Sechs Verbände suchen Dialog mit Politik Bremens ländlicher Rand bekommt Lobby

Das Blockland, Strom, Werderland - der grüne Rand macht in Bremen eine große Fläche aus. Damit die Interessen der Bewohner stärker vertreten werden, hat sich das Netzwerk "Grüne Region Bremen" gegründet.
26.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bremens ländlicher Rand bekommt Lobby
Von Jürgen Theiner

Das Blockland, Strom, Werderland - der grüne Rand macht in Bremen eine große Fläche aus. Damit die Interessen der Bewohner stärker vertreten werden, hat sich das Netzwerk "Grüne Region Bremen" gegründet.

Die Großstadt Bremen steckt in einem engen Korsett. Wohnbebauung und Gewerbe bedecken einen Großteil der Fläche. Aber eben nur einen Teil. Es gibt auch einen grünen Saum – im Blockland zum Beispiel, in Strom und Seehausen, im Werderland. Dieser ländliche Raum ist nicht mehr unberührt und urwüchsig, sondern eine Kulturlandschaft.

Als Anwalt dieser vom Menschen geprägten und genutzten Natur versteht sich das Netzwerk „Grüne Region Bremen“, zu dem sich jetzt sechs Verbände zusammengeschlossen haben. Landesjägerschaft, Imkerverein, Landwirtschaftsverband, Landesfischereiverband sowie Landfrauen und Landjugend vertreten in Bremen insgesamt rund 7000 Mitglieder. Mithilfe des Netzwerks wollen sie ihre Interessen künftig in Politik und Gesellschaft stärker zur Geltung bringen.

Landwirte kritisieren Pläne für Bremer Naturräume

Dass sie bei der Lobby-Arbeit Nachholbedarf haben, ist den Akteuren zuletzt schmerzlich bewusst geworden, als das Landschaftsprogramm für die Stadtgemeinde überarbeitet wurde. Die 2015 vom Parlament beschlossene Entwicklungsperspektive für die Bremer Naturräume ist aus Sicht der Landwirte sehr stark ökologisch geprägt. Die Interessen des Agrarsektors kämen dort weniger zur Geltung. „Dabei wollen wir eigentlich gar keinen Gegensatz konstruieren. Mit den Naturschützern eint uns die Einsicht, dass wir alle nur mit unserer Kulturlandschaft leben können und nicht dagegen“, sagt Frank Imhoff (Bremer Landwirtschaftsverband), der für die CDU in der Bürgerschaft sitzt.

Auch Marcus Henke vom Vorstand der Landesjägerschaft sieht das neue Netzwerk keineswegs als Gegengewicht zu Naturschutzgruppen wie BUND oder Nabu. So engagiere sich die Jägerschaft beispielsweise in Artenschutzprojekten und in der Naturpädagogik. Den Unterschied zu den ökologischen Gruppen sieht Fischerei-Vizepräsident Rolf Libertin darin, „dass wir nicht nur Schützer der Natur sind, sondern eben auch Nutzer“. Daraus ergäben sich gelegentliche Meinungsunterschiede bei Themen, die den ländlichen Raum berühren. Grundsätzlich strebe das neue Netzwerk aber eine Kooperation mit Naturschutz-Initiativen auf möglichst vielen Gebieten an.

Von der Politik wünscht sich die „Grüne Region Bremen“ vor allem eins: „Man muss die Dinge zu Ende denken“, so Marcus Henke. Gemeint ist eine Folgenabschätzung bei Gesetzen und Verwaltungsakten, die den ländlichen Raum betreffen. Der Landwirtschaftsverband hatte dies bereits in der Vergangenheit immer wieder angemahnt. Beispiel: Wenn Bauern wegen stetig verschärfter Naturschutzauflagen Ackerflächen stilllegen, könne dort kein Futter für die Viehhaltung mehr angebaut werden. Im Ergebnis müsse der betroffene Landwirt Futtermittel zukaufen und erzeuge dadurch zusätzliche Lieferverkehre, die den eigentlich beabsichtigten Umweltschutz konterkarieren.

Netzwerk ist "bundesweit einzigartig"

Tagespolitische Forderungen erhebt die „Grüne Region Bremen“ noch nicht. Fürs Erste beschränkt sich der Zusammenschluss der sechs Verbände auf seine schriftlich fixierten Grundsätze, die am Montag von den Vertretern der sechs beteiligten Organisationen unterzeichnet wurden. Ganz obenan steht die Forderung nach „Sicherung unserer Kulturlandschaft“ und ihrer biologischen Vielfalt. Ein Selbstgänger, den man nicht eigens betonen muss? Doch, findet Marcus Henke. Artenvielfalt und rigide Vorstellungen von Naturschutz könnten nämlich durchaus miteinander kollidieren. „Wenn man das Blockland einfach sich selbst überlassen würde und dort keine Bewirtschaftung mehr stattfände, wäre diese Landschaft nach einiger Zeit völlig mit Büschen überzogen, und die Artenvielfalt wäre geringer“, sagt Jäger Henke.

Als weitere Anliegen werden in den Grundsätzen unter anderem die Förderung des Ehrenamtes im ländlichen Raum und die „Beachtung der Wichtigkeit des ländlichen Wirtschaftsraums“ genannt. „Unsere ländlichen Strukturen tragen auch zu einer gesellschaftlichen Stabilität bei, gerade in einer Zeit, in der so vieles im Umbruch ist“, findet Marcus Henke.

Dass es in Einzelfragen zwischen den sechs angeschlossenen Institutionen durchaus auch Differenzen geben kann, ist den Initiatoren des Netzwerks bewusst. So können beispielsweise Imker kein Interesse an Monokulturen im Ackerbau haben. Die „Grüne Region Bremen“ sieht sich deshalb auch nicht als Dachverband, der meinungsbildend in seine Mitgliedsvereine hineinwirkt. Wohl aber als gemeinsame Plattform, die dem ländlichen Raum eine stärkere Stimme verschafft. „In dieser Form sind wir bundesweit wohl einzigartig“, glaubt Marcus Henke. Und Rolf Libertin ergänzt: „Gemeinsam haben wir einfach mehr Gewicht.“ Anders gesagt: Die Anwälte der Kulturlandschaft wollen von der Bremer Politik ernst genommen werden. Ernster als bisher.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+