich mit ihren Kündigungsschreiben an die Verbraucherzentralen gewandt: „Das Problem ist bei sämtlichen Beratungsstellen aufgelaufen“, sagt Philipp Rehberg.

Aus Sicht der Verbraucherzentralen sind die Forderungen der langjährigen Bausparer berechtigt, ihre Verträge weiter aufrechtzuerhalten. „Bei Abschluss wurde ihnen der Bausparvertrag oft als gute Geldanlage verkauft“, sagt Annabel Oelmann, Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen. Die Zeiten, als Bausparverträge noch eine lohnende Kapitalanlage gewesen sind, seien aber vorbei. Wer tatsächlich vorhabe zu bauen oder zu sanieren, für den könne sich ein Abschluss zwar noch auszahlen. „Aber letztendlich ist ein Bausparvertrag nichts anderes als eine Zinswette.“

Denn ein Bausparvertrag lohnt sich für Verbraucher nur dann, wenn die Zinsen für Immobiliendarlehen in der Zeit zwischen Abschluss und Zuteilung gestiegen sind. „Wir wollen, dass Verbraucher wissen, worauf sie sich einlassen und was passieren kann, wenn sie einen Bausparvertrag abschließen“, sagt Oelmann.

Grundsätzlich können die Bausparkassen nicht versprechen, dass ein vor Jahren abgeschlossener Bausparvertrag am Ende auch pünktlich zuteilungsreif wird. Voraussetzung ist, dass genügend Menschen zwischen dem Zeitpunkt des Abschlusses und der Zuteilungsreife neu dazugekommen sind und dass es gleichzeitig nicht zu viele Kunden gibt, die gleichzeitig ihre im Darlehen vereinbarten Beträge abrufen.

Der Gesetzgeber hat Ende vergangenen Jahres versucht, der Krise im Bausparkassengeschäft entgegenzusteuern und das entsprechende Bausparkassengesetz überholt. In größerem Umfang als bislang dürfen die Institute seither außerkollektive Darlehen aus der Zuteilungsmasse vergeben. Zudem dürfen die Bausparkassen nun auch Rücklagen auflösen, die eigentlich die Zuteilungszeiten stabilisieren sollten. Für die Bausparer steigt damit das Risiko, so der Schluss der Finanzmarktwächter-Analyse. Auch wenn der Bund den Instituten ein entsprechendes Risikomanagement verordnet hat: Konkrete Folgen des neuen Gesetzes könnten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschätzt werden.

Die komplette Studie können Sie herunterladen, indem Sie hier klicken.

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