Schacht Konrad

Breite Proteste gegen Pläne für Atommülllager

Wie ein Wahrzeichen ragt der alte Förderturm von Schacht Konrad aus dem flachen Land bei Salzgitter. Anderthalb Jahrzehnte förderten Bergleute in der Grube Eisenerz. Seit acht Jahren wird Schacht Konrad zum Atommüllendlager umgebaut.
30.04.2015, 00:00
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Von Reimar Paul

Wie ein Wahrzeichen ragt der alte Förderturm von Schacht Konrad aus dem flachen Land bei Salzgitter. Anderthalb Jahrzehnte förderten Bergleute in der nach dem früheren Reichstagsabgeordneten und Vorstandsvorsitzenden der Salzgitter AG, Konrad Ende, benannten Grube Eisenerz, bis sie Anfang der 1970er-Jahre wegen Unrentabilität geschlossen wurde. Der Bund erwarb das Bergwerk und ließ es von 1975 an als mögliche Lagerstätte für radioaktive Abfälle untersuchen. Seit acht Jahren wird Schacht Konrad zum Atommüllendlager umgebaut.

Die meisten Menschen in Salzgitter und der Region waren von Anfang an gegen das Vorhaben. Bürgerinitiativen sammelten rund 300 000 Einsprüche, über die bei einem Erörterungstermin verhandelt wurde. Die Stadt Salzgitter und mehrere Umlandgemeinden, die evangelische Kirche und ein Landwirt erhoben Klagen – Gerichte wiesen sie sämtlich ab.

Schacht Konrad, darauf verweisen seine Befürworter, ist das einzige Endlager in Deutschland, das nach dem Atomrecht genehmigt wurde. Diese Genehmigung umfasst bis zu 303 000 Kubikmeter schwach und mittelradioaktive Abfälle – Müll aus Atomkraftwerken und anderen kerntechnischen Anlagen, zu kleineren Teilen aus der Forschung und der Medizin. Der Bund hatte berechnet, dass das Volumen der strahlenden Rückstände eben jene 303 000 Kubikmeter nicht übersteigt.

Seit Ende 2014 ist diese Kalkulation hinfällig. Denn im Entwurf zum „Nationalen Entsorgungsprogramm“ – jedes EU-Land mit Atomkraftwerken muss ein solches „NaPro“ bis zum Spätsommer nach Brüssel melden – geht die Bundesregierung davon aus, dass rund 600 000 Kubikmeter Atommüll dieser Kategorie anfallen könnten. Die plötzliche Verdopplung erklärt die Regierung so, dass erstmals auch die aus dem maroden Bergwerk Asse zu bergenden Fässer sowie abgereichertes Uran in die Bilanz einflossen – zuvor hatte der Bund den radioaktiven Uranmüll als „Wertstoff“ deklariert. Die Regierung erwägt nun, Schacht Konrad entsprechend zu vergrößern. Für die Stadt Salzgitter und ihre Bündnispartner im Konrad-Widerstand ist das Maß damit voll. Zur ersten Demonstration gegen die Erweiterungspläne kamen am 26. März mehr als tausend Menschen.

Die Atmosphäre erinnerte an Gorleben. Mehr als 20 mit Protestplakaten geschmückte Traktoren waren aufgefahren. IG-Metaller in orangen Warnwesten bliesen in Trillerpfeifen. Vom Lautsprecherwagen schallte Samba-Musik. Salzgitters Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU) bekräftigte die Position der Stadt: „Wir wollen Schacht Konrad nicht, und eine Erweiterung von Schacht Konrad wollen wir schon gar nicht. Das gilt für die ganze Stadt und die ganze Region.“ Klingebiel beklagte auch mangelnde Transparenz bei den Entscheidungen in der Atompolitik. „Viele Menschen haben den Eindruck, dass wir gegen eine Wand laufen.“

An diesem Donnerstag stellt die Stadt eine Einwendungskampagne gegen die Erweiterungspläne vor. Klingebiel hat gemeinsam mit dem Landvolk, der IG Metall und der atomkraftkritischen Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad eine ablehnende Stellungnahme zum „NaPro“ erarbeitet; möglichst viele Einwohner sollen sie bis Ende Mai unterschreiben.

Das Protest-Bündnis ist in Deutschland einmalig. Vor allem, dass Gewerkschafter entschieden gegen eine Atomanlage kämpfen, ist alles andere als selbstverständlich. Oft standen sich Arbeitnehmerorganisationen und Atomkraftgegner unversöhnlich gegenüber, demonstrierten Gewerkschafter für und Bürgerinitiativen gegen Kernenergie. Bei Parteitagen der Grünen setzten sich aufgebrachte AKW-Beschäftigte, die um den Verlust ihrer Jobs fürchteten, für einen längeren Betrieb der Reaktoren ein. Das Arbeitsplatzargument hat zuletzt allerdings an Überzeugungskraft verloren. Laut einer Greenpeace-Studie würden selbst bei einer kurzfristigen Abschaltung aller noch laufenden Atomkraftwerke kaum Stellen verloren gehen.

In der Industrieregion Salzgitter halten viele Gewerkschafter die Inbetriebnahme von Schacht Konrad für „strukturpolitisch unverantwortlich“. Ausdrücklich warnt die IG Metall aber auch vor Gesundheitsgefährdungen durch radioaktive Strahlung und vor der Gefahr schwerer Unfälle bei den Transporten nach Salzgitter. Schon vor 15 Jahren startete die Gewerkschaft eine Spendenkampagne, um Klagen gegen das Endlager finanziell abzusichern. Während eines Aktionstages gegen Schacht Konrad im Frühjahr 2000 legten Tausende Stahl- und Metallarbeiter aus der Region sogar für Stunden die Arbeit nieder. Angesichts der neuen Pläne zeigt die Gewerkschaft Kampfbereitschaft. „Es ist höchste Zeit, dieses unsinnige und gefährliche Projekt zu stoppen“, erklärten die Metaller.

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