Bremer SPD kündigt „Gegenwind“ an BLG kündigt Zusammenarbeit mit 450 Leiharbeitern

Das Bremer Logistikunternehmen BLG will die Zusammenarbeit mit dem Gesamthafenbetriebsverein beenden. Betroffen wären 450 Beschäftigte, die auf Leihbasis für die BLG-Kunden Tchibo und Mercedes arbeiten.
18.05.2016, 22:20
Lesedauer: 4 Min
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Von Maren Beneke Peter Hanuschke

Das Bremer Logistikunternehmen BLG will die Zusammenarbeit mit dem Gesamthafenbetriebsverein beenden. Betroffen wären 450 Beschäftigte, die auf Leihbasis für die BLG-Kunden Tchibo und Mercedes arbeiten.

Die BLG-Logistikgruppe will künftig nicht mehr mit dem Gesamthafenbetriebsverein (GHB) zusammenarbeiten – betroffen wären davon etwa 450 Mitarbeiter, die derzeit auf Leihbasis für die BLG-Kunden Tchibo im Hochregallager und bei Mercedes eingesetzt werden. Dass sie nur deshalb gehen müssen, weil andere private Anbieter noch günstigere Leiharbeitskräfte für den Logistikbereich zur Verfügung stellen, sei nicht wahr, bezieht BLG-Sprecher Andreas Hoetzel Stellung. „Wir sind nicht auf der Suche nach günstigeren Leiharbeitern, wir brauchen mehr Flexibilität“, sagt er.

SPD kündigt „Gegenwind“ an

Was sich zunächst einmal nach einer unternehmerischen Entscheidung anhört, bekommt nun allerdings auch eine politische Dimension. Denn Bremen ist mit 50,4 Prozent Mehrheitseigner bei der BLG Logistics Group. „Sollte es tatsächlich so sein, dass sich die BLG zu Lasten des GHB zunehmend privater Leiharbeitsfirmen bedient, um so die Lohnkosten zu drücken, wird aus unseren Reihen deutlicher Gegenwind kommen“, sagte am Mittwoch der hafenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Elias Tsartilidis.

Die BLG, deren Anteile mehrheitlich in öffentlichem Besitz seien, habe auch eine Verpflichtung gegenüber den Arbeitnehmern des GHB. Der Sozialdemokrat will nun das Gespräch mit dem GHB und insbesondere mit der BLG suchen. Schließlich habe man mit dem GHB einen „hervorragenden Dienstleister“ für die im Hafen- und Logistikbereich anfallenden Arbeiten. „Es ist nicht einzusehen, wieso dieses historisch gewachsene Instrument, das sich über Jahrzehnte bewährt hat, von der BLG nicht mehr genutzt werden soll.“

BLG: Mitarbeiter verlieren ihre Arbeitsplätze nicht zwangsläufig

Wegen der fehlenden Flexibilität habe man sich bereits vor Jahren auf dem Dienstleistungsmarkt umgeschaut und arbeite seither mit entsprechend flexibleren Unternehmen zusammen, sagte Hoetzel. Nach Angaben des Sprechers kooperiert das Logistikunternehmen allein im Bereich Distribution heute mit mehr als zehn verschiedenen Dienstleistern.

Die Folge: Aktuell machen die GHB-Angestellten demnach nur noch 20 Prozent der externen Dienstleistungsbeschäftigten in der Distribution der BLG aus. Insgesamt geht es nach BLG-Angaben nun um etwa 450 Mitarbeiter des GHB. Da das Unternehmen eine Leiharbeitsfirma sei, so heißt es von Seiten der BLG, würden die Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze nicht zwangsläufig verlieren, sondern nur den Arbeitgeber wechseln. Entsprechende Gespräche zwischen GHB-Geschäftsführung und -Betriebsrat sollen demnächst beginnen.

Man könne mit Sicherheit der BLG keine Vorwürfe machen, sagte am Mittwoch Bernt Kamin-Seggewies, der seit Oktober Geschäftsführer beim Gesamthafenbetriebsverein ist. Der GHB zahle fast identische Löhne wie andere private Leiharbeitsfirmen. Man habe aber viel zu oft „die Kunden-Anforderungen im Logistikbereich nicht erfüllen können“.

