Interview mit Bremens Bürgermeister und Bremerhavens Oberbürgermeister Böhrnsen und Grantz sehen Städte als Einheit

Bremen. Die Städte Bremen und Bremerhaven driften auseinander. Das ist die These des Forsa-Chefs Manfred Güllner nach einer Umfrage für den WESER-KURIER. Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen und Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz sehen das völlig anders.
28.02.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Ein Bundesland, zwei Welten - die Städte Bremen und Bremerhaven driften auseinander. Das ist die These des Forsa-Chefs Manfred Güllner nach einer Umfrage für den WESER-KURIER. Bernd Schneider sprach darüber mit dem Präsidenten des Senats, Landesvater und Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen sowie Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz.

Bremen und Bremerhaven driften auseinander. Sehen Sie das in Ihrer täglichen Arbeit auch so?

Jens Böhrnsen: Aus meiner Sicht ist das eine völlig abwegige These. Ich kann überhaupt nicht erkennen, wie Manfred Güllner sie aus den Daten der Studie ableitet. Und ich sehe erst recht keine Begründung.

Melf Grantz: Nein, ich kann nicht erkennen, dass sich im Verhältnis zwischen unseren Städten etwas grundlegend geändert hat. Mein Wunsch wäre jedoch, dass sowohl die Bremer als auch die Bremerhavener eine stärkere Landesidentität leben würden. Das fehlt mir in Bremerhaven manchmal ein bisschen. Wir haben uns gegenseitig viel zu geben.

Offenkundig ist nach der Studie: Die Menschen in Bremerhaven und Bremen sehen ganz unterschiedliche Probleme in ihren Städten. In Bremen sind das Finanznot und Verkehr, in Bremerhaven Arbeitslosigkeit und Armut.

Böhrnsen: Ja, das ist richtig. Aber Bremen und Bremerhaven sind ja auch zwei Städte im Land Bremen. Unterschiedliche Einschätzungen werden Sie auch in Niedersachsen hören, wenn Sie die Landeshauptstadt Hannover etwa mit Wilhelmshaven vergleichen. Dass in Bremerhaven die Arbeitslosigkeit ganz oben steht, ist nachvollziehbar. Die Stadt hat viel stärker unter der Wirtschaftskrise gelitten. Sehen Sie nur den Rückgang im Autoumschlag. Das hat die Menschen bewegt, viel mehr als in Bremen, wo die Krise bei weitem nicht so durchgeschlagen hat. Unterschiedliche Einschätzungen sind da die logische Konsequenz, die sind vollkommen normal. Daraus eine Abkopplung zu konstruieren ist völlig absurd.

Grantz: In dieser Frage stehe ich nah beim Präsidenten des Senats. In Bremerhaven ist die Arbeitslosigkeit ein großes Problem. Umso wichtiger ist es, den Strukturwandel, den wir mit großer Unterstützung durch das Land eingeleitet haben, fortzusetzen. Wir müssen weitere Arbeitsplätze schaffen und die Stadtgesellschaft damit auch sozial beieinander halten.

Böhrnsen: Erlauben Sie mir noch eine Bemerkung zur Methode der Umfrage: Forsa hat die Bremerhavener viel früher befragt. In Bremen wurden die Interviews Anfang Februar geführt - da hatten gerade die Südländer ihre Attacke gegen den Länderfinanzausgleich gefahren. In den Medien hat sich das deutlich niedergeschlagen. Ich habe daher die Vermutung, dass das auch einen Einfluss auf die Ergebnisse hatte, die ja Momentaufnahmen sind, wie man aus Erfahrung weiß.

Hinter den Ergebnissen steckt aber auch gesellschaftliche Wirklichkeit. Bremerhaven liegt an der Spitze bundesweit wenn es um Arbeitslosigkeit und Hartz-IV geht. Steht nicht das Land Bremen in der Pflicht, die Lebensverhältnisse in beiden Städten anzugleichen?

Böhrnsen: Das ist richtig. Und diese Verantwortung nimmt das Land auch an. Nach Bremerhaven fließen rund 25 Prozent aller bremischen Investitionen. Das ist mehr, als der Stadt nach ihrem Bevölkerungsanteil zusteht (die Stadt stellt knapp 18 Prozent der Einwohner des Landes; Anm. d. Red.). Bremerhaven war in besonderem Maße betroffen von den Umbrüchen in der Wirtschaftsstruktur der vergangenen 20 bis 30 Jahre in der Fisch- und Werftindustrie. Und dazu der Abzug der Amerikaner - das sind die drei Haupt-Faktoren.

Grantz: Das ist richtig. Das Land hat den Strukturwandel positiv begleitet. Ohne das massive finanzielle Engagement wären die Großprojekte in Bremerhaven nicht möglich gewesen. Denken Sie an die Havenwelten, die Umgestaltung der Innenstadt, den Container-Terminal IV, den Fischereihafen, die Kaiserschleuse und vieles mehr. Neben unserer Eigeninitiative brauchen wir für die weitere positive Entwicklung auch zukünftig die Unterstützung des Landes, um bessere Lebensverhältnisse zu erreichen. Die Bürger der Stadtgemeinde Bremen vergessen häufig, dass sie selbstverständlich auch von dem Bundesland Bremen entsprechende Förderung erhalten.

Trotz der überproportionalen Investitionen: Nach den Ergebnissen der Umfrage identifizieren sich die Menschen in Bremerhaven schwerer mit ihrer Stadt als die Menschen in Bremen. Ist das nicht ein Warnsignal?

