Nach Anschlägen in Frankreich Bremen setzt ein Zeichen der Solidarität

Am Eingang stehen Kerzen, Grablichter, jemand hat auch Blumen gebracht. Es ist das Bremer Institut français an der Contrescarpe, das so bedacht wird. Blumen und Kerzen, das sagt schon genug in diesen Tagen des Terrors in Paris.
10.01.2015, 00:00
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Bremen setzt ein Zeichen der Solidarität
Von Jürgen Hinrichs

Am Eingang stehen Kerzen, Grablichter, jemand hat auch Blumen gebracht. Es ist das Bremer Institut français an der Contrescarpe, das so bedacht wird. Blumen und Kerzen, das sagt schon genug in diesen Tagen des Terrors in Paris. Die zwölf Toten beim Anschlag auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“, weitere Opfer gestern bei einer Geiselnahme, die möglicherweise den gleichen Zusammenhang gehabt hat – Frankreich steht unter Schock, und die Franzosen in Bremen schauen mit Bestürzung, aber auch mit Solidarität auf ihre Heimat.

„Charlie wird nicht sterben. Ein Dank an die Journalisten, die uns zum Lachen gebracht haben. Sie werden uns fehlen“, schreibt eine Claire ins Kondolenzbuch, das im Institut français ausgelegt ist. Claire lebt in Bremen, wie sie in ihren Zeilen erwähnt, „in Gedanken bin ich aber in Paris“. Es gibt andere Einträge, die meisten in französischer Sprache, von Barbarei ist die Rede, und dass die Freiheit trotzdem siegen wird.

Philippe Wellnitz, Direktor des Instituts, hat sich bei der Bevölkerung in Bremen und bei der Bremischen Bürgerschaft für die zahlreichen Solidaritätsbekundungen bedankt. Er ist gerade in Frankreich, in seiner Heimat in Montpellier. Am Telefon schildert Wellnitz seine Eindrücke von dort: „Die Menschen begreifen den Anschlag nicht nur als Angriff auf unschuldige Menschen und auf die Pressefreiheit“, sagt der Institutsleiter, „es ist mehr für sie, ein Angriff auf das ganze Land.“

Überall in den Geschäften und auch in vielen Privathäusern in Montpellier werde mit Plakaten Solidarität bekundet: „Je suis Charlie“. Ein Bekenntnis, das Anteilnahme ausdrücken solle, aber auch den Willen, sich mit der Meinungsfreiheit nicht den wesentlichen Baustein von Demokratie zerstören zu lassen.

Liberté, Égalité, Fraternité – es ist ein Mitarbeiter des Institut français, der mit diesen Worten seine kurze Rede beendet. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Losung der französischen Republik. Der junge Mann spricht im Festsaal der Bremischen Bürgerschaft. Hunderte sind gekommen, um ihre Wut, Trauer und Solidarität mit anderen Menschen zu teilen. Während sie das tun, genau in der Stunde, schlägt die Polizei in Frankreich zu, tötet die beiden mutmaßlichen Attentäter und beendet eine zweite Geiselnahme. Die Menschen im Saal wissen noch nichts davon, sie sind ohnehin mit anderen Gedanken beschäftigt.

Ein sichtlich betroffener Bürgerschaftspräsident bittet um eine Schweigeminute. Viele Menschen halten währenddessen Plakate hoch: „Je suis Charlie“. Dann spricht Christian Weber von seinen Gefühlen. Dass er nicht wisse, ob sich nach dem Anschlag vom 7. Januar die Welt verändert habe, dass die Tat bei ihm aber etwas hinterlassen habe wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA: „Das verletzt unsere Seelen, unsere Würde als Menschen.“

Der Präsident wertet die Ereignisse in Frankreich als „Generalangriff auf die Demokratie und unser Wertesystem“. Er sagt: „Wir sind an einem Punkt angelangt, wo es reicht, wirklich reicht.“ Den Opfern schulde man jetzt am allermeisten, offen und liberal zu bleiben. „Wir werden nicht zulassen, dass die barbarischen Taten für eine andere Politik instrumentalisiert und missbraucht werden.“

Es ist eine bewegende Veranstaltung. Mehr und mehr kommen jetzt Menschen aus der Menge ans Mikrofon: Eine junge Muslimin, die klarmacht, dass sie die Richtung von „Charlie Hebdo“ nicht mag, den Anschlag auf das Magazin und seine Redaktion aber natürlich verurteile, er sei durch nichts zu rechtfertigen: „Terror ist nie der richtige Weg.“ Eine Französin, die wie Weber Parallelen zum 11. September 2001 sieht. Eine deutsche Künstlerin, die von der Freiheit der Fantasie spricht, dass sie nicht eingeschränkt werden dürfe.

Und ein Muslim aus der Türkei schließlich, der lange schon in Bremen lebt, er bekommt den stärksten Applaus. „Das ist nicht der Islam, das sind nicht Muslime, die so etwas tun“, sagt er, „das sind abscheuliche Verbrecher.“ Der Mann zitiert aus dem Koran, bevor die Veranstaltung zu Ende geht: „Wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Menschheit.“

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