Zukunft des Bremer Bahnhofsplatzes Bürger wehren sich gegen Bebauung

Bremen. Immer mehr Bremer wehren sich gegen die geplante Bebauung des Bahnhofsplatzes. Mehr als 800 Unterzeichner einer Online-Petition fordern, dass der gesamte Bahnhofsplatz ein öffentlicher Platz bleibt.
20.05.2011, 17:14
Lesedauer: 4 Min
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Bürger wehren sich gegen Bebauung
Von Sara Sundermann

Bremen. Immer mehr Bremer wehren sich gegen die geplante Bebauung des Bahnhofsplatzes. Mehr als 800 Unterzeichner einer Online-Petition setzen sich dafür ein, dass der gesamte Bahnhofsplatz als öffentlicher Platz erhalten und das sogenannte Investorengrundstück nicht an Private verkauft wird. Am Freitag endet die Mitzeichnungsfrist der EPetition an die Bremer Bürgerschaft.

Zwei siebenstöckige Hochhäuser sollen zwischen Hauptbahnhof und Herdentor entstehen und mehr als 3000 Quadratmeter Innenfläche für Geschäfte, Büros, Arztpraxen und ein Hotel bieten. Dagegen wehren sich die Unterstützer der EPetition. Das Instrument der Online-Petition ist noch jung. Mit diesen digitalen Petitionen können Bürger eigene Forderungen jenseits der Parteien über einen Ausschuss in die Bürgerschaft tragen.

Die meisten eingereichten Petitionen dümpeln mit einem Dutzend Stimmen dahin. Nur wenige haben es auf über 500 Unterstützer gebracht - die Petition gegen die Bebauung gehört dazu. Initiator der Petition ist der Landesvorsitzende der Bremer Linken, Christoph Spehr. Die Linke hatte als einzige Partei im Beirat Mitte gegen die Bebauung gestimmt.

Unbehagen bei vielen Bürgern

„Ich glaube, das Unbehagen aufgrund der Pläne für den Bahnhofsplatz geht quer durch die Schichten und Parteien“, sagt Spehr. „Wenige Bremer wünschen sich die Bebauung, vor allem in dieser Totalität.“ Als Parteimitglied sollte man das Mittel der Petition nicht ständig einsetzen, sagt er, doch es sei ein gutes Instrument, um zu zeigen, dass ein Anliegen eine gewisse Masse habe.

Auch wenn die Petitionen vor allem als Werkzeug für Bürger und nicht für Parteien gedacht sind: Die Unterstützer von Spehrs Petition kommen offenbar keineswegs nur aus dem Kreis der Parteifreunde. „Eigentlich alle, mit denen ich über das Thema gesprochen habe, sind gegen die Bebauung“, sagt zum Beispiel Roberta Menéndez, die die Petition unterschrieben hat.

Kein Platz für Jugendliche und Obdachlose?

„Ich finde den Entwurf für die Bahnhofsbebauung optisch und architektonisch überhaupt nicht ansprechend“, sagt Menéndez. „Der Platz wird zugebaut, dann fühlt man sich doch vor dem Hauptbahnhof wie ein Hamster im Käfig.“ Der Platz sei als sozialer Raum und Versammlungsort wichtig. Menendez befürchtet, dass es in Zukunft kaum noch Platz für Demonstranten, Obdachlose oder Skater geben wird. „Für die Jugendlichen ist das eine Katastrophe, die werden vertrieben. Man will den Platz schön machen, mit Läden und Büros – aber wessen Interessen sind das eigentlich?“, fragt die 33-Jährige, die in der Jugendarbeit tätig ist. „Ich persönlich finde die Vorstellung einfach schrecklich, dass dort ein riesiges Gebäude reingesetzt wird. Das wird einfach zugebaut – das ist schon ein klaustrophobischer Gedanke.“

Die vielfältigen Nutzungen des Platzes sollen erhalten bleiben, fordern die Unterzeichner: Als Aufenthalts- und Begegnungsort, als Skater-Fläche, als Freiraum ohne Konsumzwang, wo man sitzen, sich treffen oder sich öffentlich versammeln kann. Eine Hochhaus-Bebauung lehnen sie strikt ab. Vorstellbar seien Ergänzungen der derzeitigen Nutzungen durch teilweise Begrünung, Bänke oder ein Café. Die Unterzeichner fordern, Vorschläge der Bürger zu sammeln und zu diskutieren.