GHB-Geschäftsführer kritisiert Betriebsrat

Bevor Kamin-Seggewies nach Bremen kam, war er 30 Jahre für den GHB in Hamburg in verschiedenen Funktionen tätig – auch auf Seiten des Betriebsrates. Die Situation, die er in Bremen vorgefunden habe, sei schon „sehr speziell“. So habe es im vergangenen Jahr zwar erfolgreiche Tarifverhandlungen gegeben, aber die Umsetzung werde vom Betriebsrat immer wieder blockiert. „Der Deal ‚Mehr Geld für mehr Flexibilität‘ bezieht der Betriebsrat nur aufs Geld.“ Da spiele kein Kunde mit.

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Am Mittwochnachmittag war Kamin-Seggewies deshalb auch zu einem Vorgespräch bei der Gewerkschaft Verdi zu Gast. Verdi spielt bei der Konstruktion GHB eine besondere Rolle: Nicht nur zahlreiche GHB-Mitarbeiter sind dort organisiert, sondern die Gewerkschaft ist neben Unternehmen der Hafenwirtschaft gleichzeitig auch Träger des GHB. Allerdings besteht die Mehrheit des GHB-Betriebsrats schon seit längerem nicht mehr aus Verdi-Mitgliedern.

„Bei dem Gespräch wird es darum gehen, wie und wo die betroffenen GHB-Mitarbeiter künftig beschäftigt werden können“, sagte Kamin-Seggewies. „Nach meinen Vorstellungen könnte ein Großteil bei neuen Arbeitgebern beschäftigt werden – die Arbeit ist ja schließlich nicht weg.“ Flankierend sollte außerdem ein Sozialplan aufgestellt werden. „Endgültig werden darüber aber die entsprechenden Gremien Ende Mai beziehungsweise Anfang Juni entscheiden.“ Die Gewerkschaft Verdi und auch der GHB-Betriebsrat waren für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Wie es mit dem GHB insgesamt weitergehen soll, dazu hat der Geschäftsführer konkrete Vorstellungen: „Wir müssen uns aufs eigentliche Kerngeschäft konzentrieren – und das liegt in der Hafenwirtschaft.“ Man arbeite etwa sehr erfolgreich mit der BLG beim Autoumschlag in Bremerhaven zusammen. Ebenso in anderen Bereichen der klassischen Hafenwirtschaft – etwa in den stadtbremischen Häfen. Diese Sparten müssten ausgebaut werden. Aus der Logistik sollte sich der GHB zurückziehen.

Derzeit hat der GHB etwa 1200 Beschäftigte in Bremerhaven und 700 in Bremen – davon 130, die als Hafenarbeiter tätig sind.

GHB: Ein Verein mit langer Geschichte

Vor mehr als 100 Jahren hatten die vielen unständig beschäftigten Hafenarbeiter keine festen Löhne und keine soziale Absicherung. Deshalb und aus der sozialen Verantwortung heraus gründeten Reeder, Schiffsmakler, Küpereien, Stauer und Spediteure am 30. März 1914 den Hafenbetriebs-Verein in Bremen (HBV) – der rechtliche Vorgänger des heutigen Gesamthafenbetriebsvereins (GHBV).

Die zahllosen und ständig wechselnden Tagelöhner wurden sozusagen zu einer Stammbelegschaft zusammengefasst, um die Leistungsfähigkeit des Hafens zu steigern und den Gelegenheitsarbeitern eine soziale Basis zu geben. Diese Arbeiter bekamen später sogar feste Löhne – ganz unabhängig davon, ob sie ständig eingesetzt waren oder in einer schlechten Beschäftigungslage eine Freischicht erhielten. Neben den Hafen- und Logistikbetrieben ist die Gewerkschaft Ver.di (früher ÖTV) Träger der GHBV-Konstruktion.

Insgesamt hat der Gesamthafenbetriebsverein etwa 1900 Mitarbeiter in Bremen und Bremerhaven. Zum Kerngeschäft gehört die Abwicklung des Umschlags im Auto- und Containerterminal in Bremerhaven.

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