Finanzielle Anreize für Mediziner

Chefärzte-Boni umstritten

Bremen. Ärzteverbände und Krankenkassen sind besorgt. Sie sehen die ärztliche Unabhängigkeit und das Patientenwohl gefährdet, weil manche Krankenhäuser ihren Chefärzten Boni für Operationen zahlen.
18.02.2013, 08:23
Lesedauer: 3 Min
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Von Carolin Küter
Chefärzte-Boni umstritten

OP eines Krankenhauses.

dpa, Jens Ressing

Bremen. Ärzteverbände und Krankenkassen sind besorgt. Sie sehen die ärztliche Unabhängigkeit und das Patientenwohl gefährdet, weil manche Krankenhäuser ihren Chefärzten Boni für Operationen zahlen. In Bremen werden Ärzte zu dem Thema anonym befragt.

8000 Euro kostet in Niedersachsen etwa eine Operation, mit der verschobene Wirbelkörper wieder in die ursprüngliche Stellung gebracht werden. Ärzte sind in Verdacht geraten, Eingriffe wie diese auch ohne zwingende medizinische Notwendigkeit durchzuführen. Denn sie sind für Kliniken lukrativ – im Gegensatz zu einer Behandlung mit Medikamenten oder Krankengymnastik. „Konservativ zu behandeln lohnt sich nicht“ sagt Heiner Austrup, Chefarzt der Orthopädie an der niedersächsischen Klinik Winsen in Winsen an der Luhe. Der Grund: Diese Therapien würden im Regelfall bei einem niedergelassener Arzt absolviert.

Krankenkassen kritisieren, dass Chefärzte durch Bonuszahlungen dazu motiviert werden, unnötigerweise zu operieren. Neben ihrem Festgehalt bekommen viele Mediziner einen variablen Anteil, der zum Beispiel von der Anzahl der Operationen abhängt. Eine Regelung, gegen die auch die Bundesärztekammer und Ärzteverbände vorgehen. In seinem Krankenhaus gibt es solche Verträge nicht, sagt Austrup, und auch in anderen Kliniken sei es nicht die Regel, dass vorschnell operiert werde.

Merkwürdige Rückfrage

In der Klinik, in der Heike Garbers* arbeitet, waren Bonusverträge mit OP–Prämien bis vor Kurzem noch üblich. Die Chirurgin möchte nicht, dass ihr Name und ihr Arbeitgeber genannt werden, um ihren Ruf nicht zu gefährden. „Ich habe andere Maßstäbe, als auf Masse zu setzen“, sagt die Chefärztin. Sie halte sich an medizinische Kriterien, auch wenn die Klinikleitung darauf aus sei, viele schwerwiegende Operationen abzurechnen. So werde sie schon mal von der Verwaltung gefragt, warum in einem Monat so viele leichte Fälle behandelt worden seien. „Aber ich bin nie unter Druck gesetzt worden“, betont die Ärztin. Inzwischen habe das Klinikum die Verträge der Chefärzte auf deren Initiative hin geändert, so Garbers.

In Bremen hat der kommunale Klinikbetreiber Gesundheit Nord ebenfalls zugesagt, die Vergütung der Chefärzte von der Zahl der Fälle zu entkoppeln. Wie viele Krankenhäuser die Bezahlung ihrer Chefärzte weiterhin an Art und Anzahl der behandelten Patienten knüpfen, ist unklar. Karsten Scholz, der als Justiziar der niedersächsischen Ärztekammer Mediziner berät, schätzt, dass 80 Prozent der Krankenhäuser solche Vergütungsregeln ermöglichen.

Die Bremer Ärztekammer kann keine Auskunft geben. Wie die Bundesärztekammer hat sie eine Kontaktstelle eingerichtet, bei der leitende Ärzte anonymisiert befragt werden, wie ihre Bezahlung geregelt ist. Ergebnisse sollen im März vorliegen.

Vertrauliche Internet-Plattform

„Es gibt viel Hörensagen über das, was schief läuft. Aber keiner will den Kopf dafür hinhalten“, sagt Michael Schmidt*. Der Arzt selbst möchte ebenfalls anonym bleiben. Zusammen mit einem Kollegen hat er die Internetplattform Medleaks ins Leben gerufen, eine Art Wikileaks für das Gesundheitssystem. Wie viele Benutzer dort angemeldet sind, möchte Schmidt nicht sagen.

Ein „Duffy“ schildert auf dem Portal den Fall eines auszubildenden Unfallchirurgen eines nicht benannten Krankenhauses: Er sei für seine Entscheidung kritisiert worden, einen Unterarm-Bruch nur ambulant mit einem Gips versorgt, anstatt operiert zu haben. „Dabei ist das medizinisch genau der richtige Weg“, sagt Schmidt. Für das Krankenhaus ist das aber nicht lukrativ. „Der Patient läuft Gefahr, so therapiert zu werden, wie es wirtschaftlich optimal ist.“

Als die Ursache für zu viele Operationen sehen viele Experten die Fallpauschalen an, die die rot-grüne Bundesregierung 2003 einführte. Die Krankenkassen rechnen Behandlungen nach einer Pauschale ab. Die Bewertung richtet sich nach der Schwere des Falls und ist unabhängig davon, wie lange ein Patient im Krankenhaus verweilt. Die zweite Säule der Krankenhausfinanzierung bilden die Mittel der Länder. Diese passten sich nicht den steigenden Kosten für Personal und Infrastruktur an, kritisieren die Krankenhausgesellschaften. Die Möglichkeiten, Personal abzubauen oder die Verweildauer der Patienten zu verkürzen, seien erschöpft, erklärt Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Bremer Krankenhausgesellschaft. Kliniken bleibe zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage nur, die Zahl der Patienten zu steigern. „Das führt dazu, dass sich die Krankenhäuser die Patienten abjagen.“ Dass Kliniken ihr Personal gezielt anhalten, mehr zu operieren weist er entschieden zurück.

Fritz Uwe Niethard, Generalsekretär der deutschen Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie, sieht das anders. Er spricht von „ökonomischen Fehlanreizen“ und verweist auf AOK-Statistiken, wonach sich die Zahl der Wirbelsäulenoperationen von 2005 bis 2010 mehr als verdoppelt hat.

Für Heidrun Gitter, Präsidentin der Bremer Ärztekammer, sind Zielgrößenvereinbarungen in Chefarztverträgen das Anzeichen einer grundlegenden Fehlentwicklung, die das Gesundheitssystem seit Einführung der Fallpauschalen nimmt: Die Angleichung an ein marktwirtschaftliches System, das auf Wettbewerb ausgerichtet ist.

* Namen von der Redaktion geändert

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