Interview zur Wahl Allendes vor 50 Jahren

„Es war eine Art von Revolution“

Salvador Allende war der Hoffnungsträger vieler Chilenen. Über seine Wahl, sein Wirken und den Putsch gegen ihn sprachen wir mit Alvaro Solar, der 1978 als Chile-Flüchtling nach Bremen gekommen ist.
04.09.2020, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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„Es war eine Art von Revolution“
Von Norbert Holst
„Es war eine Art von Revolution“

Der Sozialist Salvador Allende war von 1970 bis 1973 der demokratisch gewählte Präsident Chiles.

Naul Ojeda/DPA

Herr Solar, Wie haben Sie den Tag erlebt, als Salvador Allende am 4. September 1970 die Wahl gewann?

Alvaro Solar: Meine Familie lebte in einem kleinen Ort in der Region Valparaíso. Es war ein ungeheuer spannender Tag. Niemand hatte bis dahin geglaubt, dass man einen sozialistischen Präsidenten überhaupt wählen kann. In meiner Familie waren wir alle für Allende. Ich kann mich erinnern, dass sein Wahlsieg eine sehr große Überraschung für uns war. Wir haben diesen Sieg richtig gefeiert.

Waren Ihre Eltern eigentlich Sozialisten oder Kommunisten?

Meine Familie war eine ganz normale chilenische Familie. Wir Kinder wurden sehr katholisch erzogen, mit stark humanistischen Werten. Aber die Familie war sehr politisch, wir hatten Verwandte und Bekannte, die waren mittendrin in den politischen Auseinandersetzungen jener Tage. Auch, wenn ich noch sehr jung war, war ich mit diesen Themen schon sehr vertraut und politisch engagiert. Es war damals in Chile gar nicht möglich, nicht politisiert zu sein. Das ganze Land driftete auseinander – man musste sich entscheiden, auf welcher Seite man stand.

Allende war der große Hoffnungsträger?

Absolut, er war der große Hoffnungsträger für uns alle. Es war eine große Bewegung, eine Situation, die heute fast unvorstellbar ist. Es gab große Ideale und Hoffnungen, auch bei den Kommunisten. Das Wissen von heute, was in den sogenannten sozialistischen Ländern in Osteuropas Schlimmes geschehen ist, das war damals noch nicht in den Köpfen. Wir konnten noch träumen!

Hat man damals auch daran gedacht, dass es für Allende und die Unidad Popular ein verdammt steiniger Weg werden würde?

Allende selber hat am 4. September gesagt, dass es schwierig werden würde, diesen Weg zu gehen. Es war ja eine Art Revolution. Man hat sich damals mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, dass die Amerikaner gegen Allende operieren könnten. US-Präsident Richard Nixon und sein Außenminister Henry Kissinger konnten es aus ihrer Sicht nicht zulassen, dass so etwas im Hinterhof der USA passierte.

Das Ende der Ära Allende verlief chaotisch. Es gab Bombenanschläge, Streiks, Demonstrationen. Merkte man, dass sich was Schlimmes zusammenbraut?

Die CIA hat in Chile einen detaillierten Plan zum Sturz Allendes umgesetzt. 1973 blockierten die Lkw-Fahrer die Straßen, sie haben nichts mehr transportiert. Es gab kaum noch Nahrungsmittel in den Läden, wir mussten stundenlang in der Schlange stehen. Aber das lag nicht an der Politik der Unidad Popular, sondern die Lebensmittel wurden systematisch verknappt. Als Pinochet an die Macht kam, waren sie plötzlich wieder da. Es ist auch bewiesen, dass die Lkw-Fahrer mit Millionen Dollar von der CIA gekauft waren. Am Tag des Putsches wussten wir: Es ist vorbei, der Traum ist aus!

Gab es auch Verhaftungen in Ihrer Familie?

Die Soldaten kamen das erste Mal drei, vier Uhr morgens. Das ganze Haus war von Soldaten umstellt. Als ich aufwachte, stand einer von ihnen mit einer Maschinenpistole an meinem Bett und hat auf mich gezielt. Die Soldaten haben einen meiner Brüder mitgenommen. Ein Jahr später, es muss im November oder Oktober 1974 gewesen sein, haben sie mich dann abgeholt. Ich hatte mich nach dem Putsch einer kleinen Untergrundgruppe angeschlossen.

Wie ging es weiter?

Ich kam in das Gefangenenlager Silva Palma in Valparaíso. Dort war ich zwei Wochen in Isolationshaft. In einer ganz kleinen Zelle ohne Fenster, da passte kaum mehr als ein Bett rein. Es gab auch kein Essen, nur Wasser und Brot. Ich habe dauernd die Schreie anderer Gefangener gehört. Danach kam ich in ein sogenanntes normales Gefängnis.

Kann man die Zeit der Haft überhaupt jemals vergessen?

Sie begleitet einen schon durch das Leben, besonders die Verhöre, aber darüber müssen wir nicht reden. Es war nicht gut, das alles zu erleben. Aber es war wichtig, da durchzugehen. Meine Gedanken, meine Stücke, meine Texte, all das ist auch durch diese Jahre beeinflusst. Im Mai ist ein Buch von mir erschienen: „Grenzenlose Hoffnung – Erinnerungen in Zeiten der Flucht“. Ich beschreibe darin die Geschichten von 45 geflüchteten Menschen, die im Gefängnis waren, die verfolgt wurden oder vor dem Krieg geflohen sind und alle nach Bremen gekommen sind. Das Buch ist das Ergebnis eines Workshop-Projekts. Das alles hat natürlich auch mit meinen Erlebnissen in Chile und meiner Flucht zu tun.

Wie sind Sie nach Bremen gekommen?

Nach den sechs Monaten im Gefängnis musste ich mich einmal in der Woche bei den Behörden melden. Ich durfte auch nicht mehr studieren. Ich merkte: Es wird immer enger für mich. Die Flucht hat so geklappt, wie es in solchen Ländern läuft: mit Hilfe von Kontakten, Bekannten, Freunden. Ich bin nach Uruguay gegangen und von dort nach Belgien. 1978 ging es weiter nach Bremen. Ich kannte dort Chilenen. Die Stadt hat sich damals sehr stark für chilenische Flüchtlinge engagiert, vor allem Henning Scherf. Bremen hat uns mit offenen Armen empfangen. Wir konnten gleich wieder studieren. Bremen fand ich ganz toll, von Anfang an.

Das Gespräch führte Norbert Holst.

Info

Zur Person

Alvaro Solar (64)

stammt aus Chile und ist nach dem Putsch von 1973 und einer Haft aus dem Land geflohen. Seit 1978 lebt er als Allroundkünstler in
Bremen: Er ist Schauspieler, Regisseur,
Grafik-Designer, Musiker und Buchautor.

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