Kein Machtwechsel seit 60 Jahren Bremen ist ein Wahl-Phänomen

Bremen. Nach der Landtagswahl in NRW steht der sechste Machtwechsel bevor. In Niedersachsen musste nach einer Landtagswahl fünf Mal die Regierung gehen. Nur in Bremen regiert seit über 60 Jahren die gleiche Partei. Wie kommt das?
10.05.2010, 11:59
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Ronja Bomhoff

Bremen. Nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ist noch offen, in welcher Parteien-Konstellation das bevölkerungsreichste Bundesland zukünftig regiert wird. Nur eins ist bisher sicher: Die schwarz-gelbe Koalition, die in den vergangenen fünf Jahren regierte, wurde abgestraft.

Damit bestimmten die Wähler seit dem Zweiten Weltkrieg den sechsten Machtwechsel in Nordrhein-Westfalen. Erst nach der Landtagswahl 2005 hatte Jürgen Rüttgers (CDU) Peer Steinbrück (SPD) in Düsseldorf abgelöst. Nach dem sechsten Machtwechsel sind NRW und Berlin nun die Bundesländer, in denen die Wähler am häufigsten einen Regierungswechsel herbeiführten.

Insgesamt mussten seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als 40 Regierungen auf Bundes- und Landesebene gehen. Allein fünf davon in Niedersachsen. Es ist damit das Bundesland mit den dritthäufigsten Regierungswechseln nach einer Landtagswahl. Zuletzt löste Christian Wulff (CDU) mit einem schwarz-gelben Kabinett die SPD-Alleinregierung von Sigmar Gabriel ab.

In Bremen hingegen regiert seit Kriegsende die SPD. Die Hansestadt ist das einzige westdeutsche Bundesland, in dem die Regierungspartei seit über 60 Jahren noch nie abgelöst wurde.

„Bremen ist eine Ausnahme. Nur hier ist es der SPD gelungen, zu einer dominanten, hegemonialen Partei zu werden“, sagt Lothar Probst, Professor für Politikwissenschaften an der Bremer Universität. Tatsächlich kam die SPD bei der vergangenen Bundestagswahl im September 2009 nur in Bremen über 30 Prozent der Wählerstimmen.

„Die Stadtstaatenstruktur, die protestantische Prägung und Bremen als Industriestandort haben die starke Stellung der SPD mit bewirkt“, so Lothar Probst. „Als in den sechziger und siebziger Jahren der Dienstleistungssektor immer größer wurde, hat die SPD überall mitgemischt und die Wähler aufgefangen.“ So seien die Sozialdemokraten auch am Aufbau der Uni beteiligt gewesen und hätten sich in der Bevölkerung verankert.

Ganz anders sei es in Niedersachsen, erklärt der Politikwissenschaftler. „Niedersachsen ist natürlich viel größer. Es gibt viele ländliche Gegenden, aber auch einige Städte. Hinzu kommt, dass viele Protestanten, aber auch Katholiken in Niedersachsen leben.“ So seien sowohl typische CDU- als auch SPD-Wähler in Niedersachsen vertreten. Regierungswechsel seien so vorprogrammiert.

Doch nicht nur die Zusammensetzung der Wählerschaft bestimme die SPD-Vormachtstellung in Bremen. Laut Lothar Probst hat die Verankerung der Partei auch etwas mit der Arbeit von drei Politikern zu tun: „Wilhelm Kaisen, Hans Koschnick und Henning Scherf sind prägende Bremer Persönlichkeiten gewesen. Sie haben es geschafft, große Teile der Wählerschaft an die SPD zu binden.“

Obwohl es in Deutschland mittlerweile ein Fünf-Parteien-System gibt und die Wähler flexibler geworden sind, wird die SPD ihre Vormachtstellung in Bremen wohl auch in den nächsten Jahren nicht verlieren. „Die Anhängerschaft der großen Volksparteien sinkt. Solange der Abstand zwischen der SPD und CDU aber gleich bleibt, ist die SPD in Bremen nicht in Gefahr.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+