Streit um Beschneidung

Bremer Kinderarzt rügt Politiker

Bremen. Kindeswohl, Religionsfreiheit, Strafbarkeit - das Thema Beschneidung wird kontrovers diskutiert. Elke Hoesmann sprach darüber mit Stefan Trapp, dem Vorsitzenden des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Bremen.
12.08.2012, 05:00
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Bremer Kinderarzt rügt Politiker

Beschneidungsbesteck auf einem hebräischen Alten Testament. Seit Wochen wird heftig über die rituelle Beschneidung von Jungen gestritten. Die Politik strebt eine rasche Lösung an.

Dpa

Bremen. Das Landgericht Köln hat die religiöse Beschneidung von Jungen für rechtswidrig und strafbar erklärt. Obwohl das Urteil andere Gerichte nicht bindet, bieten auch Bremer Mediziner diesen Eingriff kaum noch an. Elke Hoesmann fragte Stefan Trapp, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Bremen, wie er die rituelle Vorhautentfernung beurteilt.

Wie wirkt sich das Kölner Urteil in Bremen aus? Übernehmen Mediziner noch religiös begründete Beschneidungen?

Stefan Trapp: Derzeit wird wahrscheinlich kein Arzt in Bremen eine rituelle Beschneidung vornehmen, weil nicht klar ist, welches juristische Risiko er damit eingeht. Die kassenärztliche Vereinigung Bremen hat ihr Informationsmaterial zur Beschneidung aus dem Netz genommen – mit der Begründung, dass der Inhalt durch das Urteil überholt sei. Alle wollen wohl abwarten, bis die Rechtslage geklärt ist. Aber natürlich werden weiter medizinisch notwendige Beschneidungen vorgenommen.

Der Präsident Ihres Berufsverbandes wirft der Politik vor, sie stelle den Rechtsfrieden über das Kindeswohl. Ist das nicht übertrieben?

Es war schon überraschend, wie rasch eine Mehrheit des Bundestages beschlossen hat, bis zum Herbst solle die Regierung per Gesetz die religiöse Beschneidung für zulässig erklären. Da wurde unter dem Druck von Religionsgemeinschaften das Kindeswohl vom Tisch gewischt. So einfach darf man es sich nicht machen, damit wird das Problem bagatellisiert. Die Vorhaut-Entfernung ist irreversibel und ein Eingriff in die erotische Erlebnisfähigkeit eines Jungen. Deshalb muss sorgfältig abgewogen werden: Kann das Recht auf freie Ausübung der Religion durch das Recht auf körperliche Unversehrtheit begrenzt werden? Wäre es eine zumutbare Einschränkung von Grundrechten der Eltern, wenn das Kind im mündigen Alter selbst über den Eingriff entscheidet?

Bei anderen körperlichen Eingriffen entscheiden doch auch Eltern für ihre Kinder, bei Impfungen etwa und bei Operationen.

Die Impfung ist ein Eingriff, um weitaus größere Gefahren abzuwehren. Kinder werden geimpft, damit Erkrankungen wie Keuchhusten oder Hirnhautentzündung, die überwiegend in den ersten Lebensjahren auftreten, vermieden werden. Da kann man nicht warten, bis sie 16 sind. Das gilt natürlich auch für körperliche Eingriffe aufgrund von Krankheiten. Die rituelle Beschneidung ist jedoch prinzipiell aufschiebbar.

Beschneidungsbefürworter sprechen von einem harmlosen Eingriff; es werde nur ein winziges Stückchen Haut entfernt.

Die Vorhaut ist nicht gefühllos, sondern eine hochsensible erogene Zone. Sollten die Jungen nicht selbst entscheiden dürfen, ob sie darauf verzichten wollen oder nicht? Vollkommen harmlos ist der Eingriff auch nicht. Studien belegen, dass beschnittene Säuglinge in den Monaten nach dem Eingriff empfindlicher auf Schmerzen reagieren als andere. Auf jeden Fall wirkt das frühe Schmerzerlebnis traumatisierend. Ein kleines Kind versteht ja nicht, was mit ihm passiert. Unter Umständen wird sogar auf Schmerzbetäubung verzichtet und dies damit gerechtfertigt, ein Säugling empfinde noch keinen Schmerz. Das ist wissenschaftlich widerlegt; ich halte das für eine Verdrängung.