Beirat verändert Bauplan

Der Beirat Mitte hatte sich dafür eingesetzt, dass der Durchgang vom Hauptbahnhof zum Herdentor nicht eine überdachte Passage sondern eine Straße unter freiem Himmel wird. „Die Beiräte haben selten einen so großen Einfluss auf die Stadtentwicklung ausgeübt wie in diesem Fall“, sagt Robert Bücking vom Ortsamt Mitte. „Wir wollten keine klimatisierte Passage zur Innenstadt, in der jemand anderes als das Hausrecht hat, sondern eine öffentliche Straße.“ Bücking und der Beirat Mitte befürworten die Bebauung. „Der Bahnhofsplatz ist heute im Süden konturlos und kippt in den Verkehrsraum.“ Durch die Bebauung werde der ausgefranste Platz eingefasst und der städtische Raum dramatisiert, sagt Bücking. Durch die neuen Büros könne die Bahnhofsvorstadt und auch die Innenstadt an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnen. Büro-Angestellte, Anwohner und Pendler sollen sich zudem in einem neuen Lebensmittelmarkt versorgen können.

Viel Platz bleibt auch in Zukunft frei

Der frei bleibende Platz ohne das Investorengrundstück sei immer noch so groß wie Marktplatz, Domshof und Domsheide zusammen. Für die Suppenengel, die Obdachlose vor dem Bahnhof mit heißer Suppe versorgen, habe man auch für die Zukunft einen konkreten Ort auf dem Platz gefunden. Außerdem will sich der Beirat Mitte dafür einsetzen, dass für die Skater ein neuer Ort gefunden wird, der nach Möglichkeit zentral gelegen und überdacht sein soll.

Den Plan, den Rand des Bahnhofsplatzes zu bebauen, gibt es nicht erst seit gestern. Seit über zehn Jahren steht das Grundstück zum Verkauf. Es war nicht leicht, einen Investor zu finden, doch schließlich stiegen die Bremer Projektentwickler Helmut Dietrich, der Architekt Max Dudler und die „Achim Griese Treuhandgesellschaft“ aus Hamburg ein. Ab diesem Zeitpunkt beschleunigten sich die Pläne: Anfang April wurden die Pläne der Öffentlichkeit in einer Sitzung des Beirats Mitte vorgestellt. Zunächst hatte der Beirat Bedenken wegen der Passage, am Montag aber hat eine große Mehrheit den abgewandelten Plänen zugestimmt. Nach dem Beiratsbeschluss steht dem Verkauf und der Bebauung jetzt nicht mehr viel im Wege. Am 1. Juni soll der Finanz- und Haushaltsausschuss über die Zukunft des Investorengrundstücks entscheiden.

Kritik an eiliger Planung

Die Linke kritisiert, der Bahnhofsvorplatz-Verkauf solle im Eiltempo durchgepeitscht werden. „Am Sonntag wird ein neues Parlament gewählt, und eine Woche später tagen die alten Parlamentarier noch einmal, um den Verkauf des Bahnhofsvorplatzes durchzuwinken“, kommentiert Klaus-Rainer-Rupp, haushaltspolitischer Sprecher der Linken in der Bürgerschaft.

Christoph Spehr fordert die Absetzung beider Sitzungen. „Auf der Straße gibt es eine ziemlich breite Mehrheit gegen den Verkauf und die Hochhaus-Bebauung. Einen ergebnisoffenen öffentlichen Beteiligungsprozess gab es bisher nicht. Hier wird frontal gegen das Bedürfnis vieler Menschen nach Mitreden und Mitentscheiden durchgeplant.“

Am 30. Mai befasst sich allerdings zunächst der Petitionsausschuss mit dem Protest der Bürger und formuliert eine Stellungnahme zur Forderung, die Bebauung zu stoppen.

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