Gaskonzern will Millionen investieren

Bürger gegen neue Exxon-Anlage

Die hohe Krebsrate macht den Menschen in der Samtgemeinde Bothel zu schaffen. Nun will der Erdgaskonzern Exxon ihnen auch noch eine neue Aufbereitungsanlage von Abwässern vor die Nase setzen.
07.10.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Bürger gegen neue Exxon-Anlage
Von Silke Looden

Die hohe Krebsrate macht den Menschen in der Samtgemeinde Bothel zu schaffen. Nun will der Erdgaskonzern Exxon ihnen auch noch eine neue Aufbereitungsanlage von Abwässern vor die Nase setzen.

In dem kleinen Ort Bellen in der Samtgemeinde Bothel ist die Krebsrate hoch. Ausgerechnet dort, mitten in der Erdgasregion rund um Rotenburg, will der Energiekonzern Exxon nun in einer neuen Anlage Abwässer von Bohrstellen im Umkreis von mindestens 60 Kilometern aufbereiten. Eine Bürgerinitiative hat sich formiert und fordert, dass der Konzern die Pläne solange auf Eis legt, bis die Ursache für die häufigen Krebserkrankungen in der Region gefunden ist. An diesem Freitag läuft die Frist für Einwendungen gegen das 3,6 Millionen Euro teure Bauvorhaben aus.

„Wir fürchten die Gefahrguttransporte“, sagt Sabine Holsten von der Bürgerinitiative Gesundheit aus dem Nachbarort Hemslingen und prognostiziert eine Vielzahl von Einwendungen gegen das Projekt. Natürlich sei es besser, die belasteten Anlagenteile zu reinigen und die Abwässer dann ordnungsgemäß zu entsorgen, als sie wie früher unter freiem Himmel zu säubern und die Abwässer dann einfach in die umliegenden Gräben zu leiten. „Aber was, wenn es zu einem Transportunfall kommt?“, fragt sie. Schließlich liege der Standort ganz in der Nähe eines Naturschutzgebietes.

Der Bürgermeister der Samtgemeinde Bothel, zu der Bellen gehört, teilt die Sorgen der Einwohner. Dirk Eberle: „Exxon sollte mit dem Bau der Reststoffbehandlungsanlage warten, bis wir wissen, woher der Krebs in der Region rührt.“ Noch in diesem Jahr erwartet er Untersuchungsergebnisse. Derzeit wertet das Landesgesundheitsamt Daten aus, die vom Gesundheitsamt des Landkreises Rotenburg in einer Bürgerbefragung erhoben wurden. Eberle betont: „Auch wir haben als Samtgemeinde unsere Einwendungen gegen das Bauvorhaben vorgebracht.“ So müsse die beim Reinigungsprozess austretende Radioaktivität besser überwacht werden, betont Eberle.

Bergamt prüft Einwendungen

Geprüft werden die Einwendungen von Bürgern und Behörden nun vom niedersächsischen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) in Hannover. Dort hat Exxon die Aufbereitung von bis zu 2750 Kubikmetern Reinigungswässern pro Jahr beantragt. Das entspricht etwa zwei Tanklastwagen pro Woche. Laut LBEG geht es um Abwässer aus dem gesamten Elbe-Weser-Raum. Exxon-Sprecher Klaus Torp betont, dass die Abwässer nur aus einem Umkreis von 60 Kilometern nach Bellen transportiert werden sollen.

„Dabei handelt es sich nicht um Lagerstättenwasser, sondern um Abwässer von Reinigungs- und Wartungsarbeiten“, betont Torp. Diese sollen in maximal 500 Fässern zunächst zwischengelagert und dann für die weitere Entsorgung aufbereitet werden. Er betont: „Wir haben die Reststoffe bislang an der Bohrstelle Söhlingen Ost aufbereitet und wollen dies nun nach dem neuesten Stand der Technik in einer neuen Anlage in Bellen tun.“

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Dass das Herausfiltern der Schadstoffe notwendig ist, meinen auch Sabine Holsten von der Bürgerinitiative und Samtgemeindebürgermeister Eberle. Gleichwohl halten sie den geplanten Standort für nicht geeignet. Thomas Burmester von der örtlichen Interessengemeinschaft Wiedau sagt: „Die Anlage soll auf unsicheren Boden gebaut werden. Da ist Moor. So eine Anlage gehört in ein Industriegebiet an die Autobahn“, meint der Förster. „Im Falle einer Havarie dauert es zu lange, bis die zuständige Werksfeuerwehr hier ist.“

 "Region nicht zur Müllhalde machen"

Burmester macht sich große Sorgen um die schöne Gegend an der Wiedau. Idyllisch fließt der Nebenfluss der Wümme durch Wald und Flur. „Wir leben gerne hier“, betont der Sprecher der Interessengemeinschaft, „das soll auch so bleiben.“ Er fordert Exxon auf, die Region nicht zur Müllhalde zu machen. „Nicht auszudenken, wenn Benzol, Quecksilber und Co. auf den landwirtschaftlichen Flächen landen“, geht er auf die Sorgen derjenigen Bauern in der Region ein, die noch kein Land an den weltweit operierenden Energiekonzern verkauft oder verpachtet haben.

Während einer Informationsveranstaltung hatte Exxon-Projektleiter Daniel Lögering davon gesprochen, dass mehrere Hundert Kilogramm Quecksilber pro Jahr bei der Reinigung anfallen. Exxon-Sprecher Torp erklärt auf Nachfrage, dass die Reststoffe im Schnitt 1,5 Prozent Quecksilber enthalten. Quecksilber gilt laut Umweltbundesamt nicht als krebserregend, kann aber das Nervensystem erheblich schädigen. Auch wenn die Mitarbeiter aus Sicherheitsgründen Schutzanzüge tragen müssen, sei die Strahlendosis der Reststoffe doch so gering wie bei einem Atlantik-Flug, betont der Exxon-Sprecher. „Für Mitarbeiter und Anwohner besteht keine Gefahr“, erklärt Torp.

Über die Genehmigung der Anlage entscheidet das Landesbergamt. Zuvor aber wird es noch einen Erörterungstermin im Dezember geben. Dann können Befürworter und Gegner noch einmal ihre Argumente darlegen. Bürgermeister Eberle weiß, dass es schwierig werden wird, die Aufbereitungsanlage zu verhindern. Schließlich mache es Sinn, Abwässer dort zu reinigen, wo sie anfallen, betont Exxon. Die Bürgerinitiativen meinen indes, dass die Region der Gasindustrie schon heute zu viel Raum gibt. „Wir wollen wissen, woher der Krebs kommt, bevor uns so ein Ding vor die Nase gesetzt wird“, sagt Burmester und spricht damit wohl für viele in Bellen.

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