Wegen Armenien-Resolution Bremer Türken gehen auf Distanz zur Politik

Nachdem der Bundestag die Verbrechen an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als Völkermord bezeichnete, hagelte es Kritik von türkischen Verbänden. Auch viele Bremer Türken gehen auf Distanz zur Politik.
20.06.2016, 00:48
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Türken gehen auf Distanz zur Politik
Von Carolin Henkenberens

Nachdem der Bundestag die Verbrechen an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als Völkermord bezeichnete, hagelte es Kritik von türkischen Verbänden. Auch viele Bremer Türken gehen auf Distanz zur Politik.

Die türkische Gemeinde in Bremen zeigt sich besorgt und bestürzt über die Gewaltaufrufe gegen türkischstämmige Politiker in Deutschland. „Diese Art der Reaktion verurteilen wir aufs Schärfste“, sagt der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Bremen, Cemal Alper Ergülen. Und sein Kollege Yilmaz Kilic vom Landesverbands Niedersachsen-Bremen der Türkisch-Islamischen Union Ditib ergänzt: „Wir lehnen die Drohungen gegen Politiker strikt ab.“ Damit haben sich erstmals zwei Bremer Verbände in die Debatte um die Armenien-Resolution des Bundestages eingeschaltet.

„Wir müssen zu einer sachlichen Diskussion zurückkommen“, sagt Ergülen. Am Wochenende war der Konflikt zwischen türkischen Vereinen in Deutschland und deutschen Politikern weiter eskaliert. Türkische Verbände kritisieren die Resolution, mit der die Verbrechen an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als Völkermord bezeichnet wurden. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), warf dem Islamverband Ditib vor, vom türkischen Staat beeinflusst zu sein. Der Hamburger Landesverband hatte sie zuvor von einem Fastenbrechen ausgeladen.

„Wir würden keine Person wieder ausladen“, sagt Kilic, dessen Landesverband rund 90 Moscheegemeinden in der Region angehören. Auf die Frage, ob sie einen der elf türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten, die zur Armenien-Resolution zugestimmt haben, einladen würden, sagt Kilic: „Das ist eine andere Frage“. In diesem Jahr habe der Landesverband keine Fastenbrechen-Veranstaltung geplant. Das habe jedoch nichts mit der Resolution zu tun, sondern sei schon im Januar entschieden worden. Einer Einladung des niedersächsischen Ministerpräsidenten Weil, der jährlich alle muslimischen Vereine zum Fastenbrechen einlädt, sei man selbstverständlich gefolgt.

"Die Resolution hat zu einer Entfremdung geführt"

Kilic wehrt sich zudem gegen den Vorwurf, die Ditib sei nicht unabhängig von der türkischen Regierung. „Wir haben natürlich eine theologische Verbindung in die Türkei, aber keine politische.“ Die Imame der Ditib-Moscheen werden in der Türkei ausgebildet und vom türkischen Staat bezahlt.

Die Türkische Gemeinde Bremen sieht eine Gefährdung des harmonischen Zusammenlebens zwischen den 37.000 Bremer mit türkischen Wurzeln und der deutschen Gesellschaft. „Die Resolution hat zu einer Entfremdung geführt, weil die Menschen sie einseitig finden und sich ungerecht behandelt fühlen“, sagt Ergülen, der auch Mitglied im Bundesvorstand der Türkischen Gemeinde ist. Viele Einwanderer fühlten sich nicht mehr politisch repräsentiert. Die türkischen Migranten stellen die größte Einwanderergruppe in Bremen.

„Das Vertrauen der Türken in die Politik ist erstmal erschüttert“, sagt auch Ouguzhan Yazici, CDU-Bürgerschaftsabgeordneter. „Sie sind aufgebracht, auch in Bremen.“ Viele würden sich politisch nicht mehr vertreten fühlen, von keiner Partei. Er wisse sogar von Parteiaustritten in Bremen, sagt Yazici. Vor einigen Tagen hat der deutsch-türkische Unternehmer Remzi Aru aus Berlin erklärt, eine neue Migrantenpartei gründen zu wollen. „Diese Entwicklung besorgt mich sehr.“ Von den türkischen Verbänden und Vereinen erwartet der Bürgerschaftsabgeordnete, dass sie den Dialog aufnehmen. „Ladet die Abgeordneten ein“, fordert er. „Nicht um Selfies zu machen, sondern um kritische Fragen zu stellen.“

Stimmung unter türkischstämmigen Bremern "extrem gereizt"

„Die Vereine und Verbände haben jetzt eine hohe Verantwortung, Dinge anzusprechen und nicht zu dulden“, sagt auch der Grünen-Abgeordnete, Mustafa Öztürk. Der in Bremen geborene Politiker berichtet, er erlebe intensive Debatten unter türkischstämmigen Bremern. Tätlich angegriffen wurde er zwar nicht, doch die verbalen Angriffe seien scharf und laut gewesen. Er beschreibt die Stimmung als extrem gereizt.

Sein Bürgerschaftskollege Cindi Tuncel (Linke) ist kurdischer Abstammung und kritisiert, dass die türkischen Verbände und Vereine komplett zu Erdogan stehen. Über die Kooperation mit der Ditib müsse nachgedacht werden, wenn der Verband die Migranten weiter daran hindere, sich zu integrieren. Mit ihr hat die Landesregierung in Bremen einen Staatsvertrag geschlossen, in Niedersachsen ist er kurz vor Abschluss.

Die Bremer Bildungspolitikerin Sülmez Dogan (Grüne) sieht ein ganz anderes Problem: Viele Einwanderer hätten die Auffassung, dass türkischstämmige Abgeordnete türkische Politik machen müssten. Die Eltern der Bremerhavenerin stammen aus der Türkei. Sie sagt: „Ich sehe mich nicht als Handlangerin des türkischen Präsidenten. Ich bin Bremerin.“

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