Ihre Kritik kommt spät. Jahrzehntelang wurden religiöse Beschneidungen in Deutschland gebilligt und durchgeführt, ohne dass Kinder- und Jugendärzte irgendwelche Bedenken äußerten.

In Bremen haben wir Ärzte schon vor drei Jahren darüber debattiert, welche Beschneidungen medizinisch notwendig sind und welche nicht. Dabei haben wir aber die Frage bewusst ausgeklammert, ob die Vorhaut-Entfernung als strafbare Körperverletzung anzusehen ist. Als Ärzte können wir diese politische, gesellschaftliche und juristische Entscheidung nicht fällen. Vielleicht haben wir uns da ein bisschen gedrückt, aber man sieht ja jetzt am Verlauf der Debatte, welche tiefen Gräben dabei aufgerissen werden.

Wie oft kommt es zu Komplikationen nach einer Beschneidung?

Die häufigsten Komplikationen sind Nachblutungen, die in der Regel gut zu beherrschen sind. Die wissenschaftliche Literatur geht davon aus, dass es bei zwei bis zehn Prozent der Eingriffe zu Komplikationen kommt, wobei schwere Komplikationen extrem selten sind. Über Todesfälle nach Beschneidungen gibt es unterschiedliche Quellenangaben. Eine besagt, dass in den USA jährlich mit 117 Todesfällen bei beschnittenen Neugeborenen zu rechnen sei. Das würde bedeuten, dass über ein Prozent der Todesfälle bei Jungen in der Altersgruppe unter einem Jahr auf Komplikationen nach dem Eingriff zurückzuführen wäre. Ob das stimmt, kann ich nicht überprüfen.

Inzwischen wird muslimischen und jüdischen Eltern vorgeworfen, ihnen sei ein religiöser Ritus wichtiger als das Wohl ihrer Kinder. Wie sehen Sie das?

Ich will niemandem unterstellen, dass er seinem Kind mutwillig Schaden zufügt. Ich bin sicher, dass muslimische und jüdische Eltern das nicht tun, sondern den Eingriff aus bestem Wissen und Gewissen vornehmen lassen. Es steht mir nicht zu, darüber ein moralisches Urteil zu fällen. Trotzdem muss man sich fragen, warum Politik und Gesellschaft nicht entscheiden sollten, dass ein Kind selbst über seine Beschneidung bestimmt. Damit wäre auch keine moralische Wertung verbunden.

Schweden reglementiert religiöse Beschneidungen mit strengen Auflagen – ein Modell auch für Deutschland?

Das muss die Politik entscheiden. In Schweden dürfen rituelle Beschneidungen nur in Kliniken und unter Schmerzbetäubung vorgenommen werden. Das wäre unter Umständen ein Kompromiss, auf den man sich auch hier verständigen könnte. Damit wird aber nicht die Frage geklärt, ob Eltern die Entscheidung für ihr Kind treffen dürfen. Und darüber muss die Gesellschaft debattieren.

Eine breite gesellschaftliche Debatte, wie Sie sie fordern, macht eine schnelle juristische Lösung unmöglich. Juden und Muslime wollen aber rasche Rechtssicherheit und die Ärzte doch auch?

Wir dürfen jetzt nicht leichtfertig unter dem Druck von Religionsgemeinschaften zuungunsten des Kindeswohls entscheiden. Ich bin kein Jurist, aber vielleicht wäre es möglich, einen Rechtsrahmen für eine Art Moratorium zu schaffen, in dem man den Eingriff straffrei lässt, aber genug Raum für eine gesellschaftliche Debatte bietet.

Sollten rituelle Beschneidungen verboten werden?

Wir wollen als Ärzte gar nicht auf ein Verbot hinwirken. Wir fordern nur, dass sich die Politik Zeit nimmt, um eine so schwerwiegende Frage zu klären. Sie hat enorme gesellschaftliche Sprengkraft, weil es auch um kulturelle Identität und die Verletztheit religiöser Gefühle geht. Und dies kann man nicht mit juristischen Tatbeständen und akademischen Hinweisen auf das Kindeswohl beiseite schieben. Deshalb plädieren wir für eine unaufgeregte Debatte in einem angemessenen Zeitrahmen.

Zur Person

Stefan Trapp, geboren 1964, ist Obmann der Bremer Kinder- und Jugendärzte und Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Er gehört auch der städtischen Gesundheitsdeputation an.

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