Böhrnsen: Was ich in erster Linie wahrnehme: Die Mentalität in der Stadt hat sich spürbar positiv verändert. Melf Grantz hat ja Recht: Bremerhaven hat einen rasanten Weg eingeschlagen, es ist sehr viel geschehen. Denken Sie nur an den boomenden Zweig der Windenergie, gerade im Bereich Offshore. Da sind viele Arbeitsplätze entstanden. Denken Sie an den massiven Ausbau des Hafens, die Kaiserschleuse. Die Havenwelten sind ein sichtbares Zeichen für den Wandel: Klimahaus, Zoo am Meer, Auswandererhaus, Mediterraneo. Wenn Sie auf der Plattform des Sail-City-Hotels stehen und da mit Bremern reden, die sagen Ihnen: Unglaublich, was hier alles passiert ist.

Grantz: Ich kann das Ergebnis der Studie nicht nachvollziehen. Seit die Havenwelten fertiggestellt sind, nehme ich das genaue Gegenteil wahr: Die Bremerhavener identifizieren sich immer stärker mit ihrer Stadt, weil sie sehen, dass es vorangeht. Mit jedem Arbeitsplatz, der neu geschaffen wird, wird sich das weiter verstärken. Menschen brauchen schlicht gesellschaftliche Teilhabe und sie brauchen Perspektiven. Wir brauchen eine Stadt für alle. Das entwickelt sich, und daran arbeiten wir weiter.

Gerade die jungen Leute, das Zukunftskapital jeder der Stadt, sehen das nach der Forsa-Studie aber anders. Sie identifizieren sich weniger mit Bremerhaven als ältere. Können Sie auf den Nachwuchs verzichten?

Böhrnsen: Sie werden in Bremerhaven in Wirklichkeit kaum jemanden finden, der die positive Entwicklung der letzten Jahre nicht würdigt. Wir erleben gerade einen Wandel, wir sind mittendrin. Sie sehen unheimlich viele junge Menschen, wenn Sie durch die Straßen gehen. Die Hochschule hat sich großartig weiterentwickelt, das Alfred-Wegener-Institut. Das zeigt: Wir verzichten keineswegs auf den Nachwuchs. Im Gegenteil.

Grantz: Natürlich können wir auf den Nachwuchs nicht verzichten. Und wir haben ihm immer mehr zu bieten. Zunehmend gibt es zukunftsträchtige Arbeitsplätze: im Handwerk, in der Offshore-Windenergie und den vielen Wissenschaftseinrichtungen, wie zum Beispiel dem AWI und dem neuen Fraunhofer-Institut "Biotechnologiezentrum". Wir habe Arbeitsplätze in einer modernen und in die Zukunft gerichteten maritimen Wirtschaft insgesamt und in der expandierenden Gesundheitswirtschaft.

Die Arbeit der Landesregierung und Ihre persönliche Leistung, Herr Böhrnsen, wird in Bremen positiver eingeschätzt als in Bremerhaven. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Böhrnsen: Wir haben in Bremen die Schulnote 3,4, bekommen, in Bremerhaven 3,6. Diese Werte sind ja nicht schlecht, und so groß ist der Unterschied nicht. Aber natürlich: In Bremerhaven steht der Magistrat etwas stärker im Vordergrund, das Land ist ein Stück weiter weg. Und es ist ja kein Geheimnis, dass Magistrat und Senat manchmal heftig miteinander ringen, zum Beispiel um das Geld. Dass sich die Bremerhavener dann auf die Seite des Magistrats schlagen, finde ich nachvollziehbar. Für mich zeigt das übrigens sehr viel mehr, in welchem Maße sich die Menschen mit ihrer Stadt identifizieren.

Grantz: Das Ringen um Positionen zwischen den Pfeffersäcken und den Fischköppen gehört zur positiven Tradition im Land Bremen. Sollte es überhaupt der Fall sein, dass die Arbeit der Landesregierung in Bremen positiver eingeschätzt wird als bei uns, können wir dies schnell ändern. Herr Böhrnsen und seine Senatoren sind in Bremerhaven immer herzlich willkommen. Dies dürfte dann schnell zu einer anderen Einschätzung führen.

Forsa-Chef Güllner hat den Zwei-Städte-Staat Bremen als "historische Fehlkonstruktion der Amerikaner" bezeichnet. Wäre Bremerhaven besser eine Großstadt in Niedersachsen?

Böhrnsen: Es ist mir schleierhaft, wie ein prominenter Mann, Wissenschaftler dazu, derart unhistorisch argumentieren kann. Die gemeinsame Geschichte von Bremen und Bremerhaven reicht bis ins Jahr 1827 zurück. In Wahrheit waren es die Nazis, die mit ihrem Zentralismus diese Verbindung für zwölf Jahre zerschlagen haben. Die Bremerhavener wissen sehr genau: Die gesamte Entwicklung der vergangenen Jahre hat sehr viel damit zu tun, dass wir ein eigenes Bundesland sind und selbstbestimmt den Weg gehen können, den wir für richtig halten.

Grantz: Das sieht Manfred Güllner völlig falsch. Die Unterweserregion wäre ohne das Bundesland Bremen bedeutungsloser. Würde Bremerhaven zu Niedersachsen gehören, würde sich die Randlage der Stadt in der Großregion verstärken. Ohne Bremerhaven gäbe es jedoch eindeutig auch kein Bundesland Bremen.

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