Ärztekammer fordert bessere Versorgung Bremen baut Ärzte-Netz für Flüchtlinge aus

Die Bundesärztekammer fordert, eine bessere ärztliche Versorgung von Flüchtlingen zu organisieren. Die Menschen müssten so schnell wie möglich von niedergelassenen Ärzten versorgt werden können.
31.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremen baut Ärzte-Netz für Flüchtlinge aus
Von Sabine Doll

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, fordert, eine bessere ärztliche Versorgung von Flüchtlingen zu organisieren. Neben den Erstuntersuchungen nach der Ankunft müssten die Menschen so schnell wie möglich von niedergelassenen Ärzten versorgt werden können.

Viele litten an Erkrankungen, die dringend weiterbehandelt werden müssten. Dies seien zum Beispiel auch gefährliche Erkrankungen wie Tuberkulose. Der Ärztepräsident kritisiert, dass es angesichts der hohen Zahl an Flüchtlingen derzeit keine ausreichende ärztliche Versorgung gebe.

Bremen organisiert Netz für ambulante Versorgung

Bremen hat nach Informationen des WESER-KURIER gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung ein Netz an niedergelassenen Ärzten organisiert, das die ambulante Versorgung sicherstelle. „Dabei handelt es sich um rund 20 Hausärzte im gesamten Stadtgebiet, die neben dem regulären Betrieb Termine anbieten“, sagt Martin Götz, Abteilungsleiter in der Gesundheitsbehörde. „Und wir sind gerade dabei, ein weiteres Netz mit Zahnärzten aufzubauen.“ Solche Netze sollen verhindern, dass stundenlang telefoniert werden müsse, um einen Termin zu bekommen.

Geplant sei auch, die Krankenhäuser künftig in die Erstuntersuchungen einzubinden. „Ganz konkret betrifft dies Röntgen-Untersuchungen, um eine mögliche Lungentuberkulose festzustellen“, so Götz. Die Untersuchungen würden derzeit von einer Praxis übernommen, angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen stoße diese aber an Grenzen.

Mehr Personal fürs Gesundheitsamt

Auch das Personal im Gesundheitsamt soll nach Angaben des Abteilungsleiters aufgestockt werden. In der vergangenen Woche gab es einen entsprechenden Senatsbeschluss, wonach die einzelnen Ressorts ihren Bedarf an zusätzlichem Personal melden können.

Bremen wird nach Auskunft der Sozialbehörde in diesem Jahr mindestens 6700 Erwachsene und Kinder aufnehmen. Hinzu kämen rund 2000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Nach der Erstaufnahme werden sie laut Götz innerhalb von wenigen Tagen nach der Ankunft ärztlich untersucht. „Dies umfasst eine körperliche Untersuchung inklusive Zahnstatus sowie einen Seh- und Hörtest. Auch der Impfstatus wird erhoben. Fehlen Impfungen oder ist der Status nicht klar, wird nachgeimpft.“

Bisher gelte das für Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln. Dies soll laut Götz unter anderem auf Kinderlähmung und Keuchhusten erweitert werden. Die Röntgen-Untersuchung zur Diagnose von Lungentuberkulose gilt für alle ab dem 15. Lebensjahr. Dies sei durch das Infektionsschutzgesetz geregelt.

Vier Fälle von offener Tuberkulose

Nach Auskunft der Gesundheitsbehörde wurde in diesem Jahr bei drei Erwachsenen und einem unbegleiteten minderjährigen Jugendlichen eine offene Tuberkulose festgestellt. Offen bedeutet dabei, dass die Patienten infektiös sind. In diesem Fall würden sie zunächst in einem Krankenhaus behandelt, bis keine Ansteckungsgefahr mehr bestehe. Im Anschluss folge eine mehrmonatige Weiterbehandlung mit Antibiotika.

Die Patienten müssen täglich mehrere Tabletten einnehmen, damit die Krankheit nicht erneut ausbricht. Götz: „Diese ambulante Therapie wird durch niedergelassene Lungenfachärzte sichergestellt. Patienten, die als zuverlässig eingestuft werden, nehmen ihre Medikamente eigenverantwortlich ein.“ Eine überwachte Medikamenteneinnahme sei bei unzuverlässigen oder minderjährigen Patienten über einen ambulanten Pflegedienst, Betreuer oder Angehörige angezeigt.

Ehrenamtliche Begleitung

Susanne S., die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat diese Medikamentenabgabe bei einem erwachsenen Tuberkulose-Patienten ehrenamtlich übernommen. Sie fordert, dass jeder Patient bei der ambulanten Weiterbehandlung auf diese Weise begleitet werden müsste. „Die Deutschkenntnisse reichen definitiv nicht aus, damit die Patienten Therapie, Dosierung und Rezepte verstehen können“, sagt sie. „Das muss unbedingt besser geregelt werden und gilt auch für andere chronische Erkrankungen, die kontinuierlich behandelt werden müssen.“

In Bremen erhalten Asylbewerber für die ersten 15 Monate eine Gesundheitskarte von der AOK Bremen/Bremerhaven. Damit können sie direkt zu einem Arzt gehen und müssen nicht vorher beim Sozialamt einen Antrag für eine medizinische Behandlung stellen. Bremen war das erste Bundesland, das diese Karte eingeführt hat. Hamburg hat das „Bremer Modell“ bereits übernommen, als erstes Flächenland wird Nordrhein-Westfalen ab dem 1. Januar 2016 die Karte ebenfalls einführen.

„Das Modell ist sehr gut, allerdings dauert es zurzeit zu lange, bis die Asylbewerber die Karte auch tatsächlich bekommen“, sagt Holger Dieckmann von der Inneren Mission. Sie muss in den Sozialzentren beantragt werden. Bis die Anträge bearbeitet seien und die Gesundheitskarte ausgegeben werde, vergingen häufig mehrere Wochen.

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