Letzte Flasche geht vom Stapel

Coca Cola schließt Bremer Werk

Im Bremer Coca-Cola-Abfüllwerk ist am Mittwoch die letzte Flasche vom Band gelaufen. Das teilte der Getränkeerfrischungskonzern nun mit. Experten machen für das Aus auch das Einwegpfandsystem verantwortlich.
27.07.2016, 12:02
Lesedauer: 4 Min
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Coca Cola schließt Bremer Werk
Von Maren Beneke

Im Bremer Coca-Cola-Abfüllwerk ist am Mittwoch die letzte Flasche vom Band gelaufen. Das teilte der Getränkeerfrischungskonzern nun mit. Experten machen für das Aus auch das Einwegpfandsystem verantwortlich.

Als Frank Schreiber das Werkgelände von Coca-Cola an diesem Mittwochmittag betritt, beschleicht ihn ein seltsames Gefühl. Es sind seine letzten Arbeitstage für den Getränkekonzern in Bremen-Hemelingen, im Werk wurde an diesem Tag die letzte Flasche abgefüllt. 1968 lief hier die erste Brause vom Band, Schreiber hat – wie viele andere Angestellte – lange Zeit für den Hersteller gearbeitet. „Ich bin seit 27 Jahren im Unternehmen, ich habe mein halbes Leben hier verbracht“, sagt der 52-Jährige.

Für Schreiber und seine Kollegen aus der Produktion geht es im Konzern nun nicht mehr weiter. Im März hatte Coca-Cola mitgeteilt, seine Standorte in Bremen und Oldenburg zu schließen. Um wettbewerbsfähig bleiben zu können, müsse die Getränkeherstellung an weniger Standorten gebündelt werden, hieß es damals von Konzernseite.

Weil in Hemelingen aber nicht nur abgefüllt, sondern auch gelagert wird, profitiert nun ein anderer Standort: In Achim entsteht ein neues Logistikzentrum. Wie ein Sprecher am Mittwoch sagte, soll die Arbeit dort im Frühjahr 2017 aufgenommen werden. Bis dahin werden die Lagerkapazitäten in Bremen noch genutzt, die Rote Flotte wird in den kommenden Monaten also noch in Hemelingen zu sehen sein.

Von Bremen nach Achim

Ein Teil der Mitarbeiter, die bislang in der Hansestadt für Coca-Cola gearbeitet haben, wechselt nun nach Achim. Insgesamt sind 319 Angestellte des Konzerns vom Aus des hiesigen Werkes betroffen, 97 von ihnen werden nach Angaben des Sprechers in Achim oder an anderen Standorten weiterbeschäftigt. Mit den restlichen 222 Mitarbeitern seien Aufhebungsverträge vereinbart worden, die Abfindungen oder bestimmte Altersteilzeitregelungen vorsehen.

Dieter Nickel, Geschäftsführer bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Bremen, bewertet die Konditionen für die scheidenden Cola-Mitarbeiter als „gut“. Dennoch sei es schlecht, dass so viele Jobs in Bremen verloren gingen. Er macht dafür auch die Abkehr des Konzerns vom Mehrwegsystem verantwortlich.

Ähnlich sieht das Günter Matzio. Er hat 36 Jahre als Fahrer für Cola gearbeitet. Er ist sich sicher, dass der Schwerpunkt der Fabrik auf Mehrwegflaschen ein Grund für die Schließung war. „Mehrweg verschwindet nach und nach.“ Hemelingen war eine reine Mehrwegproduktionsanlage. Hier wurden leere Flaschen angeliefert, gesäubert, befüllt und anschließend wieder auf die Straße gebracht – Kosten, die ein Konzern durch das Verwenden von Einwegflaschen einsparen kann.

