Das gemischte Doppel - Ost und West im Dialog

Bremer und Rostocker sprechen über den Einigungsprozess

Bremen. Wie sich Bremen und Rostock nach der Wende entwickelt haben - darüber diskutierten vier Hansestädter mit Bundesinnenminister Thomas de Maiziére. Bei dem Gespräch im Rathaus wurde auch über Werder Bremen und Hansa Rostock gesprochen.
12.08.2010, 00:00
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Von Elke Hoesmann
Bremer und Rostocker sprechen über den Einigungsprozess

Irmhild Düwel, Leiterin eines Rostocker Weiterbildungszentrums, Bundesinnenminister Thomas de Maiziére, Moderatorin Jacq

Frank Thomas Koch

Bremen. Den Begriff 'Fachkräftemangel' mag Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) nicht. Es sei doch eine große Chance für die neue Generation besonders in den östlichen Bundesländern, dass die Zahl der Schulabgänger unter der Zahl der Lehrstellen liege, sagte er am Mittwoch im Bremer Rathaus. Er wolle optimistischer diskutieren. Die Wirtschaft brauche dort künftig jeden Ausbildungswilligen. 'Wir werden sogar Lehrlingsprämien haben.' Anlässlich des 20. Jahrestags der Deutschen Einheit redete de Maizière mit Gesprächspartnern aus Rostock und Bremen über die Entwicklung ihrer Städte.

Die öffentliche Veranstaltung war der zweite Teil einer bundesweiten Reihe mit dem Titel 'Das gemischte Doppel - Ost und West im Dialog'. Das erste Paar - der Bremer Marco Fuchs und die Rostockerin Irmhild Düwel - steht aus Sicht der Veranstalter für neue Stärken der beiden Hansestädte.

Fuchs ist Vorstandsvorsitzender von OHB Technology in Bremen, dem inzwischen drittgrößten europäischen Raumfahrtunternehmen. Irmhild Düwel leitet ein großes Weiterbildungszentrum in Rostock. Sie berichtete, dass sich die Zahl der Schulabgänger in Mecklenburg-Vorpommern seit der Wende von 25000 auf heute 11000 mehr als halbiert habe. Längst könnten nicht mehr alle Ausbildungsplätze besetzt werden. Dabei spiele auch das niedrige Lehrlingsgehalt eine Rolle.

Das Lohngefälle zwischen Ost und West müsse sich ändern, forderte Düwel. Es sei nicht nachvollziehbar, dass etwa eine Altenpflegerin in Rostock weniger verdiene als die in Bremen. 'Das muss sich angleichen.' Nach Ansicht von Marco Fuchs bedeutet der Fachkräftemangel letztlich höhere Löhne. Dazwischen liege aber die Qualifizierung von Beschäftigten.

Fehleinschätzungen nach der Wende

Einig waren sich die Gesprächspartner, dass nach der Wende die wirtschaftlichen Perspektiven für die neuen Länder falsch eingeschätzt worden seien. Thomas de Maizière: 'Die Faktenlage über das, was kommt, war unsicherer als heute.' Die zu hohen Erwartungen und Illusionen hätten große Enttäuschungen verursacht. Laut Düwel war dies in Rostock 1992/93 spürbar, als große Firmen und der Hafen mit Rationalisierungen begonnen hätten. 'Es gibt Menschen, die seitdem nie wieder Arbeit gefunden haben'- mit gravierenden Konsequenzen für deren Kinder.

Fuchs verwies auf den weltweiten Strukturwandel im Schiffbau, dem auch die Ostsee-Werften unterworfen seien. Der Konflikt um die Treuhand-Fördergelder, die auf Konten des Bremer Vulkan verschwanden, habe deshalb nur eine untergeordnete Rolle gespielt.

Düwel stimmte ihm zu: Die ersten Arbeitsplätze seien in Rostock bereits abgebaut worden, 'bevor der Vulkan kam'. Jetzt müssten neue Wege beschritten werden, wobei unter anderem die Offshore-Technik für Rostock bedeutend sei

Fußball im Vergleich

Weil de Maizière nicht nur Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Länder ist, sondern auch Sportminister, hatte er mit Marco Bode (Ehrenspielführer Werder Bremen) und Stefan Beinlich (Manager Hansa Rostock) auch zwei frühere Bundesliga- und Nationalspieler eingeladen.

Bode sagte, die DDR-Fußballer seien besser ausgebildet gewesen als die westdeutschen. Auch heute sei die Nachwuchsförderung bei Hansa Rostock gut. Dagegen könne Werder Bremen Vorbild für die Profimannschaft des Rostocker Drittligisten sein. 'Zum Beispiel beim längeren Festhalten an einem Trainer.' Was erfolgreiches Sponsoring angehe, so seien dafür seiner Ansicht eher die sportliche Erfolge und weniger das wirtschaftliche Umfeld wichtig. Beinlich räumte Probleme beim Sponsoring ein; der Club habe sogar Landesbürgschaften in Anspruch genommen.

Seit 1987 sind die Hansestädte Bremen und Rostock partnerschaftlich verbunden. Bürgermeister Jens Böhrnsen sprach zum Auftakt der Veranstaltung von einer Aufbaugemeinschaft, zu der sich die Städtepartnerschaft entwickelt habe. Viele Bremer seien beim Aufbau Rostocks nach der Wende dabei gewesen. 'Das hat uns zusammengeführt.'

Auftakt zum 'gemischten Doppel' war am 1. Juni eine Veranstaltung mit dem Städtepaar Halle/Saale und Karlsruhe zum Thema Wissenschaft. Nach dem Bremer Treffen geht es am 24. August weiter in Frankfurt am Main (zum Thema Wirtschaft mit der Partnerstadt Leipzig) und am 17. September in Dresden (zum Thema Kultur mit der Partnerstadt Hamburg).

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