Aktion "Jugend und Parlament" im Bundestag

Bremer Schüler lernen politische Arbeit kennen

Berlin. Vier Tage lang haben mehr als 300 Jugendliche im Bundestag Parlamentarier gespielt. Mit dabei waren auch die Bremer Schüler Sercan Alkaya und Philipp Postulka. Das Ergebnis: Der Atomausstieg ist längst beschlossen.
09.06.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Christian Palm
Bremer Schüler lernen politische Arbeit kennen

Die beiden Bremer Philipp Postulka (l.) und Sercan Alkaya im Reichstagsgebäude in Berlin. Die Schüler nehmen am viertägi

Müller

Berlin. Vier Tage lang haben mehr als 300 Jugendliche im Bundestag Parlamentarier gespielt. Mit von der Partie waren auch die Bremer Schüler Sercan Alkaya und Philipp Postulka - der eine in der Rolle eines liberalen, der andere in der eines sozialdemokratischen Abgeordneten. Politisches Talent haben sie beide.

Manchmal klingt Sercan Alkaya wie ein echter Politiker. Zum Beispiel, wenn er sagt: "Ich bin zuversichtlich, dass wir einen Kompromiss finden werden." Oder: "Ich freue mich, dass Herr Sieling mir das Vertrauen geschenkt hat." Der Bremer SPD-Bundestagsabgeordnete Carsten Sieling hatte den 17-jährigen Schüler aus Bremen-Nord nach Berlin eingeladen. Mit rund 300 anderen Schülern nahm er an dem Planspiel "Jugend und Parlament" teil. Vier Tage lang diskutierten sie über Gesetzentwürfe und stimmten dann darüber ab. Was ihre Entscheidungsfreudigkeit angeht, haben die Planspieler den Berufspolitikern einiges voraus: Der Atomausstieg ist längst beschlossen.

Im Zentrum der Macht

Mit den Stimmen der fiktiven konservativ-liberalen Regierungsfraktionen haben sie den Ausstieg auf das Jahr 2025 festgesetzt. Die jungen Redner sprachen vom "Spagat zwischen Ökonomie und Ökologie", der sich nicht anders lösen lasse. Die Opposition erinnerte an den Willen des Volkes und musste sich dafür einen Hang zum "Befriedigungspopulismus" vorwerfen lassen. Gut möglich, dass es am heutigen Donnerstag wieder so kommt, wenn sich der erwachsene Bundestag zum ersten Mal mit den neuen Gesetzentwürfen zum Atomausstieg befassen wird.

Die Hansestädter machten eine gute Figur. Philipp Postulka, ein weiterer der insgesamt vier Bremer, die an dem Planspiel teilnehmen, läuft mittlerweile durch die Gänge das Reichstagsgebäudes, als hätte er nie etwas anderes gemacht. In seinem dunklen Anzug mit weißem Einstecktuch und goldener Krawatte nimmt man ihm den liberalen Abgeordneten, den er zu spielen hatte, sofort ab. Jedem Teilnehmer wurde ein fiktives Rollenprofil zugelost. Postulka, wie Sercan Alkaya 17 Jahre alt, schlüpfte in die Rolle eines 73-jährigen Ex-Unternehmers, der sich vor allem für die Belange von Freiberuflern engagiert. Dabei liebäugelt Postulka persönlich eher damit, der Bremer SPD beizutreten. "Aber hundertprozentig würde ich mich dort auch nicht wohlfühlen", sagt er.

Die Identifikation mit den Rollen ging soweit, dass sich die Jungparlamentarier, denen eine sozialdemokratische Rolle zugewiesen wurde, mit "Genosse" beziehungsweise "Genossin" ansprachen. Eine Frauenquote gab es innerhalb der Fraktion ebenfalls, berichtet Alkaya. Deren Vorsitzender trug zur entscheidenden Debatte stilecht ein knallrotes Hemd und hatte sich den Namen Otto Marx gegeben. Mehr Spielereien erlaubten sich die jungen Abgeordneten aber nicht. Nicht nur beim Thema Atomausstieg diskutierten sie auf hohem Niveau, zuerst in Arbeitsgruppen und Ausschüssen, schließlich im großen Saal des Reichstags unter der Leitung der beiden echten Vizepräsidenten des Bundestags.

Auch beim Thema Wahlrecht ging es hoch her. Leidenschaftlich stritten die jungen Parlamentarier darum, ob - wie in Bremen - demnächst auch bundesweit schon 16-Jährige wählen dürfen. Dafür wäre eine Grundgesetzänderung nötig. Die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit gab es am Ende des Planspiels nicht. Dafür aber jede Menge Erfahrungen und Erkenntnisse für die Teilnehmer.

Eine davon, die Philipp Postulka mitgenommen hat: "Es ging mehr darum, Mehrheiten zu organisieren, als wirklich inhaltlich zu arbeiten." Ihrer Begeisterung für Politik tut dies aber keinen Abbruch. Beide sind erfahrene Polit-Planspieler: Im vergangenen Jahr hatten sie an einer ähnlichen Simulation in der bremischen Bürgerschaft teilgenommen. Im Bundestag erlebten sie nun aber eine andere Dimension von Politik. "Bremer Politik ist dagegen ein Witz", sagt Postulka. "Aber ohne kommunale Politik läuft nichts", unterbricht ihn Sercan Alkaya.

Schularbeiten im Plenum

Ob er irgendwann als echter Politiker ins Reichstagsgebäude zurückkehren wird? So recht kann Sercan Alkaya sich das nicht vorstellen. Er möchte später Jura studieren und für die Staatsanwaltschaft arbeiten. Politik bezeichnet er als sein Hobby. Dabei soll es bleiben. Ein Hintertürchen, und da zeigt sich sein politisches Talent, lässt er sich aber offen. Viele Juristen endeten schließlich doch in der Politik, sagt er. Zunächst warteten aber ganz andere Aufgaben auf ihn. In seinem Reisekoffer fanden sich mehrere Schulbücher. Am Tag nach der großen Parlamentsdebatte hatte er zwei Kursarbeiten zu schreiben.

Zurück zu Hause kann Alkaya wieder auf die steife Berufskleidung verzichten, die er vier Tage an hatte. "Als Juso trage ich sonst nie Anzug", sagt das SPD-Mitglied. Als Staatsanwalt aber schon.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+