Einführung des Einwegpfands

Der Konzernsprecher nennt das Marktentwicklung. Eine Marktentwicklung, die mit der Einführung des Einwegpfands, im Sprachgebrauch Dosenpfand genannt, im Januar 2003 begann. Lag der Anteil von PET-Einwegflaschen 2002, also vor der Einführung, noch bei 26,2 Prozent, steigerte sich dieser in den Folgejahren und hält sich seit 2010 bei etwa 70 Prozent. Die gegenläufige Entwicklung ist bei den Glasflaschen zu beobachten: Lag deren Anteil 2002 noch bei knapp 37 Prozent, hat sich dieser ab 2011 bei etwa neun Prozent eingependelt.

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Dass Glasflaschen immerhin noch einen Anteil von neun Prozent ausmachen, dafür ist die Bierindustrie mitverantwortlich, wo der Anteil von Glasflaschen bei etwa 80 Prozent liegt. Bei Bier habe sich das Mehrwegsystem über einen langen Zeitraum etabliert, sagt ein Sprecher von AB Inbev in Bremen. Er glaubt nicht, dass sich das in nächster Zeit ändern werde.

Neuer Gesetzesentwurf

Den Unterschied zwischen Einweg- und Mehrweg haben viele Verbraucher offenbar noch nicht verstanden: Wie eine TNS-Emnid-Umfrage vor zwei Jahren ergeben hat, antworteten 48 Prozent der Teilnehmer auf die Frage „Werden bei Mineralwasser alle Pfandflaschen wiederbefüllt?“ mit Ja. Der Arbeitskreis Mehrweg, Auftraggeber der Umfrage, schließt daraus, dass jeder Zweite Einweg- von Mehrwegflaschen nicht unterscheiden kann. Bei beiden Sorten wird Pfand fällig, Einwegflaschen werden nach der Rückgabe im Gegensatz zu Mehrwegflaschen aber nicht wieder neu gefüllt.

Abhilfe soll ein neuer Gesetzentwurf schaffen. In der vergangenen Woche berichteten mehrere Medien, dass die Hinweise „Einweg“ und „Mehrweg“ künftig mindestens so groß gedruckt sein sollen, wie die Angabe des Preises. Der Entwurf soll demnach im Oktober vom Bundeskabinett beraten werden. Bereits im Juni hatten sich 42 deutsche Handelsunternehmen und Getränkehersteller freiwillig selbst verpflichtet, ihre Einwegpfandflaschen demnächst deutlicher zu kennzeichnen als bisher – darunter Pepsico Deutschland, Gerolsteiner, Lidl, Netto, Aldi, Rewe und auch Coca-Cola.

Von Deutschland nach Europa

„Coca-Cola tendiert stark zum Einwegsystem“, sagt auch Sepp Gail, Vorsitzender des Verbandes des Deutschen Getränke-Einzelhandels. Auch er sieht einen Zusammenhang mit der Schließung des Bremer Mehrweg-Werks. Er kritisiert: „Durch Einwegflaschen wird doppelt so viel CO2 verursacht wie durch Mehrwegflaschen.“ Coca-Colahat 2015 etwa seine 1,5 Liter-PET-Flaschen in Deutschland vom Markt genommen und diese durch Einwegflaschen ersetzt. Der Konzern begründete dies mit einer gesunkenen Nachfrage.

Fest steht aber auch: Ebenfalls 2015 haben sich die drei großen Abfüller Coca-Cola Enterprises, Coca-Cola Iberian Partners und die deutsche Coca-Cola Erfrischungsgetränke AG zur Coca-Cola European Partners zusammengeschlossen. Ein Mehrwegsystem, wie es in Deutschland praktiziert wird, gibt es in anderen europäischen Ländern nicht. Das könnte zu einem weiteren Umdenken geführt haben.

Dass das Bremer Werk nun abgewickelt wird, hängt nach Konzernangaben auch mit der Lage inmitten eines Wohngebietes zusammen. Produktionsmitarbeiter Frank Schreiber sagt, dass das Aus für viele Mitarbeiter gar nicht so unerwartet kam. „Wir haben schon damit gerechnet. Die Anlagen sind alt, der Standort zu klein. Früher oder später musste es so kommen.“

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